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EIN
GESPRACH
ENTSTEHEN
LASSEN
Als deutlich wurde, dass das Thema der nächsten
Ausgabe „Gebären“ sein würde, kam im Outside-
Umfeld die Idee auf, die „Mütter der Redaktion“
zu ihren Schwangerschafts- und Geburtserleb-
nissen zu interviewen. Für uns war klar, dass ge-
rade dieses Thema nicht nur aus einer analysie-
renden Perspektive von außen behandelt werden
soll. „Gebären“ bleibt trotz aller daran anknüp-
fenden Themenfelder, die wir im Call for Papers
formuliert haben, letztlich eine körperliche Ange-
legenheit, etwas, das Menschen „am eigenen Leib
erfahren“ — und das durchaus mit gemischten
Gefühlen. Diese herrschten auch angesichts der
Interview-Idee bei unseren Redaktions-Müttern
erst einmal vor. Wollen wir das, uns mit unseren
ganz persönlichen Erlebnissen in den Mittelpunkt
stellen? Ist das, was wir zu erzählen haben, über-
haupt politisch relevant?
Schließlich ist ein Gespräch entstanden, in dem
drei Mütter und eine Nicht-Mutter, drei Redakti-
onsmitglieder und ein Nicht-Redaktionsmitglied
gleichberechtigt über ihre Erfahrungen und Ge-
danken reden. Von der Idee im Sommer 2010 bis
zur druckreifen Fassung ist fast ein Jahr vergan-
gen. In dieser Zeit haben wir viele Mails hin und
her geschrieben, uns mehrmals zu durchaus auf-
wühlenden Vorgesprächen getroffen, telefoniert,
geplant und an Maikes® geraucht und gesoffen.
Das eigentliche, lang vorbereitete Gespräch muss-
te ganz klassisch verschoben werden, weil eines
der Kinder krank geworden war. Und als es dann
ans Bearbeiten ging, bekam eine von uns einen
9-to-5-Job und eine andere quälte sich durch ihre
Abschlussprüfungen, weswegen wir den Großteil
der Kürzungen, der inhaltlichen Ergänzungen
und sprachlichen Überarbeitung zu zweit ge-
stemmt haben.!
Für alle Teilnehmenden war das „Müttergespräch“
ein Anlass, innere Konflikte in Bezug aufs Kinder-
kriegen zum ersten Mal bewusst in einem gesell-
schaftlichen Kontext zu betrachten, sie nicht mehr
(nur) auf sich selbst zurückzuführen und auf das
Gefühl, der Situation individuell nicht gewachsen
zu sein. Schnell wurde klar, dass unsere Unzu-
friedenheit über die Unzulänglichkeit verfügba-
rer Mutterschaftsdiskurse der Ausgangspunkt des
Gesprächs sein würde: die Leerstelle an Erzählun-
gen, die den Mutter-Vater-Kind-Glückserzählun-
gen zuwiderlaufen, die die unangenehmen, ent-
fremdenden Aspekte von Mutterschaft, eventuelle
Versagensängste und den ambivalenten Umgang
mit der Veränderung, die Kinderkriegen bedeu-
tet, im sozialen Umfeld thematisieren.
Es unterhielten sich:
Lotte, 27, lebt in einer 5er-WG mit zwei ei-
genen Kindern, Ronja und Lola, die beide
recht unkompliziert zu Hause das Licht der
Welt erblickten, kämpft seitdem innerlich
wie äußerlich um den Erhalt von Zeiten und
Räumen, in denen sie nicht zuallererst
Mutter sein soll und muss und gleichzeitig
gegen das mehr an Weiblichkeit, das Mutter-
sein oft automatisch zu bedeuten scheint.
Zudem ist sie in letzter Zeit immer wieder
darüber erschrocken, wie oft sie selbst
oder Mütter in ihrem Umfeld ihre Bedürfnisse
gegenüber den angenommenen Bedürfnissen
ihrer Kinder zurückstecken.
Maike, 24, lebt in einer (Ex-)Studi-2er-WG ohne
Kinder. War noch nie schwanger und hat auch
keinesfalls vor, es zu werden - was sich dank
„homosexueller Gesinnung“ (Zitat Frau vom
Gesundheitsamt) relativ unkompliziert gestal-
tet. Ist schon bei zwei Geburten dabei ge-
wesen als Zuschauerin/Unterstützerin: einmal
Kälbchen im Stall, einmal Baby zuhause. War
beide Male aufregend, aber nur das Baby hat
sie hollywood-like zum Heulen gebracht. Kommt
aus dem katholischen Westen und war über-
rascht, wie viel entspannter die neuen ost-
sozialisierten Freundinnen mit dem Thema
Kinderkriegen und Schwangerschaftsabbruch
umgehen.
Natalie, 28, erlebte Schwangerschaft und
Geburt (im Krankenhaus) als relativ problem-
los und hatte meistens das Gefühl, selbst-
bestimmt über alles Wichtige entscheiden zu
können. Besonders getroffen hat sie der
„Clash der Welten“ kurz nach der Geburt: Die
Welt, wie sie ohne Verantwortung für ein
Kind war, die Welt, wie sie sie sich für die
Zeit nach der Geburt ausgemalt hat, und die
Welt, wie sie sich seit der Geburt tat-
sächlich gestaltet. Insgesamt sieht sie ihr
Leben mit ihrem Kind sehr ambivalent. Es
treffen tiefe Liebe, viel Rücksichtnahme und
zahlreiche Ansprüche von innen und außen auf
eigene Bedürfnisse und Interessen. Dies mit-
einander zu vereinbaren scheint eine große
Kunst. Natalie lebt mit ihrem Sohn Frederik
und einer Mitbewohnerin in einer WG.
Ruth, 33, lebt mit ihrem Herzensmenschen
und der gemeinsamen Tochter Mascha (2) und
kämpft noch immer mit den traumatischen
Folgen einer im Umfeld zumeist schöngerede-
ten, selbst aber als grausam und entäußernd
empfunden Geburt und den Folgen des Autono-
mieverlustes seit ihrer Mutterschaft. Ist auf
der Suche nach einem Raum, der es zulässt,
über die Abgründe des Gebärens und die Frag-
würdigkeit einer im Diskurs um Schwanger-
schaft, Geburt und Mutterschaft stets anklin-
genden Natürlichkeit nachzudenken und eigene
Zweifel zu platzieren. Liebt gutes Essen
in großen Portionen und versteckt Süßigkeiten
vor Kind und Mann. Beide sieht sie derzeit
aufgrund einer Vollzeitstelle nur in den
Abendstunden und ist darüber gleichermaßen
traurig und froh.
® Alle Namen von der Redaktion
geändert.
1 Danke an alle, die uns beim
Transkribieren unterstützt’ und
die Rohversion kritisch kommen-
tiert haben!
£j xog ey4 oprsıno
£
NYAYIHD
Ein Gespräch entstehen lassen
Is
GEBURT/
SCHMERZ
Maike: Lotte, von dir hat man ja vor allem Positives über die Schwan-
gerschaften und Geburten gehört ..
Lotte: Ich habe vor allem meine erste Geburt als sehr positiv, als etwas
ganz Besonderes erlebt und bin mit dieser Wahrnehmung wohl eher dem
gängigen Diskurs gefolgt - das bedeutet jedoch nicht, dass es von vorn bis
hinten angenehm war. Trotzdem habe ich nach der Geburt meines ersten
Kindes hinterher meinen Freunden erzählt, es sei ein schönes Erlebnis
gewesen. Zwar habe ich auch die zwei Stunden erwähnt, in denen gar nichts
mehr ging, in denen mir der Schmerz einfach unerträglich schien - aber:
die gehen vorbei. Dass es diese Schmerzen zwar gab, ich ihnen aber in
meiner Erzählung hinterher so wenig Raum gegeben, sie sofort rationalisiert
und lapidar abgetan habe, das entspricht genau diesem klassischen „Im
besten Fall vergisst man das schnell“.
Maike: Du würdest also sagen, dass du die Schmerzen in deinen Erzäh-
lungen verharmlost hast ..
Lotte: Genau. Es wäre falsch zu behaupten: meine Geburten waren insofern
gut, als dass ich da die ganze Zeit super mit mir klargekommen wäre
(lacht). Bei beiden Geburten gab es ein bis zwei Stunden, in denen ich
irgendwie gar nicht Frau meiner selbst war, sondern das, was da passierte,
eigentlich kein bisschen ertragen konnte und nur gehofft habe, dass irgend
jemand irgendetwas macht, damit es endlich aufhört. Aber danach,
in dem Wissen, dass es vorbei ist, taucht auf einmal der Gedanke auf: Das
gehört halt dazu und jetzt ist ja die Belohnung da. Man hat etwas vollbracht,
man hat nämlich dieses Kind zur Welt gebracht und kann stolz sein. Und das
Neue blendet das andere, den Schmerz und das Nicht-Aushalten-Können,
einfach aus, obwohl es da gewesen ist.
Natalie: Was ich verrückt daran finde, ist dass das Wort Schmerz auch
während der ganzen Geburtsvorbereitung - und diese Zeit ist ja
relativ lang - nie fällt. Dass nie davon gesprochen wird, dass die
Geburt eine sehr schmerzhafte und durchaus auch im negativen Sinne
prägende Erfahrung ist.
Ruth: Ich hab das ganz anders erlebt. Ich habe durchaus erlebt, dass über
Schmerzen gesprochen wurde, aber tatsächlich entweder im Sinne von:
„Das gehört dazu.“ oder sogar noch: „Das ist ganz wichtig für das Kind -
das braucht einen gesunden Geburtsstress, um die Anpassung an die Welt
danach irgendwie gut zu meistern.“ Das ist die eine Erzählung, die, in der
es um das angebliche Wohl des Kindes geht. Die andere Erzählung ist so
eine Art Huldigung der Weiblichkeit: Frauen schaffen diesen Schmerz.
Obwohl ich auch schon von Müttern nach der Geburt gehört habe: „Nie
wieder, das war so heftig, das hat mich traumatisiert“, gibt es eben auch
einige, die sagen: „Yeah, ich hab das geschafft und ich bin da durch“,
£/ xoq ayı oprsıno
=
NaUyES9
Ein Gespräch entstehen lassen
und die darauf stolz sind. Und das ist das, was ich so schräg finde: dass,
egal welche Erzählung den Schmerz begründet, dieser immer als notwendig
und damit letztlich selbstverständlich dargestellt wird - obwohl er so
zügellos, gewaltsam, grausam ist.
Es ist doch absurd, dass der Vorgang der Geburt von den sonst gängigen
aufklärerischen Bestrebungen wie Naturbeherrschung, Selbstbestimmung,
körperliche Integrität etc. scheinbar ausgenommen scheint. Für den Vorgang
der Geburt scheinen diese Bestrebungen nicht zu gelten oder sie geraten
unter der Geburt zumindest ins Schwanken. Das, was auch ich will im Vertrauen
auf Vernunft und Rationalität, nämlich Furcht beherrschen, Sicherheit und
körperliche Unversehrtheit erfahren, das wird mir verwehrt oder findet beim
Vorgang der Geburt nicht selbstverständlich statt und ich als Subjekt
werde damit negiert.
Im Diskurs um Geburt, aber auch Schwangerschaft und Muttersein, scheint
auf einmal eine antiaufklärerische Dimension viel selbstverständlicher.
Darauf hat die Autorin Isabelle Azoulay bereits hingewiesen, indem sie zeigte,
dass, obwohl der Begriff des Instinkts eigentlich nicht mehr populär ist,
er dennoch zum Beispiel in der Idee der uneingeschränkten und ad hoc bereit-
stehenden Mutterliebe wieder bemüht wird. Es gibt, darauf weist Azoulay
auch hin, kaum Erzählungen, in denen Mütter vorkommen, die ihr Kind nicht
selbstverständlich lieben. Und wenn davon die Rede ist, dann wird es durch
externe Faktoren begründet: Die Frau kommt aus einem problematischen sozi-
alen Umfeld, ist arbeitslos, hat Probleme, etc- auf jeden Fall ist
fehlende Mutterliebe pathologisch und nicht natürlich. Ein, um es mal
überspitzt zu sagen, schlichtweg aggressives Potential einer Mutter
gibt es nicht bzw. wird nicht thematisiert.
Zweifelsohne geht es in dem Diskurs um Geburt und Co. auch um Selbstbe-
stimmung, sind emanzipatorische Momente darin nicht ausgeklammert.
Im Gegenteil: es ist eine moderne Errungenschaft vor allem der Frauenbe-
wegung, dass man heute nicht mehr unter Fremden, unter Männern in vorge-
schriebenen Positionen usw. gebären muss, es ist fortschrittlich, dass
man heute zu Hause gebären kann, den medizinischen Zugriff im Detail auch
verhandeln und mitbestimmen darf und letztlich eben viel individueller
und selbstbestimmter gebären kann. Seltsam ist aber, dass das dann zumeist
gegen Technik und Medizin gesetzt wird und zwei Pole entstehen: Natür-
lichkeit, Weiblichkeit, sinnliches Erleben auf der einen und Technologie
auf der anderen Seite. Zwischen diesen Polen wird polemisiert.
Und um noch mal auf die Problematik vom Anfang zurückzukommen: Klar wird
man hinterher belohnt und klar war ich froh, dass der Schmerz vorbei war,
dass ich das geschafft habe und dass mein Kind gesund war - das macht aber
die Situation, darüber nicht reden zu können in diesem mit Glück aufge-
ladenen, den Schmerz aussparenden oder irgendwie eindeutigen Diskurs, nicht
besser. Man bleibt mit dem, was an der Geburt vielleicht traumatisch war,
alleine. ner
Lotte: Ich würde diese Aspekte der Nichtselbstbestimmung und der
Polarisierung, die du angesprochen hast, auch noch mal stärken.
Ich würde auch sagen, es gibt den Moment, in dem über Schmerz gesprochen
wird - und zwar im Sinne von: Geburt ist was ganz Schlimmes, kaum
auszuhalten. Ich hab das Gefühl, das kennt man, dass Frauen, die schon
geboren haben, erzählen: Das geht gar nicht, das war furchtbar.
Schmerzen, Blut und das Ausgeliefertsein an die eigene Körperlichkeit.
Und gerade diese Körperprozesse, die sonst in ihre Grenzen verwiesen
werden, treten hier besonders heftig und unkontrolliert hervor und werden
dann auch noch mit Ekel besetzt. h
Und auf der anderen Seite wird es verherrlicht und zu etwas Sinnlichem,
Mystischem, zu einer ursprünglicher Erfahrung verklärt, der man sich
hinzugeben hat. Und wenn man die Natur einfach walten lässt, dann wird
alles gut. Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille: einerseits
diese Abwehr des Körperlichen, die ja auch den Boden bereitet, um davon >
traumatisiert zu werden; und andererseits dann eben die Überhöhung,
die dann im Zweifelsfall den anderen Aspekt deiner Subjektivität, deinen
Verstand, für überflüssig erklärt.
Ein Gespräch entstehen lassen
Ich hatte auch das Gefühl, dass einem in der Zeit vor der Geburt nicht
genügend verschiedene Geburtserzählungen zur Verfügung stehen -
in dem Sinne, dass man die unterschiedlichen Abläufe kennt und alle
Möglichkeiten hätte, darauf reagieren zu können. Vielleicht helfen der
einen die ganzen Angehörigen und Freundinnen, die neuerdings dabei
sein können, oder eine andere Geburtsposition oder Duftöle - aber jemand
anderes braucht eben Schmerzmittel oder einen Kaiserschnitt.
Es ist aber nicht so, dass das alles als bunte Palette zur Wahl steht.
Dir wird nicht gesagt: Das sind die Varianten, so dass Du Dir als
aufgeklärte Frau die Sachen ansehen und dann zwischen verschiedenen
Optionen wählen kannst. Ich hatte nicht das Gefühl, in dieser Situa-
tion zu sein.
Ruth: Vielleicht gäbe es ja sogar die Möglichkeit, dass man schon während
der Schwangerschaft so selbstbewusst ist, dass man sich Geburtshäuser
oder Kliniken anguckt und seinen Willen und seine Forderungen klar formu-
liert. Das Problem ist nur, dass man ja permanent konfrontiert ist mit
so einem glückseligen Idealbild, mit so einer Freude und Unzweifelhaftig-
keit, der man sich auch erstmal irgendwie widersetzen muss mit seiner
Ängstlichkeit, Unsicherheit, mit seiner Idee davon, vielleicht anders
gebären zu wollen. Und gerade als Erstgebärende, wo du sowieso schon mit
einer radikalen Veränderung deines Lebens konfrontiert bist, ist es schwer,
denherrschenden Vorstellungen deine eigenen, abweichenden entgegenzuhalten.
£4 xog oy4 eprsıng
L
NYAYIHD
Bezeichnend für die männliche
icht auf den weiblichen Körper
st hier das maskuline Genus der
ezeichnung »Uterus< für einen
eil der weiblichen Geschlechts-
rgane.
Buse, Gundhild: Als hätte ich
in Schatzkästchen verloren. Hys-
erektomie aus der Perspektive
iner feministisch- theologischen
edizinethik. Münster 2003
Hysterektomie = operative
ntfernung der Gebärmutter
Buse: S. 130.
Zur Etymologie siehe u.a.
use: S. 131.
Buse: S. 136.
Mandy Hauser
Auszüge einer
Kulturgeschichte der
Gebärmutter
Über Jahrtausende hinweg sind Vorstellungen
der Gebärmutter (lat.: Uterus!) als definierendes
Merkmal des weiblichen Körpers durch Mythen,
religiösen Glauben, medizinisch-wissenschaftli-
che Mutmaßungen und Vorurteile geprägt. Ob-
wohl sie teils absurd anmuten und manchmal auf
den ersten Blick eher zum Lachen anregen, ha-
ben und hatten sie einen großen
Schoss einer Frau für die Schwangerschaft, wes-
halb das Zeugen und Gebären eines Kindes als
Ausdruck der göttlichen Schöpfungskraft gelten.
Nicht zuletzt deswegen kommt es zur Glorifizie-
rung und entsprechend überschwänglich positiven
Konnotation der Reproduktionsorgane der Frau.
Weiterhin ist das alttestamentarische Denken
durch die Vorstellung gekenn-
Einfluss auf die heutige Sicht der HYSTERIKERINNEN zeichnet, dass den inneren Or-
Frau, ihre Rollenbilder und zu- ganen bestimmte Gefühle zu-
geschriebenen Charaktereigen- GABSEE Au geordnet werden. Die Leber
schaften sowie die Erklärungsan- RUCKSICHTSLOS, beispielsweise galt sowohl als
sätze und Therapien psychischer GEFÜHLSKALT, Sitz des Schmerzes als auch
und physischer Beschwerden. der Freude und das Herz als
Im Folgenden bewege ich mich NARDOEEE IND das Zentrum des Fühlens und
durch die Kulturgeschichte die- EGOISTISCH. Denkens. Dem Uterus fielen
ses Organs, beginnend im Ers-
ten Testament mit der theologisch-anthropologi-
schen Sichtweise auf den Uterus und den Körper
der Frau, über die Antike und die platonischen
Vorstellungen weiblicher Identität, bis in die Ge-
schichte der Hysterie in Antike, Mittelalter und
Neuzeit. Als vornehmliche Literaturquelle dient
mir dazu die Dissertation von Gunhild Buse?, die
sich aus der Sicht der feministisch-theologischen
Medizinethik mit dem Eingriff der Hysterekto-
mie? auseinandersetzt. Teil dieser ethischen Ana-
lyse medizinischer Praxis ist ein Kapitel zu kul-
turgeschichtlichen Aspekten der Gebärmutter,
welches für die folgenden Ausführungen große
Relevanz hat.
Im Ersten Testament ist neben dem Herzen die
Gebärmutter das am häufigsten erwähnte inne-
re Organ eines Menschen. Der „Schoß der Frau“
gehört nach jüdischem Glauben Gott, denn er hat
ihn erschaffen und schafft auch den Menschen im
Mutterleib. Deshalb ist sowohl die Gebärmutter -
sinnbildlich auch als »Schoß der Erde« bezeichnet
- ein Zeichen des Segens, ebenso die Brüste einer
Frau, die das Kind ernähren. Die Gebärmutter ist
der Ort, an dem Gott Leben schafft: Er öffnet den
die Emotionen Barmherzig-
keit und Mitgefühl zu. Es lässt sich vermuten, dass
das hebräische Wort für Mitgefühl oder Barmher-
zigkeit »rachamim« vom Wort »rächäm« abgeleitet
wurde, was als Gebärmutter oder Mutterschoß
übersetzt werden kann.’ Die biologistische Be-
trachtung so genannter weiblicher Tugenden als
geschlechtsspezifische Charaktereigenschaften
könnte dort ihre Ursprünge haben. Jedoch gilt
Barmherzigkeit in der Bibel generell als Tugend,
deren Erstreben für alle Menschen gleicherma-
ßen bedeutsam ist.
In der Antike wurde die Gebärmutter weit weni-
ger wertgeschätzt. Auch begann hier eine weitrei-
chende Pathologisierung dieses Organs als „Ursa-
che tausendfachen Übels“. Ähnlich wie schon die
alten Ägypter gingen die Griechen davon aus, dass
die Gebärmutter im Körper einer Frau umher-
wandern könne. Es existierte noch kein anatomi-
sches Wissen über den Halteapparat aus Bindege-
websstrukturen und Beckenbodenmuskulatur in
dem sie sich befindet und der eine Lageverände-
rung in diesem Ausmaß unmöglich macht. Durch
ihre Bewegung, so wurde vermutet, könne sie je
nach Ort, andem sie sich aufhielt, verschiedenste
Mandy Hauser
Krankheitssymptome hervorrufen: Sehleiden,
Schwerhörigkeit, Zahnbeschwerden, Glieder-
schmerzen etc. Eine Erklärung für die ‚Wander-
lust lieferte Plato, der die Gebärmutter als ein
Tier beschrieb, welches Kinder benötige, um be-
sänftigt zu werden. Bleibt eine Frau lange Zeit
kinderlos oder hat keinen Sex, durchstreift das
Organ den ganzen Körper und erzeugt dadurch
Krankheiten, bis die Frau endlich ihrer ureigenen
Berufung als Mutter nachgeht. Für Plato war die
Frau auf den biologischen Fortpflanzungsprozess
festgelegt - Schwangerschaft und Geburt galten
ihm als identitätsstiftende Momente weiblichen
Lebens.” Im Gegensatz zum Mann sei die Frau
nicht in der Lage, sich gegen ihren weiblichen
Urtrieb zu Sex und Gebären zu wehren, weshalb
beim Ausbleiben der Mutterschaft sich über kurz
oder lang eine Krise in Form physischer und/oder
psychischer Leiden einstellt.
Diesen Vorstellungen entsprechend sahen auch
die damals angewendeten Therapieverfahren bei
Frauen aus. Hauptziel war es, den Uterus wie-
der an seinen anatomisch
normalen Ursprungsort
zu locken. Ein vergleichs-
weise harmloses Verfah-
ren stellte die sogenannte
Geruchstherapie dar. Bei
dieser mussten die Frau-
en gleichzeitig an übel
riechenden Substanzen
schnuppern und auf ei-
nem Topf mit gut riechenden Bädern sitzen. Man
ging davon aus, dass die Gebärmutter geruchs-
empfindlich sei und sich zu den wohl riechenden
Substanzen hinbewegen würde. Eine andere Me-
thode waren lokale Einreibungen je nach mut-
maßlichem Aufenthaltsort der Gebärmutter.
Die sicherste Möglichkeit, die durch den wan-
dernden Uterus hervorgerufenen Krankheiten zu
heilen, war jedoch die (potentielle) Schwanger-
schaft. Deshalb wurde vor allem Frauen, die bis-
her über keine sexuelle Erfahrung verfügten, Ge-
schlechtsverkehr als heilendes Therapieverfahren
nahegelegt.
Die Vorstellung der wandernden Gebärmutter
hielt sich noch weit über die Antike hinaus. Zwar
ging man im Mittelalter und in der Neuzeit nicht
mehr davon aus, dass sie im ganzen Körper um-
herstreifen könne, jedoch wurde erklärt, dass der
Uterus einer Kröte ähnele - welche nach damali-
gem Glauben als mystisches Tier mit Zauberkräf-
ten galt. Demnach könne sich die Gebärmutter
ebenso wie das Tier aufblasen und vergrößern und
so verschiedenste Unterleibsbeschwerden bis hin
zu Koliken auslösen. Im Körper des Mannes wur-
EINE ERKLÄRUNG FÜR DIE »WAN-
DERLUST’ LIEFERTE PLATO, DER
DIE GEBÄRMUTTER ALS EIN TIER
BESCHRIEB, WELCHES KINDER
BENÖTIGE,
UM BESÄNFTIGT ZU WERDEN.
de im Mittelalter ein ähnliches Organ vermutet,
der sogenannte Bärvater. Auch dieser sollte Be-
schwerden in Bauch und Unterleib hervorrufen.
Hippokrates war der erste, der in der Wanderung
der Gebärmutter auch die Ursache der Hysterie
als, wie man damals vermutete, typisch weibliches
Krankheitsleiden sah.
Der Begriff Hysterie stammt von dem griechi-
schen Wort hystera, mit welchem der Uterus be-
zeichnet wurde. Über Jahrhunderte hinweg gin-
gen vorrangig männliche Wissenschaftler davon
aus, dass es sich bei der Hysterie um eine Krank-
heit handele, die ausschließlich Frauen betreffe
und ursächlich mit der weiblichen Sexualität zu
tun habe.
Hippokrates erklärte, die Gebärmutter steige auf-
grund eines Feuchtigkeitsmangels, der wiederum
durch mangelnden Geschlechtsverkehr hervor-
gerufen wurde, aus dem Unterleib auf und blo-
ckiere die Atemwege. Dadurch käme es zu den
Symptomen, die damals als typisch für die Hys-
terie galten: Blindheit, Taubheit, Gefühllosigkeit,
temporäre Lähmun-
gen, Erstickungsan-
fälle, Ohnmacht etc.
Seine Therapiekon-
zepte sahen oftmals
Eheschließungen und
Schwangerschaft vor.
Der Mythos eines se-
xuell unbefriedigten
Organs hielt sich in
der Ätiologie und Therapie der Hysterie für lan-
ge Zeit.
Betroffen von der Hysterie waren meist Frauen
zwischen 20 und 40 Jahren. Unverheiratete Frau-
en und Jungfrauen galten aufgrund ihres mangeln-
den Sexuallebens als besonders gefährdet. In der
Neuzeit erweiterte sich die ätiologische* Sichtwei-
se um das Bild der hysterischen Frau, die ihre Se-
xualität freizügig durch außerehelichen Sex, Mas-
turbation, Prostitution auslebt. Hysterikerinnen
galten als rücksichtslos, gefühlskalt, narzisstisch
und egoistisch. Die Behandlung der Krankheit
war entsprechend zutiefst repressiv und frauen-
verachtend: Einsperren, körperliche Züchtigung
und Bestrafung z.B. durch den Ehemann wur-
den zu Therapiezwecken empfohlen. Einen Ge-
waltakt, der seines gleichen sucht, stellte jedoch
die operative Entfernung der Klitoris und/oder
der Eierstöcke dar, was den Zweck hatte, den Ge-
schlechtstrieb der Frauen zu unterbinden.
In der Gegenwart wird der Begriff der Hys-
terie aufgrund seiner Geschichte und seiner
geschlechtsspezifischen Bindung nicht mehr ver-
wendet. Als „Nachfolger“ der Krankheit bzw.
7 Zu Platons Schrift Timaios
siehe Schaps: S. 22£.
8 ätiologisch: ursächlich
Ef xog ey eprsıno
6
NAUYIHD
Siehe: ICD-10 (International
lassification of Diseases) der
HO und DSM-IV (Diagnostic and
tatistical Manual of Mental
isorders) der American Psychia-
ric Association.
0 Auch hier kann nicht von einer
rundlegenden Problematisierung
er Klassifikation von Symptomen zu
rankheits- bzw. Störungsbildern
bgewichen werden.
1 vonlat. histrio: Schauspie-
er, Gaukler
jiteratur
use, Gunhild: Als hätte ich ein
chatzkästchen verloren. Hyster-
ktomie aus der Perspektive einer
eministisch-theologischen Medi-
inethik. Münster 2003.
nzenhofer, Bettina: Krankheit
rau. In: An.schläge. Das femi-
istische Maganzin, Juni 2006.
ischer-Homberger, Esther: Krank-
eit Frau. Zur Geschichte der
inbildungen. Darmstadt 1984
chaps, Regina: Hysterie und
eiblichkeit. Wissenschaftsmy-
hen über die Frau.
rankfurt/ Main; New York 1992.
Mandy Hauser
deren Bezeichnung gilt die IM KÖRPER DES MANNES dass heute bei Frauen, die
für alle Geschlechter gelten- keinen Kinderwunsch mehr
dedissoziativeStörung und WURD E IM MITTELALTER hegen, oftmals aus Bagatell-
auch Kon-versionsstörung EIN AHNLICHES ORGAN gründen eine Hysterekto-
und die histrionische Per- VERMUTET. DER mie vorgenommen wird.
sönlichkeitsstörung.” Die- SOGENANNTE 5% RVATER. Kulturgeschichtlich gese-
se Klassifizierungen fassen
Symptome zusammen, die
den „hysterischen“ Symptomen ähneln'’: Disso-
ziative Störungen umfassen u.a. Erinnerungs-
verlust,seelisch-körperlichesErstarren, Sprach-
verlust, Pseudo-Krampfanfälle, Gehstörungen
und Lähmungserscheinungen. Die histronische
Persönlichkeitsstörung!' soll gekennzeichnet sein
durch übertriebene Emotionalität, einem über-
mäßigen Bedürfnis nach Anerkennung, Aufmerk-
samkeit und Bestätigung, einer geringen Frustra-
tionstoleranz, übermäßiges Beschäftigen mit der
eigenen Attraktivität usw.
Große Gefahren bestehen hier nach wie vor in
der meist fremdbestimmten Pathologisierung von
Charakterzügen bzw. psychischen Vorgängen und
der Gradwanderung zwischen dem, was im medi-
zinischen und gesamtgesellschaftlichen Diskurs
als „normal“ gilt und dem, was davon abweicht.
In der Gegenwart steht in Bezug auf die Gebär-
mutter die Entfernung derselben in einer medizi-
nisch-ethischen Diskussion. Buse spricht davon,
hen steht das in der Tradi-
tion der Reduzierung des
Uterus auf rein reproduktive Zwecke, wobei die
Funktionen des Organs nachgewiesenermaßen
durchaus weitreichender sind: So hat es zum Bei-
spiel eine große Bedeutung für die Stabilität des
Beckenbodens und als Sexualorgan.
Und auch wenn im medizinisch-psychologischen
Diskurs eine kritische Haltung zum Zusammen-
hang von Geschlecht und psychischem Befinden
eingenommen wurde und wird, schließt das die
erschreckend alltägliche Reduzierung von Frau-
en auf ihre reproduktiven Fähigkeiten bzw. Re-
produktionsorgane nicht aus: Die „Natürlichkeit“
der Mutterliebe, die „instinktive“ Empathie einer
Frau, das Ulken über das Ticken der „biologische
Uhr“ bei Frauen ohne eigene Kinder oder auch
das allseits beliebte: „Schlechte Laune? Hast wohl
deine Tage, wa?“
MANDY HAUSER
‚nna
OHNE TITEL
\. fragt mich nach der Abtreibung. Ach ja, da war ja was ... Daran denke ich nicht
o oft und nicht so gerne wie an die Geburt meiner Tochter. Ist auch nicht so ein-
ach, es separat zu denken. Der Tod meiner Mutter war zeitgleich und dann, zwei
der drei Monate später, war ich schon wieder schwanger und hab’s behalten. Das
jängt alles irgendwie zusammen.
Jie Abtreibung, Ich bin schwanger geworden, weiß auch genau, wann es passiert
st. Hab es schnell gemerkt. Zwei Wochen später hab ich meine Tage nicht gekriegt,
la war es mir eigentlich schon klar. Schwangerschaftstest, was ist an positiv bitte-
)ositivv Dann Poleiminzetee (ein menstruationsfördernder Tee, den ich von
iner Freundin hatte) getrunken, Fieber gekriegt, aber nicht geblutet. Schiss ge-
riegt und doch zur Ärztin gegangen. Das erste Mal in Leipzig, zu welcher gehe
ch? Kein Bock auf Moralkeule. Ich will auf keinen Fall jetzt ein Kind, wenn über-
jaupt. Grade ein tolles Studium angefangen, meine Mutter liegt im Sterben, ich
verde sie pflegen. Nicht die ganze Zeit, aber in den Semesterferien werde ich einen
Monat übernehmen. Die meiste Zeit werden sich ihre Lebensgefährtin P. und die
"reundin S. abwechseln. Ich kann nicht bei meiner Mutter sein und ein anderes
Nesen in mir haben, sie braucht all meine Aufmerksamkeit.
Mein Körper fühlt sich fremd an, ist mein Feind. Meine Brüste schmerzen und
nir ist die ganze Zeit übel, von wegen nur morgens. Ich fühle mich von meinem
“örper hintergangen, er gehört mir nicht mehr. Ich will ihn wieder haben. Ich
abe noch nicht mal Lust zu rauchen. Die Frauenärztin will nicht, dass ich auf den
3ildschirm schaue, gibt mir aber trotzdem ein Bild mit, für die Klinik, und eine
Jberweisung, Grauer Fleck mit weißem Punkt drin. Das ist es also, so sieht es in
nir aus.
/oruntersuchung und Gespräch in der Klinik. Es gibt in Leipzig nur eine Tages-
linik, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt, frau braucht also nicht über
Nacht zu bleiben. Außerdem werden da noch Brustvergrößerung und Vorsorge-
intersuchungen für Schwangere gemacht. Seltsame Mischung, Auch die Leute, die
m Wartezimmer sitzen. Frauen mit dickem Bauch, Frauen, die heulen. Manche
nit nem Typen dabei, manche ohne. Ich sitze da mit C., meinem Freund, und wir
ühlen uns unwohl, wollen es schnell hinter uns bringen. Gespräch und Unter-
uchung sehr unterkühlt, der Bildschirm muss nicht mehr weggedreht werden,
teht sowieso so, dass ich nichts sehe. „Denken Sie nicht zu viel darüber nach.“ WAS ISTAN
ur Krankenkasse, Kostenübernahme beantragen, wieso erzähl ich eigentlich POSITIV BITTE-
SCHÖN POSITIV?
chon wieder was über meine Gründe? Schwangerschaftskonfliktberatung,
Mist, bei Pro Familia gibt's keinen Termin, also katholische Beratungsstelle,
iberraschenderweise ganz okay. Zumindest will sie mich nicht überreden, das
(ind zu bekommen, sondern eher rausfinden, ob ich es wirklich nicht will oder
loß scheinbar vernünftige Argumente vorschiebe. Danach drei Tage Bedenkzeit,
esetzlich vorgeschrieben.
n der Klinik. Mifegyne: Heute ein Medikament, das die Gebärmutterschleimhaut
ich ablösen lässt und die Öffnung des Muttermundes bewirkt, übermorgen das
ndere, das Gebärmutterkontraktionen auslöst und es damit abbluten lässt. Erste
’ille, da ruft P. an, meine Mutter ist zu Hause. Seit gestern ist sie nicht mehr in der
linik, die Therapie ist beendet, weil sie keine Wirkung mehr zeigt. Es geht meiner
£j xog oy+ eprsıng
LL
NAUVES9
Anna
Mutter sehr schlecht. Vielleicht stirbt sie bald, vielleicht in den nächsten Tagen,
vielleicht in einem Monat. Diesen Punkt gab es in den letzten Monaten schon
mehrmals. Meine kleine Schwester fährt zu ihr ins Wendland. Ich kann nicht, hab
das tote Wesen im Bauch, morgen nehme ich die zweite Pille, morgen kommt es
raus. Habe nie das Wort „Baby“ gedacht.
Für die zweite Pille muss ich wieder in die Klinik. Es dauert etwas, bis sie wirkt,
C. und ich gehen einen Kakao trinken. „Seien Sie in 1% Stunden wieder hier.“ Wir
sind aufgeregt, aber auch froh und ängstlich. Dann zurück in die Klinik. Ich kriege
Krämpfe, will mich hinlegen. Entweder mit C. im Wartezimmer sein oder ohne
ihn im Dreibettzimmer liegen. Ich hätte ihn gerne bei mir, aber mein Bauch tut so
weh, ich will ins Bett.
Ich kriege Durchfall. Es fängt an zu bluten, in riesigen Brocken, da hilft nur auf
dem Klo sitzen und laufen lassen. Ich schwitze und muss kotzen. Es tut so scheiße
weh, ich frage nach einer Ärztin, nach Schmerzmitteln. „Da kann man nichts ma-
chen, tut halt weh“, sagt die. Im Internet stand was anderes. Ich liege im Bett
„DA KANN MAN und heule und wälze herum, probiere möglichst leise zu sein, da sind
NICHTS MACHEN, schließlich noch zwei andre Frauen im Zimmer. Denen geht es nicht so wie
TUT HALT WEH“ mir. Scheiße, läuft da was falsch? Irgendwann tut es nicht mehr ganz so weh.
Blutet immer noch total. Aber ich werde nach Hause geschickt. Mit dem Taxi
nach Hause, schnell aufs Klo, bevor der nächste Blutklumpen kommt. Zu spät. In
der Dusche sitzen und heulen. Schicke C. Schmerzmittel holen. Leg mich ins Bett.
P. hatte mir auf die Mailbox gesprochen, ich soll sie dringend zurückrufen. Ich
rufe an. Meine Mutter ist gestern Nacht gestorben. Ich liege im Bett und heule
und schlafe ein.
Am nächsten Tag fahre ich ins Wendland, meine Mutter hatte sich ein Abschieds-
fest gewünscht, keine Trauerfeier. Dafür, wie scheiße das alles ist, kriegen wir es
doch ganz gut hin. Können zusammen weinen, uns in den Arm nehmen. Mein
Bauch tut immer noch furchtbar weh, ich hab Krämpfe und blute. Meistens weiß
ich nicht, warum ich weine, ob wegen meiner Mutter oder den Schmerzen oder
dem Zellhaufen. Ich erzähl es vielen, hab nicht das Gefühl, mich rechtfertigen zu
müssen, sondern will mich mitteilen, austauschen. Die Reaktionen sind sehr ver-
ständnisvoll und mir wird noch mal deutlich, dass ich mit diesem Thema nicht al-
lein bin.
Wieder zu Hause, ein paar Tage später. Ich rufe in der Klinik an, um einen Termin
für die Nachuntersuchung auszumachen. „Wie, es blutet noch? Kommen Sie so
schnell wie möglich vorbei!“ Scheiße, C. ist nicht da, ich will nicht alleine dahin,
wer weiß, was die mit mir machen. Fühle mich nicht mehr als Herr der Lage, ich
weiß nicht, was in meinem Körper passiert. Kann es jetzt nicht einfach schnell vor-
bei sein? Frage A., ob sie mitkommt. Klar, macht sie. Stundenlang sitzen wir im
Wartezimmer. Wieder diese Pro-7-Brustvergrößerungsdoku in Dauerschleife.
Dann die Untersuchung, eine fremde Ärztin — aua, ist die rabiat! Ich soll noch ein
anderes Medikament nehmen. Und was ist los?! „Ist nicht alles abgegangen, das
neue Medikament wird Wehen auslösen.“ Als ich die Liste mit den Nebenwirkun-
gen durchlese, wird mir schlecht. Ich soll es eine Woche lang nehmen — wenn's
nicht klappt, droht 'ne Ausschabung (Frechheit, dass die dieses Wort in der Klinik
noch benutzen). Es passiert nichts. Außer, dass ich heulend das Baby bitte —
Anna
inzwischen denke ich dieses Wort manchmal -, es jetzt endlich gut sein zu lassen
und zu gehen.
Dann die Ausschabung, im Fachjargon N achcurettage, „Wenn Sie früh in den OP
kommen, müssen Sie nicht warten, sonst bis zu drei Stunden.“ Hey, ich hab Fra-
gen, ich fühle mich nicht ausreichend aufgeklärt und will nicht bis mittags in
diesem bescheuerten Wartezimmer sitzen und mir Arztserien anglotzen! Als ich
das sage, werde ich endlich mal ernst genommen. Meine Fragen werden von einer
Ärztin, der ich noch nicht begegnet bin, beantwortet und ich muss dann doch
keine drei Stunden warten. Vollnarkose, Ausschabung, Aufwachen im Dreibettz-
immer. Ich muss noch zwei Stunden hier bleiben, zur Kontrolle. Es tut nicht weh,
ich schlafe. Als ich aufwache und mein Zeug zusammensuche, liegt eine Frau im
Zimmer und weint, sie hat ihr Baby verloren.
Ich bin unendlich froh, es endlich hinter mir zu haben. Das Ganze hat über einen
Monat gedauert. Solche Komplikationen wie bei mir gibt es bei 2-5% der
Schwangerschaftsabbrüche dieser Methode.
Zweimal kriege ich noch meine Tage, dann bin ich wieder schwanger. Ich bin
wieder unsicher, aber es fühlt sich anders an, mein Körper gehört mir. Es soll wohl so
sein und ich entscheide mich dafür, dieses Kind zu kriegen. Die Situation ist anders.
ANNA
lebt in kollektiven Zusammenhängen und studiert in Leipzig.
£j xog ey4 eprsıno
ge
NYAYIHD
in diesem
Jahr
Grete Thau, Johannes Knauss
Aufgeklärt
Das Museum für Verhütung und
Schwangerschaftsabbruch in Wien
Museum für Verhütung und Schwangerschafts-
abbruch — das klingt in vielen Ohren vielleicht
zunächst einmal wenig vertrauenserweckend. Zu
sehr ist man gewohnt, über diese Themen von um-
triebigen ProLife-AktivistInnen aufgeklärt“ und
informiert zu wer-
den, sodass die Be-
fürchtung nahe liegt,
alsder/die Besucher-
In beim Eintritt von
einem Häuflein Fa-
natikerInnen in Emp-
fang genommen zu
werden. Diese un-
angenehmen Zeitge-
nossen haben be-
kanntlich die Ge-
wohnheit, mit den
Mitteln einer kruden Splatter-Pädagogik zu agi-
tieren und so machten wir uns beim
Eintritt darauf gefasst, dass die Expo-
nate vor allem aus blutigen Föten und
Fotos von Abtreibungskliniken beste-
hen könnten...
Zum Glück wurden diese Befürchtun-
gen gleich zu Beginn der Ausstellung
in Luft aufgelöst. An der Empfangsthe-
ke liegt eine Petition aus, auf welcher
man den Staat Österreich mit einer Un-
terschrift dazu auffordern kann, kos-
tenlos Kondome zur Verfügung zu
stellen. Neben Informationsbroschüren
von Beratungsstellen zum Schwanger-
schaftsabbruch u.a. findet sich eine
Schale mit kleinen Plastikdöschen mit
der Aufschrift »www.femcase.at: und
dem Hinweis »Boxen für 2 Tampons
und 2 Schmerztabletten« zur kostenlosen Mitnah-
me und nicht zuletzt stellt sich schnell heraus,
BEIM BETRETEN DES MUSEUMS FÜHLT
MAN SICH AN DIE REZEPTION
EINER ARZTPRAXIS ERINNERT. DAS GAN-
ZE HINTERLÄSST ALLERDINGS KEIN
STERILES ODER BEKLEMMENDES
GEFÜHL, SONDERN IST VIELMEHR EINE
AUTHENTISCHE UND GELUNGENE
KULISSE FÜR DIE AUSSTELLUNG.
dass das Museum mit einer Ambulanz für
Schwangerschaftsabbrüche zusammenhängt.
Wer die in allen Reiseführern angepriesene Wie-
ner Museenlandschaft kennt, ist womöglich über-
rascht ein Museum zu diesem Thema und in die-
ser Größenordnung
zu sehen. Anders als
die monumentalen
Kunsttempel in der
Innenstadt
sich unser Museum
sehr bescheiden aus,
denn es befindet sich
abseits der Touris-
tenströme in der ers-
ten Etage eines ge-
wöhnlichen Wohn-
hauses auf dem Ma-
riahilfer Gürtel. Beim Betreten des Museums
fühlt man sich an die Rezeption einer Arztpraxis
erinnert. Auch das übrige Interieur verstärkt
dieses Gefühl. Die Exponate, Informations- und
Schautafeln sind in rückwärtig beleuchteten
Schaukästen ausgestellt und die nicht genutzten
Wände werden von weißen Vorhängen verdeckt.
Das Ganze hinterlässt allerdings kein steriles
oder beklemmendes Gefühl, sondern ist vielmehr
eine authentische und gelungene Kulisse für die
Ausstellung. Nach der ersten Erleichterung fällt
sofort auf, dass man es hier mit einem ziemlich
kleinen Museum zu tun hat. Zwei eher kleine,
helle Räume beherbergen die gesamte Ausstel-
lung, sodass unweigerlich der Eindruck auf-
kommt, auf solch kleinem Raum könne nur wenig
Information geboten werden.
Doch schon bald ist man von den Schaukästen
gefangen und wird glücklicherweise eines Besse-
ren belehrt. Die Ausstellung ist zwar sehr text
stark, doch das gut ausgewählte, kurzweilige Quel-
lenmaterial, zahlreiche historische Anekdoten und
nimmt
srete Thau, Johannes Knauss
lie vielen kuriosen Exponate stellen ein ange-
nessenes Gegengewicht dar und illustrieren das
selesene sehr gut. Videosichtplätze zu verschie-
lenen Themen u. a. mit Zeitzeugenberichten, Do-
umentationen oder auch Filmsequenzen und
‚iedern, bieten eine gute Abwechslung zu den
angen Informationstexten und ermöglichen den
MacherInnen, eine beträchtliche Fülle von Ma-
erial auf kleinstem Raum unterzubringen. Wer
lann immer noch nicht genug hat, kann zusätz-
ich auf die Möglichkeit einer Audioguidebeglei-
ung zurückgreifen oder an einer geführten Be-
ichtigung teilnehmen.
'aum 1: Verhütung in altrosa
Es wäre einer der größten Triumphe der Mensch-
eit, eine der fühlbarsten Befreiungen vom Na-
urzwange, dem unser Geschlecht unterworfen
st, wenn es gelänge, den verantwortlichen Akt
ler Kinderzeugung zu einer willkürlichen und be-
bsichtigten Handlung zu erheben, um ihn von
er Verquickung mit der notwendigen Befriedi-
ung eines natürlichen Bedürfnisses loszulösen.“
Freud, Sigmund: Die Sexualität in der Ätiologie
er Neurosen. 1898)!
)ie beiden Räume der Ausstellung sind thema-
sch getrennt. Im ersten Raum wird in in altrosa
ehaltenen Schaukästen die Kulturgeschichte der
erhütung nachgezeichnet, während der zweite
aum sich der Geschichte des Schwangerschafts-
bbruchs widmet.
Vir beginnen unseren Rundgang beim wissen-
haftlichen Rätselraten um den weiblichen Zyk-
ısundder Entdeckung der fruchtbaren Tage (1929)
on Hermann Knaus und Kyusaku Ogino. Ihre
renden VorgängerInnen hatten im letzten Jahr-
undert die widersprüchlichsten Theorien zu die-
»m bis dahin noch ungelösten Problem aufge-
ellt, tragischerweise auch solche, in denen just
ie unfruchtbarsten Tage als die einzig fruchtba-
n ausgegeben wurden.? Im weiteren Fortgang
irdeeine Vielzahl von einfallsreichen Verhütungs-
ethoden aus den unterschiedlichsten Epochen
nd Weltregionen präsentiert. Die Methode der va-
nalen Ausspülung mit unterschiedlichen Instru-
enten wie der »Mutterspritze< oder dem »Mutter-
hr, deren Anwendung übrigens verboten war,
ird sehr anschaulich gezeigt; so wird die wahre
unktion des Bidets in einer kleinen Geschichte
ıthüllt, in der es sich nicht als »lovely« Waschbe-
en >|...] to wash the baby in [...\ darstellt, son-
rn sich viel mehr als ein Becken »|...] to wash
e baby out [...« entpuppt. Verschiedenste Kon-
ymkonstruktionen aus unterschiedlichsten Ma-
terialien sind ausgestellt, von denen eine auf ei-
ner Werbetafel von 1936 damit beworben wird,
nun nicht mehr nur ein halbes Jahr sondern gan-
ze drei Jahre lang verwendbar und darüber hin-
aus beinahe unzerreißbar zu sein. Die aufwendi-
ge Herstellung von modernen Kondomen - von
der Kautschukgewinnung bis zum fertigen Kon-
dom — kann in einer zweiteiligen Kurzdokumen-
tation angesehen werden.
Luftanhalten, Springen, schlängelnde Bewegun-
gen oder Kniebeugen nach dem Geschlechtsver-
kehr zwischen Mann und Frau, eine bestimmte
Stellung beim Sex, das Einführen von Krokodil-
kot in die Scheide, Spülungen mit Coca Cola, ein
Stift zum Verschluss des Penis, der die Ejakula-
tion verhindern soll, die Ablehnung des Spermas
durch die weibliche Psyche und diverse andere
sehr phantasievolle, mystische und leider un-
brauchbare Praktiken gegen das Schwangerwer-
den verdeutlichen die einstigen Irrpfa-
de um Empfängnis und Verhütung und
ebenso auch das stets vorhandene In-
teresse daran, die menschliche Fort-
pflanzung steuern zu können.
An der gegenüberliegenden Wand wer-
den Verhütungsmethoden wie Pille,
Spirale, Vasektomie, Sterilisation der
Frau u.a. in Wirkungsweise und Ent-
stehungsgeschichte zusammengestellt
und deren hürdenreicher Weg zur Le-
galisierung und öffentlichen Akzeptanz
aufgezeigt; denselben Weg, den die Pil-
le danach gehen musste. Mittlerwei-
le ist sie in einigen westeuropäischen
Ländern rezeptfrei in der Apotheke
erhältlich. Ein Kommentar, der auch
auf die BRD zutrifft: »Leider nicht in
Österreich! Bei uns ist sie derzeit noch
rezept- und apothekenpflichtig. Auch
die Kosten von ca. 13-15 Euro werden
in Österreich nicht von der Kranken-
kasse übernommen.«
Der Raum schließt mit dem aktuellen
Stand der Verhütungsforschung und
Entwicklung von Methoden, die sich
sowohl auf die Frau als auch auf den
Mann beziehen. Zurzeit versucht sich
die Wissenschaft an einem empfäng-
nisverhütenden Nasen- und Hautspray
für die Frau. Die Forschungen an der
Pille für den Mann wurden eingestellt,
da, so der Kommentar, Männer eben-
so wie Frauen gelegentlich die Ein-
nahme vergessen könnten, sich aber
kaum Frauen dem Risiko, wegen eines Einnahme-
fehlers des Partners schwanger zu werden, aus-
1 Dieses Zitat eröffnet die Aus-
stellung im Museum für Verhütung
und Schwangerschaftsabbruch.
2 Hätte frau sich auf die Berech-
nungen von Friedrich Eduard
Bilz von 1900 verlassen, der die
fruchtbaren Tage vom 26. bis
zum 6. Tag des Zyklus vermutete,
wäre sie definitiv nicht nicht
schwanger geworden. Hingegen bil-
det die Festlegung der fruchtba-
ren Tage auf die gesamten 28 Zyk-
lustage im American Journal of
Obstetrics und Gynecology von 1900
eine ziemlich wasserdichte Ver-
hütungsbasis.
„Diva*-Präservativs aus Seidengummi
Mein yaxeizi,
wenchnizues
Kondom
ausge-
zogen!
£/ xog ey2 oprsıng
GL
NYAYIHO
; Die Bezeichnung >Engelmacher-
'n< wird heute meist von Abt-
'eibungsgegnerInnen für die Per-
‚on, die Abtreibungen durchführt,
'erwendet. Früher bezeichnete
:r Frauen, welche ungewollte Kin-
ler in Pflege nahmen und sie in
inausgesprochenem Einvernehmen
‚bsichtlich sterben ließen.
ie >machten die Kinder zu Engelns,
ie haben sie quasi >geengelt<.
‚erhard Bronner schrieb 1957 zu
iesem Beruf das Lied >Die al-
'e Engelmacherin<, das man auch
m Museum anhören kann.
setzen würden. »Somit wäre die Pille für den Mann
ein wirtschaftlicher Flop, selbst wenn sie medizi-
nisch funktionieren würde.
Am Durchgang zum zweiten Raum werden Schwan-
gerschaftstests zu Zeiten des alten Ägyptens bis
heute vorgestellt. Beispielsweise musste die Frau
einen Brei aus Datteln und Bier essen; wenn ihr
übel wurde, war der »>Schwangerschaftstest< posi-
tiv. Einer der ersten zuverlässigen und schnellen
Tests war der sogenannte Froschtest, der ab 1940[!]
weit verbreitet war und erst in den Sechzigern
hierzulande von heute noch bestehenden Metho-
den abgelöst wurde. In manchen Ländern wird er
noch heute gebraucht. Bei diesem Test wird Frö-
schen der Harn der Frau unter die Haut gespritzt.
Beginnt der weibliche Frosch zu laichen bzw. der
männliche Frosch Spermien zu pro-
duzieren, gilt die Frau als schwanger.
In einem Video sprechen Zeitzeugen
über diese Methode.
Alles in allem wird die Geschichte der
Verhütung im ersten Raum als eine
durchschlagende Erfolgsstory präsen-
tiert. Es wird deutlich, dass das Be-
dürfnis von Frauen oder Paaren die
Fortpflanzung zu steuern ein sehr al-
tes ist, dass aber gleichzeitig die Mittel
zur verlässlichen, hygienisch und me-
dizinisch einigermaßen verträglichen
Verhütung Errungenschaften aus der
jüngsten Vergangenheit sind. Dass un-
ter dieser lang andauernden Unwissen-
heit (besonders vor dem Hintergrund
der patriarchalen Verhältnisse) vor al-
lem die Frauen litten, wird in der Ausstellung
deutlich. So witzig auch manche Exponate beim
ersten Blick anmuten, kündet die Vielzahl teil-
weise schmerzhafter Methoden (Ausspülen der
Vagina mit verdünnter Essigsäure etc.) vor allem
von der Verzweiflung, die besonders den weibli-
chen Teil der Menschheit dazu trieb, hier eine
unglaubliche Kreati-
vität an den Tag zu
legen. Der qualitati-
ve Sprung, der sich
auf dem Gebiet der
Verhütung im Lau-
fe des 20. Jahrhun-
derts vollzog, zeigt
sich besonders prägnant daran, dass selbst Tech-
niken wie die noch in den sechziger Jahren gefei-
erte Krötenmethode des Schwangerschaftstests
(s.o.) für die heutige BetrachterIn unendlich ana-
chronistisch, ja, geradezu »mittelalterlich< wirkt.
Eine einigermaßen liberale Gesetzgebung in den
meisten europäischen Ländern sowie die auf-
ABTREIBUNGSVERBOTE VERÄNDERN
NICHT DIE ANZAHL DER ABTREI-
BUNGEN, SONDERN NUR DIE UMSTÄNDE
IN DENEN SIE STATTFINDEN.
Grete Thau, Johannes Knauss
grund des wissenschaftlichen Fortschritts mög-
lich gewordenen Verhütungsmethoden ermögli-
chen es heute, mit einer empathischen Haltung
auf solche Phänomene als endgültig überholte Zu-
mutungen der Vergangenheit zurückzublicken.
Raum 2: Von den ‚EngelmacherInnen’
zur Legalisierung von Abtreibungen
Wenn man sich in den anschließenden zweiten
Raum begibt, ist man von blaugrauen Schaukäs-
ten umgeben. Das zeitweilige Amüsement aus
dem ersten Raum verblasst allmählich in Anbe-
tracht der hier behandelten Geschichte und Ge-
genwart des Schwangerschaftsabbruchs.
Die linke Wand ist dem illegalen Schwanger-
schaftsabbruch gewidmet, die gegenüberliegende
Wand dem legalen. Die beiden Seiten werden ver-
knüpft durch die Darstellung der Entwicklung
der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch.
Das Thema wird eröffnet mit der Vorstellung von
Madame Restell. Sie ist eine der bekanntesten
EngelmacherInnen? des 19. Jahrhunderts. Sie hat-
te trotz gesetzlichen Verbots gemeinsam mit ih-
rem Mann ein Versandunternehmen für Verhü-
tungsmittel aufgebaut und führte Abbrüche in
Boston, New York und Philadelphia durch. Auf-
grund ihres Bekanntheitsgrades entstand das Sy-
nonym »Restellismus« für den »illegalen Abbruch«.
In weiteren Schaukästen sind Zeitungsannoncen
von EngelmacherInnen zu sehen, welche sich we-
gen der Illegalität ihres Gewerbes als Hebammen
ausgaben und sich verschlüsselter Hinweise wie
Echt französische Mittel oder Hilfe gegen Stö-
rungen« bedienen mussten.
Durch die gesetzliche Verfolgung von Frauen, die
abtreiben und abtreiben lassen, und derer, die
diese Abtreibung vornehmen, waren die Frauen
gezwungen ohne ärztliche Unterstützung Abtrei-
bungen vorzunehmen und eigene Methoden zu
entwickeln und diese in Codes, wie z.B. Liedern
und Gedichten wei-
terzugeben. Da il-
legale Abbrüche im
Geheimen gesche-
hen müssen, gibt es
auch keine frei er-
hältlichen, geeigne-
ten Instrumente und
keinen offenen Wissensaustausch über die Metho-
den. So ist u. a. eine Fahrradspeiche als »gynäko-
logisches Instrument« ausgestellt. Auch ein Stück
Seife wurde zur Einleitung einer Fehlgeburt ver-
wendet.
Welchen Risiken sich die Frauen aussetzen und
wie unsicher und gefährlich die Methoden sind,
Grete Thau, Johannes Knauss
zeigen verschiedene Zeitungsartikel über Frauen,
die beim Versuch einer Abtreibung starben. Ein
plastischer Körperschnitt zeigt die tödlichen Fol-
gen eines missglückten Abbruchs: Das Einfüh-
ren eines spitzen Gegenstands in die Gebärmut-
ter kann diese leicht durchstoßen und so innere
Blutungen auslösen. Die Zeitungsartikel verdeut-
lichen auch die Vielzahl von Schwangerschafts-
abbrüchen trotz des Verbots. Abtreibungsverbote
verändern nicht die Anzahl der Abtreibungen, son-
dern nur die Umstände, in denen sie stattfinden.
An einem Videosichtplatz kann man einen Aus-
schnitt aus dem Aufklärungsfilm Frauennot —
Frauenglück (1929) von dem Schweizer Sergei Ei-
senstein sehen, in welchem von über zwei Mio.
illegalen Schwangerschaftsabbrüchen jährlich be-
richtet wird.
Nachdem einige europäische Länder in den fünf-
ziger Jahren die Abtreibungsgesetzgebung libe-
ralisierten — Vorreiter waren hier die Schweiz so-
wie einige sog. realsozialistische Länder - setzte
schon bald ein regelrechter Tourismus von Frau-
en ein, die in ihren Heimatländern keine legale
Abtreibung vornehmen lassen konnten. Die weite
Verbreitung dieser Praxis schlug sich bisweilen
sogar in der Alltagssprache der jeweiligen Länder
nieder, so dass Voyage Suisse« in Frankreich und
»Going to England: in Irland schon bald zur ste-
henden Wendung für Abtreibung: wurde. Mit der
sich ändernden Gesetzeslage änderten sich auch
die Routen der abtreibewilligen Frauen, sodass
nach der Schweiz u.a. Großbritannien und Hol-
land zu Zentren des Abtreibetourismus wurden.
Ein besonders groteskes Beispiel ist das Verhält-
nis von Schweden und Polen: während früher
Schwedinnen ins realsozialistische Polen reisten,
hat sich nach dem juristischen Rollback im Zuge
der Rekatholisierung im postsozialistischen Polen
die Reiserichtung Hilfe suchender Frauen umge-
kehrt.*
Der Grundstein zum Abtreibungsverbot ist schon
zu Zeiten der Kaiserin Maria Theresia 1768 gelegt
worden. Als Strafe galt die Hinrichtung durch das
Schwert. Von dort an hat das Verbot des Schwan-
gerschaftsabbruchs es bis zu einem Paragraphen
(218$ (BRD)/96$ (A)) ins heutige Strafgesetzbuch
(StGB) geschafft und ist mit Freiheitsentzug be-
legt. In diversen Subregelungen in diesen Paragra-
phen wird exakt bestimmt unter welchen Bedin-
gungen eine Abtreibung in Österreich und der
BRD straffrei ist.
Bis dorthin war es allerdings ein steiniger Weg.
Auf herausnehmbaren Tafeln werden einzelne
Abtreibungsprozesse und Fälle durch die Jahr-
zehnte geschildert, die die Grausamkeit dieser
Gesetze verdeutlichen. Die Frauen wurden meist
mit Kerker und Peitschenhieben bestraft. Den
Hebammen, welchen die Durchführung einer
Abtreibung nachgewiesen werden konnte, wurde
ein lebenslanges Berufsverbot ausgesprochen, was
sie schließlich durch die Arbeitslosigkeit in die Ar-
mut trieb.
In diesem Zusammenhang stellt das Museum
die berechtigte Frage: »Wer entscheidet über die
Fruchtbarkeit%. Ein Schaublid zeigt eine weibli-
che »Notausgangfigur«, welche vor den Institutio-
nen: Mann/Vater/Bruder/Sohn, Arzt/Ärztin, Mili-
tär, Justizsystem, Wirtschaft, Kirche, Staat fliehen
will. Zum Staat wird Kurt Tucholsky das Wort er-
teilt:
‚Für mich sorgen sie alle: Kirche, Staat, Ärzte
und Richter. Neun Monate lang. Wenn aber diese
neun Monate vorbei sind, dann muß ich sehn, wie
ich weiterkomme. Die Tuberkulose? Kein Arzt
hilft mir. Nichts zu essen? keine Milch? — kein
Staat hilft mir. Qual und Seelennot? Die Kirche
tröstet mich, aber davon werde ich nicht satt.
Fünfzig Lebensjahre wird sich niemand um mich
kümmern, niemand. Da muß ich mir selbst hel-
fen. Neun Monate lang bringen sie sich um, wenn
mich einer umbringen will.
Sagt selbst: Ist das nicht eine merkwürdige Für-
sorge? (Nach: Die Leibesfrucht spricht. 1931)
Dieser chronologischen Darstellung über die Ent-
stehung des Abtreibungsverbots
und des damit einhergehenden
Kampfes dagegen ist die Über-
schrift Die Unbarmherzigkeit des
Staates... ist überwunden« gege-
ben.
Denn 1975 wird der Schwanger-
schaftsabbruch finalement legali-
siert. Dass die Müttersterblichkeit
durch die Aufhebung des Verbots
zurückgehen würde, war schon
1926 bekannt, da die Sowjetunion
bereits ab 1920 Abtreibungen lega-
lisiert hatte und die positiven Fol-
gen spürbar waren.
In diesem Raum wird vor allem
eines noch einmal deutlich vor
Augen geführt: die schreiende
Diskrepanz zwischen den me-
dizinischen Möglichkeiten, dem
Bedürfnis von Frauen abzutrei-
ben und der Gesetzgebung. Denn
ein Blick auf die hier ausgestell-
ten Weltkarten des Abtreibungs-
rechts offenbart, dass es außer-
halb von Europa, Nordamerika
(mit Kuba) und einigen wenigen
Ländern, wie z.B. Südafrika und
4 Polen hat bereits 1955 Abtrei-
bungen legalisiert, doch die
Wiedereinführung des Abbruchver-
bots 1993 [!] dauert bis heute
an. Dieses Jahr im Herbst wird im
polnischen Parlament über eine
Novellierung des Abtreibungsgeset-
zes entschieden, welche Abtrei-
bungen in Polen u.a. auch bei Ge-
fahr für das Leben der Mutter
verbietet. In Barbara Schnalzgers
Artikel in dieser Ausgabe >»Erst
rette ich Polen, dann mach‘ ich
die Wäsche< zum Matka Polka-
Mythos kann mehr zur Situation
in Polen gefunden werden.
MARIE Stores
VASECTOMY Cuinics
0R00 590 390
£j} xoq ey4 sprsang
ZL
NaUYES9
; Zugang für die weltweite Öffent-
lichkeit bietet eine sehr um-
angreiche virtuelle Museumstour
ıuf der Homepage des Museums
(http://de.muvs.org/museum/tour).
lier stehen Videos und eine
<omplette Bilderreihe der Ausstel-
lung und vieles mehr zu freien
Jerfügung.
{USEUM FÜR VERHÜTUNG UND
SCHWANGERSCHAFTSABBRUCH
Aariahilfer Gürtel 37, 1. Stock
1150 Wien
YWW.muvs.org
Tunesien, um das Recht auf Abtreibung ziemlich
düster bestellt ist. Auch wenn vielleicht mancheR
KulturrelativistIn dies nicht wahr haben möchte,
der/die Abtreibungsrechte für westlichen Quatsch
hält, die die vermeintlich so anderen Frauen au-
Berhalb der »ersten Welt: vielleicht gar nicht nötig
haben, spricht die Empirie eine andere Sprache:
Abgetrieben wird überall, meistens jedoch unter
potentiell tödlichen Bedingungen. Denn wäh-
rend eine sachge-
mäß durchgeführ-
te Abtreibung auf
dem wissenschaftli-
chen state ofthe art
unter gesundheitli-
chen Aspekten für
die Frau weniger ge-
fährlich ist, als die
Geburt eines Kin-
des, sterben nach
wie vor 186 Frauen
täglich an den Fol-
gen einer illegalen Abtreibung. Diesen Zustand
im globalen Maßstab zu ändern, bleibt auch im
Jahr 2011 eine Forderung der feministischen Ge-
sellschaftskritik.
Die Tnitiatividee für das Museum hatte Dr. Chris-
tian Fiala, Arzt für Allgemeinmedizin und Gynä-
kologe aus Wien. Durch seine Reisen in unter-
schiedliche Teile der Welt, bei welchen er immer
wieder auf die widrige Situation von Müttern und
Frauen gestoßen wurde, hatte er die Idee zum
Museum für Verhütung und Schwangerschafts-
abbruch. Er selbst ist Leiter der dem Museum ge-
genüberliegenden Ambulanz für Beratung zur
ungewollten Schwangerschaft und Schwanger-
schaftsabbruch (www.gynmed.at), deren Home-
page sehr fundierte und gut sortierte Informa-
tionen enthält.
Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum,
dass das Museum ebenso wie zahlreiche andere
FeministInnen, AbtreibungsärztInnen usw. be-
ES WIRD DEUTLICH, DASS DAS BEDÜRF-
NIS VON FRAUEN ODER PAAREN DIE
FORTPFLANZUNG ZU STEUERN EIN SEHR
ALTES IST, DASS ABER GLEICHZEITIG
DIE MITTEL ZUR VERLÄSSLICHEN, HYGIE-
NISCH UND MEDIZINISCH EINIGER-
MASSEN VERTRÄGLICHEN VERHÜTUNG
ERRUNGENSCHAFTEN AUS DER
JÜNGSTEN VERGANGENHEIT SIND.
Grete Thau, Johannes Knauss
reits zur Zielscheibe der sexuellen Konterrevo-
lution geworden ist. Neben vereinzelten Protest-
aktionen vor dem Museum versuchen ProLife-
AktivistInnen und VertreterInnen der Katholi-
schen Kirche der öffentlichen Werbung der
Abtreibungsambulanz entgegenzuwirken: Neben
jedem Plakat der Ambulanz in den Wiener U-
Bahnstationen hängt nun ein Werbeplakat der
Kirche. Doch wer weiß, vielleicht hätten sich
selbst Maria und Jo-
seph damals über
diese Beratungsstel-
le gefreut...?
Es bleibt zu hoffen,
dass das Treiben
oben genannter Ge-
stalten dem Erfolg
des privat finanzier-
ten Museums kei-
nen Abbruch tut
und es vielleicht so-
gar einmal mittels
staatlicher Fördergelder die Möglichkeit erhält,
eine größere Öffentlichkeitswirkung zu entfal-
ten.° Ein Besuch lohnt sich indes bereits jetzt,
denn in diesem im besten Sinne des Wortes auf-
klärerischen Museum kann wohl jedeR noch et-
was über ein Thema erfahren, das leider immer
noch nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es
eigentlich verdiente.
GRETE THAU UND JOHANNES KNAUSS
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Ein Gespräch entstehen lassen
I —
AUFKLÄRUNG &
NATUR-
SEHNSUCHT
Ruth: Ich finde das so doppelzüngig oder doppelmoralisch. Auf der einen
Seite - und das meinte ich vorhin mit dieser antiaufklärerischen
Dimension - wird heute so viel Wert auf Autonomie, auf materielle Unab-
hängigkeit, Naturbeherrschung, auf körperliche Unversehrtheit und das
Recht der Abwehr des Zugriffs gelegt. Und auf der anderen Seite wird in
Bezug auf Geburt über diesen, ich sag jetzt mal: animalischen Aspekt
lieses Vorgangs, der der Selbstbestimmung der Frau total zuwiderläuft,
sinfach nicht geredet. In Bezug auf Geburt scheint es auf einmal wieder
‚öllig normal, dass Natur wirkt. Also dass das, was Aufklärung alles
bedeutet, für Frauen, die ein Kind gebären, nicht gilt!
Maike: Um mal eine Gegenposition einzunehmen: ist nicht die Tatsache,
dass da „Natur wirkt“, wie du das gerade ausgedrückt hast, auch etwas,
was es zu bewahren gälte? Geburt ist ja tatsächlich einer der wenigen
Bereiche, in dem etwas auf einer körperlichen Ebene passiert, das sich
der eigenen Kontrolle entzieht, ein Vorgang, in dem man notgedrungen über
sich hinaus wächst - dass das auch grausam sein kann, das glaub ich
euch sofort - aber trotzdem: ist nicht dieser Aspekt der Grenzerfahrung
und des Erlebens einer „natürlichen“ Kraft auch reizvoll? Ich kann mir
vorstellen, dass das auch ein Grund ist, warum Frauen das gerne machen
wollen, schwanger sein und gebären. Weil es solche Bereiche kaum noch
gibt in dieser durchrationalisierten Gesellschaft, in der es sowieso schon
genug um Naturbeherrschung und Effektivität geht, darum, sich selbst
immer schön im Griff zu haben, sich zu „beherrschen“.
Ruth: Aber wenn man Lust hat auf Furcht und Lebensbedrohung kann man
ja einen Survivaltrip machen und sich im Nirgendwo aussetzen lassen.
nenn ich mich aber entscheide, ein Kind zu bekommen, weil ich ein Kind
will, und ich bin dann notgedrungen in so einer Situation, dann ist
las doch bekloppt!
Natalie: Es geht ja um die Wahlfreiheit. Ein Survivaltrip ist etwas,
das ich freiwillig machen kann, aber bei einer Geburt hast du zwischen-
durch kaum die Kontrolle über dich und deinen Körper oder kannst deine
Bedürfnisse nur schwer vermitteln, und dann kannst du es dir auf einmal
nicht mehr aussuchen - dann ist es etwas, das einfach mit dir passiert.
Ruth: Ja und es passiert schon viel früher, und das ist das was mich
an diesem Thema so irre beschäftigt - dass dadurch, dass diese
Naturhaftigkeit“ verbunden ist mit diesem Diskurs, man da schon vor
ler eigentlichen Geburt nicht dran vorbeikommt. Das ist alles so
aufgeladen mit so einer scheinbaren Natürlichkeit, die überhaupt nicht r
mehr in Frage gestellt wird. Das hatten wir zuletzt schon, als es
jarum ging: Stillen ist das natürlichste und wunderbarste fürs Kind.
As gibt tausend Frauen, die nicht stillen können und es gibt tausend
technische Hilfsmittel, die dazu benutzt werden, damit Frauen stillen
Ein Gespräch entstehen lassen
können. Es gibt: Hütchen und Tütchen und haste nicht gesehen. Wenn das
ganze Ding so natürlich ist - dann ist das doch total schräg. Oder
eine anderes Beispiel: dieses Bonding!. Das Bonding ist angeblich ganz
wichtig für das Kind. Das Kind kommt auf die Welt und wird auf die
Brust gelegt und - zack! - das ist der Moment, wo die Mutterliebe ganz
natürlich losspringt. Was ist mit Frauen, die aus irgendwelchen
Gründen kein Bonding haben können? Und was ist mit Frauen, die das Bon-
ding haben, aber hinterher trotzdem nicht ad hoc die „natürliche“
Mutterliebe empfinden?
Maike: OK, ich verstehe was du meinst - und ich würde euch in eurer Kritik
auch voll und ganz zustimmen. Trotzdem glaube ich, dass Schwangerschaft
und Geburt auch etwas ist, worauf Sehnsüchte projiziert werden, die sonst,
scheinbar, nirgends Platz finden. Außer vielleicht in der Paarbeziehung,
die ja auch völlig überladen ist mit Ansprüchen und Erwartungen. Das und
dieser enge Kontakt zwischen Mutter und Kind, beim Stillen, sind die
Bereiche, in denen eine körperliche Verschmelzung, eine Entgrenzung, ein
Einswerden denkbar wird bzw. sogar erwartet wird. Ich denke schon, dass
man dieses Bedürfnis ernst nehmen muss, auch wenn ich die Umsetzung, also
das Abschieben der Bedürfnisse auf ganz bestimmte private Räume proble-
matisch finde. Eine gesellschaftskritische Perspektive muss ja auch mitden-
ken, dass noch mehr Naturbeherrschung und noch mehr Autonomie im Sinne
von sich selbst ganz individuell unter Kontrolle haben nur die eine Seite
ist. Die andere Seite wäre die Frage: wo gehen wir aber hin mit einer
Sehnsucht nach so was Unmittelbarem, nach so was ganz Körperlichem, einem
Raum, wo sich unsre Grenzen in einem positiven Sinne auflösen, wo wir
mit unserer eigenen Naturhaftigkeit konfrontiert werden .. Mal in den Raum
gestellt, ob das überhaupt geht.
Ruth: Ja, aber gerade für diese Leute gibt es schon ganz viel.
Du kannst in deiner Schwangerschaftsvorbereitung sinnliches Yoga machen
und Bauchtanz mit körperlicher Selbsterfahrung - das Angebot ist
riesig. Der Punkt ist doch, dass dieser Diskurs gerade diesbezüglich so
eindeutig ist. Es gibt jenseits von: „Sie haben ein Bedürfnis nach
Natürlichkeit, dann kommen sie doch zu uns und bringen sie ihr Kind unter
Schmerzen auf die Welt - juhu“ keine oder kaum eine andere Art,
Schwangerschaft und Geburt selbstbestimmt zu erleben.
Maike: Stimmt - aber dieses Bedürfnis gilt ja jetzt nicht nur für Schwan-
gere. Ich meinte eher noch eine Stufe davor - also grundsätzlich als
ein Bedürfnis von Menschen nach einer Körperlichkeit, die vielleicht auch
einen Aspekt des nicht gänzlich Berechenbaren hat und in der eine Grenz-
überschreitung oder Entgrenzung im positiven Sinne erfahren werden kann.
Dass zumindest Frauen tendenziell die Möglichkeit haben, sich das,
natürlich ideologisch völlig aufgeladen, über Schwangerschaft zu holen.
Ruth: Ja, aber das Problem ist, dass man oder dass zum Beispiel ich in
diesem Diskurs gefangen bin und dadurch selber im Vorfeld der Geburt
die Vorstellung und den Wunsch nach was Romantischem und Schönem hatte
und dachte, o.k. ich schaff das, ich und mein Kind, wir kriegen das hin;
aber da ich dann letztlich einen Notkaiserschnitt hatte, war und bin ich
vom Gefühl des Scheiterns geplagt und von so Gedanken wie: ich habe mei-
nem Partner das Kind nicht richtig geboren, ich hab die natürlichste
Sache der Welt nicht geschafft, ich hab es nicht hingekriegt mit oder
trotz dieser Weiblichkeit. Weißt du, was ich meine? Das ist ja auch
noch so ein Punkt, dass selbst wenn man auf diese Körperlichkeit Lust
hat, man Erfahrungen des Scheiterns machen kann und das dann proble-
matisch ist. Aber ich weiß auch was du meinst.
Lotte: Dieses einfach Natur sein können, welches Frauen im Vergleich zu
Männern sowieso schon stärker zugeschrieben wird, kann und wird von den
Frauen in den Momenten von Schwangerschaft, Geburt und Muttersein oder
auch in der körperlichen Zweisamkeit mit einem Baby expliziter ausgelebt.
Ich würde dir schon auch zustimmen, Maike. Möglicherweise ist das schon
1 steht in der Entwicklung-
spsychologie für den ersten
Bindung stiftenden Kontakt
zwischen Mutter und Kind,
der häufig in dem Moment nach
der Geburt gesehen wird,
in welchem der Mutter ihr
Neugeborenes auf die Brust
gelegt wird.
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Rürhs O.X8,
auch ein Grund, so eine Sehnsucht nach krasser Nähe, einer krassen Körper-
lichkeit, nach einem Gefühl, das sonst wenig Raum hat. Auch wenn sich in
diesem romantischen Bild von Schwangerschaft und Geburt dann doch nicht
alle wiederfinden, oder manche auch merken: das ist gar nichts für mich.
Dieses ideologisch Aufgeladene ist daran zu kritisieren, aber nicht das
Bedürfnis selbst, das vielleicht auch andere Menschen haben, denen jedoch
ein Raum fehlt, es sich holen zu können.
das verstehe ich.
Maike: Aber das sind eben genau die zwei Seiten von dieser Ideologie.
Einerseits ist diese Ideologie der einzige Raum - nicht der einzige aber
ein ganz großer Raum - wo das reininterpretiert wird, also wo solche
Bedürfnisse hingeschoben werden. Und wenn ich jetzt denke: ich will mehr
Geborgenheit und ich will ganz viel Innigkeit und ganz viel Nähe, dann
komme ich auf die Paarbeziehung und von der Paarbeziehung ganz schnell zum
Baby. Inwieweit kriegen Leute wirklich Kinder, weil sie Kinder total
super finden - oder vielleicht kriegen sie auch Kinder, weil sie Sehnsucht
nach Sicherheit, nach Geborgenheit, nach Kuscheligkeit haben und weil
das halt was ist, was zu wenig auf anderem Weg erfahrbar ist? Und anderer-
seits hält die Ideologie einfach nicht, was sie verspricht, und produziert
dann unter anderem dieses Gefühl des individuellen Scheiterns, von dem du
„gesprochen hast, Ruth.
Ruth: Ja das sagt man ja auch, dass einer der häufigsten Kinderwünsche
verknüpft
bedeutet,
ist mit dem Wunsch nach Sicherheit und Kontinuität, was ja
er resultiert aus einer Situation der Unsicherheit und Dis-
kontinuität. Bedürfnisse sind ja eine Reaktion auf Mangel. Und heftig
ist, dass es dann häufig diesen Bruch nach der Schwangerschaft gibt -
ich meine klar, vielfach ist es dann vielleicht auch ein Gefühl von Kon-
tinuität und Sicherheit - aber für einige bedeutet es eben auch
Einsamkeit oder Überforderung und man ist nicht mehr sicher. Und die
Körperlichkeit heißt dann nur noch Müdigkeit.
7
Melanie Babenhauserheide
„Nicht ohne Sträuben “
Libido und Fortpflanzungsfunktion
In Gerd Brantenbergs Roman Die Töchter Ega-
ias aus den 70er Jahren, dessen Handlung in ei-
nem zu den patriarchalen Verhältnissen spiegel-
verkehrten Matriarchat spielt, wird deutlich, wie
‚entral die Gebärfähigkeit für die Herausbildung
:iner Geschlechterhierarchie war: In dieser fikti-
»nalen Umkehrung sind Frauen das starke Ge-
chlecht, weil sie ja die Kinder in die zarten Hän-
le der Männer gebären. Dass diese nur den Sa-
nen geben, während die Frauen aktiv Kinder
yroduzieren, weist Männern gesellschaftlich die
ıntergeordnete Position und einen Platz in der
teproduktionssphäre zu. In unserer Gesellschaft
iingegen wurden Frauen
inter Bezugnahme auf ih-
e Gebärfähigkeit in die
;phäre der Reproduktion
bgeschoben und mit Na-
ur assoziiert bzw. auf ih-
e Naturnähe und Natür-
chkeit festgelegt — und
lamit oft auch als unfähig
u großen kulturellen Leistungen begriffen. Die
sebärfähigkeit von Frauen nahm in der Ge-
chichte feministischer Bewegungen einen wich-
igen Stellenwert ein - von den Demonstrationen
egen den $218 bis zu differenzfeministischen
‚nnahmen. Im Zeitalter von (De-)Konstruktivis-
tus, Queer-Politics und Doing Gender-Ansätzen,
ı denen die (soziale) Konstruktion von Ge-
hlecht ins Zentrum (post-) feministischer The-
riebildung rückt und in einigen poststruktura-
stisch inspirierten Ansätzen sex und gender
eitgehend in eins fallen!, stellt Schwangerschaft
nd Gebärfähigkeit feministische Theorie vor ei-
ige Herausforderungen. Schließlich liegt, wenn
; ums Gebären geht, die Frage nach dem Ver-
ältnis von Natur und Geschlecht nahe, denn au-
»nscheinlich gibt es hier etwas, das zumindest
ele Frauen in einem bestimmten Zeitabschnitt
GERADE IM FALLE DER
SCHWANGERSCHAFT SCHEINT
DIE VERQUICKUNG VON
NATUR UND KULTUR OFFEN-
SICHTLICH.
ihres Lebens von Natur aus können, Männer aber
nicht. Darin, wie schwangere Frauen behandelt
werden, dass sie etwa von GynäkologInnen zu teil-
weise gefährlichen Untersuchungen überredet und
mit Nahrungsergänzungsmitteln vollgestopft wer-
den oder plötzlich auf Partys alleine dasitzen,
weil sie als Trägerinnen eines als unschuldig und
reinzuhaltenden imaginierten Wesens nicht mal
auf drei Meter Entfernung mit Zigarettenrauch
konfrontiert werden dürfen, wird deutlich, dass
die biologisch-medizinische Herangehensweise an
Schwangerschaft ideologisch ist und Ideologie bi-
ologisch-medizinisch argumentiert. Tendenziell
antwortete postmoderner
Feminismus darauf mit ei-
ner grundsätzlichen Pro-
blematisierung von Vor-
stellungen von Natur. Mit
dem linguistic turn wurde
der Körper der Tendenz
nach im Zeichen aufge-
löst, zur Materialisierung
von Bedeutung reduziert?. Das Auseinanderklaf-
fen von alltäglichem Umgang mit Schwangeren,
der weitgehend der Medizin überlassen wird, und
postmodernen Ansätzen, erweckt den Anschein,
als müsse man sich zwangsläufig auf eine Seite
schlagen: Entweder ist das Geschlecht biologisch
oder sozial gemacht. Unter der Hand wird aller-
dings auch die Konstruktion von Geschlecht mit
der Biologie belegt, etwa wenn Menschen, die
mit uneindeutigem Geschlecht geboren wurden,
zum Zugpferd für queere Lebensweisen gemacht
werden. Auch äußerte kürzlich jemand in einer
Diskussion mit mir, die Tatsache, dass Männer
und Frauen beide abspritzen könnten, sei ein Be-
weis dafür, dass Geschlechtsunterschiede ledig-
lich sozial hergestellt seien. (Was darin offensicht-
lich verloren geht, ist der Unterschied, dass im
männlichen Ejakulat in der Regel Spermien vor-
1 Das lässt sich recht deutlich
beobachten an der regen Butler-
Rezeption. Siehe beispielsweise
Loick 2001, S.137ff. Reimut Rei-
che hat ausführlich kritisiert,
wie die Kaprizierung auf Gen-
der die prinzipielle Konflikthaf-
tigkeit von Sexualität verdrängt
und damit die Geschlechterord-
nung, die demnach irgendwie durch
die Macht-Trope >Hetero< geschmie-
det werde, umso unverrückbarer
erscheinen lässt. Reiche 1997.
2 Butler 1993, S.31f. Eine
ausführlichere Kritik zu dieser
Problematik bei Judith Butler
findet sich bei Quadfasel 2006.
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3 Natürlich gibt es nicht „die
Psychoanalyse“, sondern un-
terschiedliche psychoanalytische
Ansätze, von denen einige ganz
doofe und einige sehr kluge
Weiterentwicklungen von Freud
darstellen.
4 Adorno 1997, S. 44f. Ebenfalls
ist es wichtig zu reflektieren,
was sich mit der Psychoanalyse
nicht erklären lässt, wo ihre
Grenzen liegen.
5 Im Gegenteil kritisiert Freud
aus seinen Erkenntnissen heraus
die normative Moral, die sexuelle
Befriedigung an die Fortpflan-
zungsfunktion koppelt: „Die Objekt-
wahl des geschlechtsreifen Indi-
viduums wird auf das gegenteilige
Geschlecht eingeengt, die mei-
sten außergenitalen Befriedigun-
gen als Perversionen untersagt.
Die in diesen Verboten kundgege-
bene Forderung eines für alle
gleichartigen Sexuallebens setzt
sich über die Ungleichheiten in
der angeborenen und erworbenen Sex-
ualkonstitution der Menschen
hinaus, schneidet eine ziemliche
Anzahl von ihnen vom Sexualgenuß
ab und wird so die Quelle schwe-
rer Ungerechtigkeit.[...] was von
der Ächtung frei bleibt, die he-
terosexuelle genitale Liebe, wird
durch die Beschränkung der Legi-
timität und der Einehe weiter be-
einträchtigt. Die heutige Kultur
gibt deutlich zu erkennen, daß
sie sexuelle Beziehungen nur auf
Grund einer einmaligen, unauf-
lösbaren Bindung eines Mannes an
ein Weib gestatten will, daß sie
die Sexualität als selbstständige
Lustquelle nicht mag und sie nur
als bisher unersetzte Quelle für
die Vermehrung der Menschen
zu dulden gesinnt ist.“ Freud 2,
5.234. Diese Ungerechtigkeiten,
so Freud weiter, seien keineswegs
harmlos und das Sexualleben da-
durch stark beschädigt und beein-
trächtigt.
6 Beispielsweise verwerfen Ge-
genstandpunkt-nahe Marxisten die
Psychoanalyse in der Annahme,
sie sei deterministisch, wider-
spräche der Idee vom freien
Willen, leugne die gesellschaft-
lichen Problematiken und ope-
riere mit haltlosen Konstrukten.
Siehe bspw. Krölls 2006, S.39,
S.a2ff. und S.62f.
7 Schneider 1995, S.25f£.
8 Libido ist das lateinische
Wort für Lust, Begierde, Verlan-
gen, Vergnügen und Lüsternheit.
„Wir heißen so die als quantitati-
ve Größe betrachtete [...] Energie
solcher Triebe, welche mitall dem
zu tun haben, was man als Liebe
zusammenfassen könnte“ Freud 7,
5.85.
handen sind - keine schlechte Erkenntnis für Em-
pfängnisverhütung....)
Gerade im Falle der Schwangerschaft scheint die
Verquickung von Natur und Kultur offensichtlich.
Um dieser Tendenz des Entweder-Natur-Oder-
Kultur zu entgehen, liegt die Auseinandersetzung
mit einer Theorieströmung nahe, die ein solches
Kippen von Biologismus in Sozialkonstruktivis-
mus und umgekehrt nicht mitmacht, sondern sich
mit dem schwierigen Spannungsverhältnis von Na-
tur und Kultur in der geschlechtsspezifischen
Subjektkonstitution auseinandersetzt: Die Psycho-
analyse’. Sie kommt allerdings heute in feministi-
scher Theorie nicht selten zu kurz, vor allem weil
ihr einige Vergehen vorgeworfen werden: Erstens
gehe sie zu sehr vom Individuum aus und über-
gehe die gesellschaftlichen Verhältnisse. Dieser
Vorwurf trifft daneben, denn schon Freud hat
sich mit Themen wie
Krieg, Moral, Massen-
bildung und Kunst aus-
einandergesetzt, weil er
das Subjekt stets schon
im Spannungsverhältnis
Subjekt - Objekt, Natur
— Kultur, Innen — Au-
ßen denkt. Dieser Vorwurf hingegen stellt sich
offensichtlich das Individuum als ein Thema vor,
das nicht gesellschaftlich ist, und denkt sich Ge-
sellschaft und Individuum als getrennte Entitä-
ten, die sich höchstens irgendwie gegenseitig be-
einflussen (oder kann eigentlich gar nicht mehr
trennen zwischen Gesellschaft und Individuum).
Adorno hingegen hat versucht, die Problematik
in all ihrer Widersprüchlichkeit zu fassen: „Die
Wissenschaften von der Gesellschaft und von der
Psyche, soweit sie unverbunden nebeneinander
herlaufen, verfallen gemeinhin der Suggestion,
die Arbeitsteilung der Erkenntnis auf deren Sub-
strat zu projizieren. Die Trennung von Gesell-
schaft und Psyche ist falsches Bewußtsein; sie ver-
ewigt kategorial die Entzweiung des lebendigen
Subjekts und der über den Subjekten waltenden
und doch von ihnen herrührenden Objektivität.
[...] Was die arbeitsteilige Wissenschaft auf die
Welt projiziert, spiegelt nur zurück, was in der
Welt sich vollzog, Das falsche Bewußtsein ist zu-
gleich richtiges, inneres und äußeres Leben sind
voneinander gerissen.“' Die Konzentration der
Psychoanalyse auf das Individuum in seinen Be-
ziehungen ist gerade geeignet zu rekonstruieren
und zu erklären, wie auf der ontogenetischen Ebe-
ne aus einem Naturbündel ein vergesellschaftetes
Subjekt wird. Der zweite Vorwurf an die Psycho-
analyse lautet, dass sie antifeministisch sei, weil
sie ein negatives Frauenbild habe. Darin aber wer-
WIE WIRD AUS EINEM POLYMORPH
PERVERSEN, HILFLOSEN WESEN
EIN BÜRGERLICHES, GESCHLECHT-
LICH VERFASSTES SUBJEKT?
Melanie Babenhauserheid&@
den die Ergebnisse der Analyse mit einer normati-
ven Setzung verwechselt, etwa so, als würde man
KritikerInnen am Lohngefälle zwischen Män-
nern und Frauen unterstellen, sie affirmierten
dieses dadurch, dass sie es überhaupt feststellen®,
Drittens wird der Psychoanalyse immer mal wie-
der vorgeworfen biologistisch zu sein. Dies speist
sich nicht zuletzt aus einer Missinterpretation des
Triebbegriffes, den Freud, im Gegensatz zum In-
stinkt, als einen Grenzbegriff zwischen Soma und
Psyche, zwischen Biologie und Kultur fasst. Der
Ausdruck »biologistisch« erfüllt dabei allerdings
auch häufig die Funktion, zu vermeiden, dass die
Sprache darauf kommt, dass Menschen auch sinn-
liche und leibliche Wesen sind und nicht rein ver-
geistigt (sprachlich konstituiert, Schnittmenge
von Diskursen...). Er dient in diesem Falle einer
Abwehr jedes materialistischen Gedankens an
die Lebensnot und einer
Leugnung von Natur.
Der Triebbegriff hin-
gegen steht dafür ein,
dass der Mensch zu-
gleich Naturwesen und
nicht Natur ist: Das Ver-
hältnis der Menschen
zu ihrer Natur wird in der Freudschen Psychoana-
Iyse als konflikthaft gedacht. Viertens behauptet
manch eine Kritik, die Psychoanalyse argumen-
tiere deterministisch“. Tatsächlich geht die Psy-
choanalyse davon aus, dass individuelle Trieb-
schicksale, Symptome etc. sich rekonstruieren las-
sen, dass sie von der Vergangenheit bestimmt sind.
Doch dieser Vorwurf verkennt zugleich das zent-
rale Prinzip der Nachträglichkeit” in der Psycho-
analyse, nach dem frühere Ereignisse mit späte-
ren Erfahrungen neu gedeutet und verändert
werden können. Ein Ziel psychoanalytischer The-
rapie ist es gerade, vergangene Fixierungen und ge-
ronnene Deutungen wieder zu verflüssigen. Die
Psychoanalyse kann zwar rekonstruieren, aber
nicht prognostizieren.
Zu all diesen Vorwürfen ließen sich viele weitere
Einwände vorbringen, die den Rahmen des Tex-
tes übersteigen würden. Im Folgenden soll statt-
dessen das widersprüchliche Verhältnis zwischen
Libido® und Gebärfunktion in der psychoanalyti-
schen Theorie unter die Lupe genommen wer-
den. Meines Erachtens kann die Psychoanalyse
eine Menge zu einer feministischen Theorie bei-
tragen, die die Verquickung und Widersprüch-
lichkeit von Natur und Kultur ernst nehmen will,
aus denen das Geschlechterverhältnis seine Ge-
walt gewinnt. Nicht zuletzt, weil sie die Naturbe-
herrschung, die sich historisch oft gerade gegen
Melanie Babenhauserheide
die mit Natur assoziierte Weiblichkeit gerichtet
hat, auf der Ebene des Subjekts analysiert.
Seine Vorlesung Die Weiblichkeit hat Freud da-
mit eingeleitet, dass, obwohl Menschen in der Re-
gel diejenigen, denen sie begegnen, unwillkürlich
in männlich oder weiblich einteilen, die anatomi-
sche Wissenschaft diese ach so sichere Entschei-
dung kaum teilen kann: Da sich die Geschlechts-
organe aus den gleichen Anlagen entwickeln, die
sonstige Beeinflussungen des Geschlechts sich als
inkonstant erweisen und sich männliche wie weib-
liche Eigenschaften an beiden Körpern finden las-
sen, hinterlässt die Anatomie das Bild der „Zwie-
gschlechtlichkeit, Bisexualität, als ob das Indi-
viduum nicht Mann oder Weib wäre, sondern
jedesmal beides, nur von dem einen so viel mehr
als von dem anderen.“ Der einzige Punkt, an
dem sich Freud zufolge eine klare Unterscheidung
treffen lässt, ist die allerkleinste Einheit: Sperma-
tozoon und Ei. Die Psychoanalyse will hingegen
erforschen, „wie sich das Weib aus dem bisexuell
veranlagten Kind entwickelt.“! Sie setzt dabei we-
der die Fixierung auf die Genitalien als von An-
fang an vorhandene voraus, noch betrachtet sie
den heterosexuellen Ausgang als natürlich, sondern
rekonstruiert, wie die Libido auf die genitale Se-
xualität und die Erfüllung der Fortpflanzungs-
funktion eingeschränkt wird (oder auch nicht, ein
ebenso möglicher Ausgang der Libidoorganisa-
tion wäre z.B. Fetischismus): „Die psychoanalyti-
sche Forschung, widersetzt sich mit aller Ent-
schiedenheit dem Versuche, die Homosexuellen
als eine besonders geartete Gruppe von den ande-
ren Menschen abzutrennen. Indem sie auch an-
dere als die manifest kundgegebenen Sexualerre-
gungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen
der gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind
und dieselbe auch im Unbewußten vollzogen ha-
ben. [...] Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch
das ausschließlich sexuelle Interesse des Mannes
für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Phä-
nomen und keine Selbstverständlichkeit, der eine
im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen
ist.“'! So geht Freud davon aus, dass sich auch
bezüglich der Entwicklung von Weiblichkeit „die
Konstitution nicht ohne Sträuben in die Funktion
fügen wird“. Die Bereitschaft Kinder zu bekom-
men, sei kein Endpunkt einer natürlichen Abfol-
ge, sondern Folge einer komplizierten Entwick-
lung, in der der „Libido mehr Zwang angetan wur-
de, wenn sie in den Dienst der weiblichen Funk-
tion gepreßt ist“'°, also mit der Gebährfähigkeit
kompatibel gemacht wurde. „Nicht ohne Sträuben
fügen” und „in den Dienst der Funktion gepreßt“
klingt nach einem Gewaltakt, dessen Rekon-
struktion die Psychoanalyse viel und kontrovers
beschäftigt hat. Der erklärungsbedürftige hete-
rosexuelle Ausgang mit Kinderwunsch in der
weiblichen Libidoorganisation und die ihm zu-
grundeliegenden unbewussten!* Konflikte soll in
diesem Text aus einer psychoanalytischen Pers-
pektive beleuchtet werden. Das kann in dieser
Kürze nur grob erfolgen, zumal die psychoanaly-
tische Theorie vom Fallmaterial der PatientInnen
lebt, also dem, was auf der Couch durch freie As-
soziation, Übertragung und Gegenübertragung
zum Vorschein kommt. Da Freud und seine Nach-
folgerInnen die Theorie immer am Material ent-
wickelt und korrigiert haben, ist eine Bereinigung
der Theorie vom Fallmaterial grundsätzlich pro-
blematisch, weil sie die Dynamik herausnimmt
und zum Schematismus neigt".
Da Freud eben nicht davon ausgeht, dass hetero-
sexuelles, genitales Begehren als vererbtes von
Geburt an vorhanden ist'‘, rekonstruiert er die
Organisation der Libido, der Sexualität, und zwar
lange bevor sie genital strukturiert und an die he-
terosexuelle Fortpflanzungsfunktion angepasst ist.
Die Kernfrage dabei ist: Wie wird aus einem po-
Iymorph perversen, hilflosen Wesen ein bürgerli-
ches, geschlechtlich verfasstes Subjekt (mit all sei-
ner Handlungsfähigkeit in den bestehenden Ver-
hältnissen und seiner Bereitschaft zur Unterwer-
fung unter diese)? Am Anfang der menschlichen
Existenz steht die Lebensnot, das Kind ist exis-
tentiell angewiesen auf Erwachsene, die bereits
vergesellschaftet sind, die sprechen können und
ihre eigenen (unbewussten) Wünsche gegenüber
ihren Sprösslingen hegen. Dadurch kommt es da-
zu, „daß das unreife Kind mit Botschaften, die
mit Sinn und Begierde beladen sind, konfrontiert
ist, deren Schlüssel es jedoch nicht besitzt“. Der
Säugling nimmt diffus ein Begehren der Mutter!%/
der Erwachsenen wahr, doch ihm ist unklar: Wa-
rum füttert, hält und wärmt meine Mutter (oder
eben die Personen, die an ihrer Stelle stehen)
mich? Könnte sie das auch nicht tun? Was will sie
von mir, was bindet ihr für mich lebensnotwendi-
ges Interesse an mich? Aber es kann diese Fragen
noch nicht denken, nicht stellen, es antwortet da-
her mit Begehren auf das der Mutter. Damit ist
schon das Stillen mehr als ein biologischer Akt.
„Die lebensnotwendige Körperfunktion stellt |...]
der Sexualität eine Quelle, die erogene Zone, und
ein Objekt, die Brust, zur Verfügung. Das sich
bildende Sexualziel jedoch schießt — um eine pa-
radoxe Formulierung zu gebrauchen — über das
Ziel hinaus. Indem eine Lust zum Ziel wird, die
[.. .] nicht auf die Befriedigung des Hungers redu-
zierbar ist, separiert sich der Sexualtrieb und es
entsteht ein neues Bedürfnis: das Bedürfnis nach
9 Freud 4, S.546.
10 Ebd., S.548.
11 Freud 5, S.56.
12 Freud 4, 5.548.
13 uBhd,5 5,361:
14 Unbewusst bedeutet in der
Psychoanalyse nicht einfach
nicht bewusst. Das durch Verdrän-
gung konstituierte Unbewusste
folgt eigenen Regeln und Gesetzen
und drückt sich in verzerrter,
verschobener, verdichteter Form
im Bewussten aus: Nicht nur in
Träumen, Versprechern, Witzen und
der Kunst, sondern auch in Zu-
fallshandlungen, politischen Ideo-
logien und vielem mehr. Selbst
im bewussten Denken ist oft der
unbewusste Wunsch Vater des
Gedankens.
15 Dieses Problem findet sich
auch ganz elementar in Butlers
Psychoanalyse-Rezeption. Ich
empfehle daher die im folgenden
zentralen Texte von Chasseguet-
Smirgel und Torok als Lektüre
(ebenso wie die Fallgeschichten
von Freud), durch die die £ol-
genden Rekonstruktionen erst
eingeholt werden können.
16 Was ihn etwa von C.G. Jung un-
terscheidet, der dem Ödipuskom-
plex einen komplementären Elektra-
komplex entgegensetzt, der eine
natürliche heterosexuelle Anzie-
hung voraussetzt.
17 Laplanche 1988, S.187. Hierin
findet sich für Laplanche der
Ursprung des Triebes. Siehe auch
Laplanche 2003, S. 25.
18 Um Missverständnisse zu ver-
meiden: Wenn hier von der Mutter
die Rede ist, ist niemals nur
die reale Mutter gemeint. Der Säug-
ling kann gar nicht von Anbeginn
an die Menschen deutlich unter-
scheiden und kennt auch noch kei-
ne Geschlechterdifferenz. Wie
sich im analytischen Material
zeigt, verdichten sich häufig ver-
schiedene reale Menschen im Bild
der Mutter. Die nährende, mütter-
liche Figur kann zunächst eben-
so gut ein Mann sein. Sie wird auf
der mütterlichen Position ver-
ortet, weil es üblicherweise die
Mutter ist, die stillt, weil
Kinderpflege als weibliche Tätig-
keit verbreitet ist und mit der
Person, die eineN geboren hat as-
soziiert wird usw.
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“wuLso_.un
19 Tuschling 2003, S.16.
20 Maihofer 1995, S.115.
21 Freud 4, 5.548.
22 Ebd., S.548.
23 Es handelt sich beim ödipa-
len Begehren des Jungen um „die
nach dem Urbild der dyadischen,
unmittelbaren Verbindung von Mut-
ter und Baby gebildeten Phan-
tasien. Der Inzest-Wunsch stellt
ein Phantasma unmöglichen Ge-
nießens dar: Während das genita-
le Begehren die zielgerichte-
ten Triebe des autonom werdenden
Individuums repräsentiert, wel-
ches seine Lüste in einem Organ
vereinheitlicht hat, soll die
(Wieder)Vereinigung mit der, die
ihn geboren und gesäugt hat, die
Individuierung und ihre Schmer-
zen zurücknehmen“ Dehnert/ Quad-
fasel 2002, S.53. Was den kleinen
Jungen schließlich davon ab-
bringt, die Mutter als das Objekt
des Begehrens beizubehalten,
nennt Freud Kastrationsangst und
hängt logisch zusammen mit die-
ser Unmöglichkeit: Zurück in die
Mutter oder mein Penis. Die Er-
kenntnis, dass Frauen keinen
Penis haben, die Kastrationsdro-
hung, das Masturbationsverbot,
der Eindruck, dass es mit diesem
Organ etwas besonderes auf sich
hat (durch den besonderen Umgang
damit) und es besonders lose
zu sein scheint, in Anbindung an
frühere Verlusterfahrungen (Brust,
Kot) löst bei dem Jungen die
Angst aus, jenes Organ könne ihm
geraubt werden. Eine Kastrati-
onsdrohung muss aber nicht real
stattgefunden haben. Für das
Kind reicht bereits die phantas-
matische Kopplung aus, dass der
Vater als die Drohungen in die
Tat umsetzende Autoritätsperson
auf die Eifersucht und das Be-
gehren gegenüber der Mutter mit
der Ausführung der Kastration
reagieren könnte. Die Mutter, in
der das Organ beim Koitus ver-
schwindet, wird selber als kas-
trierend vorgestellt. Das Inzest-
tabu, dass mit dieser Angst
vor einem brutalen Verlust der
körperlichen Integrität wirk-
sam wird, verbietet dem Jungen
zwar die inzestuöse Liebe zur
Mutter, eröffnet ihm aber durch
Identifikation die Möglichkeit
sich selbst in Zukunft nach dem
Vorbild des Vaters eine Frau zu
wählen, die nach der Latenz-
phase, in der Pubertät, im Falle
des heterosexuellen Ausgangs
zum Tragen kommt. Diese Identi-
fikation ist immer prekär, denn
das Inzesttabus sagt ja: Du
sollst wie der Vater sein, aber
Wiederholung der Lust [...] Während es auf der
Seite des Mangels, der das Kind nach der Geburt
ist, zu einer Aufhebung, einer Sättigung kommt
(diese Bewegung wird nachfolgend im Bedürfnis
repräsentiert), entsteht auf der anderen Seite zu-
gleich eine Unersättlichkeit, ein unendliches Drän-
gen und Streben.” Durch das ständige Scheitern
von Wiederholung konstituiert sich das Begehren
durch Entstellungen, Ablenkungen, Umwege und
Verschiebungen als unabschließbar. Das ermög-
licht Geschichte, jedoch gibt es durch die darin
enthaltene Logik der Zweizeitigkeit niemals ei-
ne lineare, kausale, lückenlose, widerspruchsfreie
Geschichte des Subjektes. Ließe sich das Subjekt
gradlinig ableiten, gäbe es keine Freiheit, alles
wäre determiniert. Weil es aber bei der Wieder-
holung nicht um das reale Objekt geht, sondern
um das unwiederbringlich verlorene, setzt hier der
Eintritt in die Welt der Bedeutungen ein und die
ist ebenso wenig gesetzmäßig oder abgeschlossen.
Die Organisation der Libido ist also selber eine
der Verschiebungen und beruht auf Verfehlun-
gen. Sie wird weiter vorangetrieben in der analen
Phase, der Zeit der Sauberkeitserziehung, Schon
in der oralen Phase löst sich die Libido zuneh-
mend von dem Bedürfnis nach Selbsterhaltung
ab und entwickelt eine Eigendynamik, die durch-
aus nicht mehr funktional für die basale Aufrecht-
erhaltung des Organismus sein muss. Durch die
nicht grundsätzliche Verfügbarkeit der Mutterbrust
beginnt das Kind auch erstmals sich als Getrenn-
tes wahrzunehmen, aber noch unter Unterschei-
dungskriterien wie: Alles Gute (z.B. die Milch)
bin ich, alles schlechte (z.B. der Hunger) nicht.
Die anale Phase ist ein Schritt zur Autonomie und
die impliziert „dieselbe Dialektik von Herrschaft
und Unterwerfung wie das moderne Subjekt“?”,
da durch die Unterordnung unter bestehende Ge-
setze (wie z.B. in diesem Fall die - durch die EI-
tern repräsentativ durchgesetzte — Norm eine Toi-
lette zu benutzen) und ein gewisses Maß an Selbst-
beherrschung (in diesem Falle Beherrschung des
Schließmuskels) Handlungsfähigkeit hergestellt
wird. Das Kind lernt unter dem Einfluss der El-
tern seine Körperfunktionen zu beherrschen, es
kann das Ausgeschiedene als von sich Unterschiede-
nes, selbst Produziertes, wahrnehmen. Diese Be-
herrschung ist gekennzeichnet von einem sadisti-
schen Zug, der Lustan Ausscheidung, Destruktion
und dem Wunsch nach Bemächtigung durch das
Zurückhalten. Das Kind erkennt, dass es Einfluss
auf seine Eltern hat, es kann ihnen an bestimm-
du darfst nicht der Vater sein, du sollst auf das verzichten, was Wie-der-Vater-
Sein erst interessant macht, nämlich die Mutter. Das Inzesttabu bildet in seiner
Doppeltheit von Machtübertragung und Repression den Grundstock der Verbote und
konstituiert das Über-Ich. Es verschärft noch einmal, dass das Begehren unabschließ-
bar ist, weil das ursprüngliche, verdrängte Objekt immer schon verloren ist.
24 Luquet-Parat 1979, S.120.
25 Freud 1, S.298 ff.
26 Freud 6, S.258 und Freud 3, S.247.
Melanie Babenhauserheide
ten Stellen seine Fäkalien schenken oder vorent-
halten und sie damit verärgern oder erfreuen. In
diesen Stadien ist die Libidoorganisation weitge-
hend geschlechtsneutral. Der Einschnitt, der die
Geschlechter- und Generationendifferenz zur Gel-
tung bringt, ist die triangulierende ödipale Situa-
tion, die beim heterosexuellen Ausgang für Jungen
und Mädchen unterschiedlich verlaufen muss, ge-
rade weil der Ausgangspunkt derselbe ist: Da so-
wohl dem kleinen Jungen als auch dem Mädchen
im Rahmen der frühkindlichen Abhängigkeit in
der bürgerlichen Kleinfamilie als erstes Liebes-
objekt eine Person auf der mütterlichen Position
zufällt, denn „die ersten Objektbesetzungen er-
folgen ja in der Anlehnung an die Befriedigung
der großen und einfachen Lebensbedürfnisse“?!,
stellt sich die Entwicklung des Mädchens mit he-
terosexuellem Ausgang als „die schwierigere und
kompliziertere“”? dar. Um zur Heterosexualität
und dem Wunsch zur eigenen Mutterschaft zu
gelangen, muss es nicht nur, wie der Junge, den
Geschlechts- und Generationenunterschied wahr-
zunehmen lernen und das Inzesttabu verinnerli-
chen, sondern auch einen Objektwechsel von der
Mutter zum Vater bzw. von der Frau zum Mann
vollziehen und neben oder änstelle der Klitoris
auch die Vagina als Lustorgan besetzen. „Als Ob-
jektwechsel bezeichnet man den Vorgang, in des-
sen Verlauf das kleine Mädchen seine Besetzung
von der Mutter als Liebesobjekt abzieht, um den
Vater zu besetzen“**. Dabei ist freilich nicht da-
von auszugehen, dass sich die ödipale Liebe zu-
nächst nur auf die Mutter richtet. Freud schreibt
auch vom positiven und negativen? oder vom ak-
tiven und passiven Ödipuskomplex: „Der Knabe
will auch als Liebesobjekt des Vaters die Mutter
ersetzen“”* und umgekehrt.
Während sowohl männliche als auch weibliche
Kinder gegenüber der Person, auf die sie unbe-
dingt angewiesen sind, auch Hass empfinden,
weil diese Liebesansprüche des Kindes auch von
der allerbesten Mutter nicht befriedigt werden kön-
nen und die Abhängigkeit Aggressionen generiert,
stellt sich die Frage, warum eher Mädchen den Ob-
jektwechsel vollziehen, also gegenüber den Jungen
häufiger dem anderen ödipalen Begehren den Vor-
zug geben. Freud rekonstruiert an einigen Stellen,
dass dieser Vorgang offenbar mit dem Penisneid
zusammenhängt, der im analytischen Fallma-
terial immer wieder in den Assoziationen der Pa-
tientinnen auftaucht. Die enttäuschende Wahr-
Melanie Babenhauserheide
nehmung des Mädchens, dass es selbst keinen
Phallus hat, und daran anschließend irgendwann
die, dass die Mutter auch keinen hat, verknüpft
sich mit den Enttäuschungen, narzisstischen Krän-
kungen durch Versagungen, der Eifersucht und
den Aggressionen. Es wendet sich von der Mutter
ab, „weil“ diese ihm keinen Penis gegeben hat und
auch selber als kastriert wahrgenommen wird.
Was dabei nämlich plötzlich unmöglich erscheint,
ist die Erfüllung der diffusen kindlichen Phanta-
sien, mit der Mutter ein Kind zu zeugen, also an die
Stelle des Vaters zu treten: Diese beruhen auf der
erschreckenden Erkenntnis der Urszene?', dass die
Person, von der ich abhängig und auf deren Liebe
ich unbedingt angewiesen bin, heimlich etwas
mit jemand anderem
hinter verschlossener
Zimmertür teilt, wovon
ich ausgeschlossen bin:
Das Rätsel, was die El-
tern da eigentlich ohne
mich machen, wird ge-
koppelt an die Lebens-
gefahr: Ich bingetrennt,
nicht alles (für die Mutter), mir fehlt etwas. Die
Mutter könnte mich nicht mehr lieben und füt-
tern, wenn ich ihr das nicht geben kann! Sie könn-
te mit dem Papa (Freund, Nachbarn etc.) durch-
brennen und mich ganz alleine lassen, denn der
kann ihr Kinder machen! Diese Unmöglichkeit,
die wirkliche Nummer 1 für die Mutter zu wer-
den, bildet einen Anstoß zur Abwendung von ihr —
und mitunter auch zur Abwendung von der Klito-
ris als Lustorgan, weil diese nicht hergibt, was sie
zuvor als Phallus versprochen hat. Zugleich siegt
das gegenteilige ödipale Begehren zum Vater, wäh-
rend die Mutter vermehrt die Bedeutung der
Konkurrentin einnimmt, die der Einheit mit dem
Vater, der noch den erhofften Phallus anzubieten
hat, im Wege steht. In diesem Fall siegt das hete-
rosexuelle über das homosexuelle Begehren.
An einigen Stellen bei Freud allerdings klingt die
Entstehung dieses Penisneides ein bisschen zu
einfach: Die Erkenntnis, dass die Klitoris nicht
das gleiche ist wie ein Penis, scheint für ihn an
diesen Stellen bereits auszureichen®®, Hier stellt
den Phantasien über den Phallus wider: „Auf
der rein analen Ebene scheint der Penis, der
als nicht vom Körper getrennte Kotsäule emp-
funden wird, ein Zeichen dafür zu sein, daß
die Sphinkter-Autonomie seines Besitzers
nicht angetastet wurde.“ Torok 1979, S.224.
31 Chasseguet-Smirgel 1979, S.159.
32 Chasseguet-Smirgel 1988, S.25.
33 Torok: 1979, 5% 1197
34 Chasseguet-Smirgel 1979, S.164.
Sa ER 3.308,
36 An dieser Stelle wäre darauf zu verwei-
sen, dass diese Symbolik auch auf historisch
entstandenen realen Machtverhältnissen
beruht.
0 oz Pr De de En a
ES STELLT SICH DIE FRAGE,
WARUM NUR DAS MÄDCHEN DIE ER-
KENNTNIS ÜBER DEN UNTER-
SCHIED DER GESCHLECHTSORGANE
SO WICHTIG NEHMEN SOLLTE.
sich die Frage, warum nur das Mädchen die Er-
kenntnis über den Unterschied der Geschlechts-
organe so wichtig nehmen sollte. Die französische
Psychoanalytikerin Janine Chasseguet-Smirgel
hat aus ihrem Fallmaterial entwickelt, wie der Pe-
nis sich überhaupt mit einer solchen Bedeutung
aufladen kann, die freilich von tradierten patriar-
chalen Vorstellungen über männliche Überlegen-
heit unterstützt wird: Die überlebenswichtige Ab-
hängigkeit des Kleinkindes von der Mutter führt
zur „Herausbildung einer allmächtigen Mutter-
imago“”, die sowohl eine beschützende als auch ei-
ne böse Seite enthält, da infolge der eigenen Ohn-
macht, Versagung und des eigenen Verzichts?
auch auf die zärtlichste Mutter ein Bild der
Feindseligkeit proji-
ziert wird®'. Der Pe-
nisneid gilt bei Chasse-
guet-Smirgel als „Aus-
druck des Wunsches,
die allmächtige Urmut-
ter dadurch zu besie-
gen, dass man ein Or-
gan besitzt, das der
Mutter fehlt”, der sich deshalb umso mächtiger
präsentiert, je erdrückender die Mutterimago
sich ausgebildet hat. Dabei stehe der Phallus als
Symbol für Autonomie und Macht, er gelte als
Garant von Freiheit und Sicherheit, der seinen
Besitzer gegen Angst und Schuldgefühle immu-
nisiere und ihm zur Verwirklichung aller Wün-
sche verhelfe®. Einen Phallus zu erwerben ist ein
Symbol für jeden Versuch, einen Mangel auszu-
gleichen”, jede Art von Gelingen und Ermächti-
gung, für Vollkommenheit. Der Penisneid ist dabei
keine als Selbstzweck konzipierte Männlichkeits-
forderung, sondern eine „Revolte gegen die Per-
son, die als Ursprung der narzißtischen Krän-
kung erscheint: die allmächtige Mutter”®. Der
Phallus ist deshalb symbolisch mit Macht gleich-
gesetzt, weil er den Wunsch repräsentiert, sich
aus der Ohnmacht zu befreien?®. Wenn nun also
narzisstische Kränkungen, Versagungen und Be-
herrschung durch die Mutter dazu beitragen,
dass das Mädchen sich von der Mutter abwendet,
bildet der »böse« Charakter des ersten Objektes
27 Urszene meint beim späten
Freud eine „Szene der sexuellen
Beziehung zwischen den Eltern,
die beobachtet oder aufgrund be-
stimmter Anzeichen vom Kind
vermutet und phantasiert wird.“
Laplanche/Pontalis 1972, S.576
Die Urszene gewinnt ihre trauma-
tische Qualität nicht nur durch
die lebensbedrohliche Infragestel-
lung der eigenen Position (>Ich
bin nicht alles für die Mutter),
sondern auch daraus, dass das
Kind mit seiner wenig gebundenen
und gehemmten Sexualität in der
Sexualität der Erwachsenen kaum
unterscheiden kann zwischen Lust
und Gewalt: Die verzerrten Ge-
sichter, seltsamen Laute und Be-
wegungen, das Eindringen und
Verschlingen lässt sich nicht dem
ein oder anderen zuordnen. Auch
die Geschlechterfrage ist hier
noch äußerst verworren: Wem gehört
eigentlich der Phallus (was nicht
zwangsläufig einfach deckungs-
gleich ist mit dem Penis, ebenso
kann ein Finger, die Zunge, ein
Dildo, eine Peitsche in das Bild
des Phallus einfließen)? Der
Person, an der er hängt? Die Per-
son, die ihn in der Hand hält?
Dem Menschen, der ihn - ob oral,
anal, genital ist dabei einiger-
maßen scheißegal, weil die Un-
terscheidung zwischen einzelnen
Körperöffnungen noch nicht
vorhanden oder äußerst vage ist -
verschlingt wie ein Würstchen
(und wohlmöglich zerkaut)? Wird
er wie die Exkremente ausge-
schieden? Wer hat in diesem Drun-
ter und Drüber bloß die Macht?
Die Person, die oben liegt? Wer
tut da wem weh/ Lust an? Diese
Verworrenheit gilt ebenso, wenn
das Kind einen homosexuellen
Akt beobachtet oder - wie Freuds
berühmter „Wolfsmann“-Patient -
Hunden beim Kopulieren zuschaut
und daran Phantasien über die
Eltern knüpft (oder umgekehrt).
Dieser Patient, in dessen Analy-
se Freud erstmalig den Begriff
der Urszene einführt, macht auch
deutlich, dass die nachträgli-
che Verknüpfung mit der Kastra-
tionsangst den traumatischen
Charakter der Urszene besiegeln
kann: Bei ihm ist die Urszene
zusammengeschmiedet aus der
(eventuell imaginierten) Beob-
achtung sich begattender Hun-
de und der Eltern beim Koitus a
tergo, der Kastrationsdrohung,
einem Märchen, in dem einem Wolf der Schwanz abgeschnitten wird u.v.m. und nimmt
eine wichtige Funktion in der Ausbildung seiner Angst und der Verdrängung des
Wunsches, vom Vater koitiert zu werden, ein.
28 Freud hat auch die Darstellung des Ödipuskomplexes und des Penisneides immer
wieder ein wenig anders gefasst. Besonders simplifizierend erscheint seine Äuße-
rung zum Penisneid in Einige psychische Folgen des anatomischen Geschlechtsunter-
schieds: „Es [das Mädchen] bemerkt den auffällig sichtbaren, groß angelegten
Penis eines Bruders oder Gespielen, erkennt ihn sofort als überlegenes Gegenstück
seines eigenen, kleinen und versteckten Organs und ist von da an dem Penisneid
verfallen.
[..] Sie ist im Nu fertig mit ihrem Urteil und ihrem Entschluß. Sie hat
es gesehen, weiß, daß sie es nicht hat, und will es haben.“ Freud 6, 5.261.
29 Chasseguet-Smirgel 1988, S.17.
30 Die Brust oder Flasche ist nicht immer anwesend, gewisse Regeln und Verbote
werden durchgesetzt. Die Psychoanalytikerin Maria Torok hat aus dem Fallmaterial
ihrer Patentinnen entwickelt, wie insbesondere der durch das Masturbationsver-
bot und durch die mütterliche Herrschaft über die Exkremente und das Körperinnere
(während der Sauberkeitserziehung) ausgelöste Hass auf die Mutter im Penisneid
ausgedrück wird und zugleich beschwichtigt. Diese Bedeutungen spiegeln sich in
£/ xog eyı »prsıno
Le
NaUyas9
37 Chasseguet-Smirgel 1979, S.138
und Luquet-Parat 1979, S.124.
38 ‘Im Rahmen der Mischung der
Triebe finden sich im sexuellen Be-
gehren zärtliche und sadistische
Aspekte zugleich: Zur Durch-
führung des Koitus bedarf es z.B.
einer gewissen Bemächtigung des/
der anderen im Akt der Einver-
leibung und des Eindringens. In
der Triebentmischung werden
nun aggressive und zärtliche Im-
pulse gespalten, die einen nur
dem idealisierten, die anderen nur
dem als böse interpretierten
Objekt entgegengebracht.
39 Chasseguet-Smirgel 1979, 5.164.
40 Bleibt die Triebentmischung
bestehen, so kann, wie Chas-
seguet-Smirgel ausführt, es dazu
kommen, dass die Frau die zärt-
liche Idealisierung des Vaters/
Penis’ aufrecht erhält, aus Liebe
zum Vater abwehrt, sich mit der
kastrierenden Mutter (die in der
Phantasie dem Vater den Penis
gestohlen hat) zu identifizieren,
die eigenen sadistischen Be-
mächtigungsphantasien verdrängt,
mit schweren Schuldgefühlen
auf eigenes Haben-wollen und Be-
sitzergreifen reagiert, sich
die erotische Besetzung der Vagi-
na als Ort der Einverleibung
untersagt und sich als Ersatz für
den geraubten Phallus anbietet,
also zur Vervollständigung von
Männlichkeit in einem Akt der Wie-
dergutmachung: Eine der Patien-
tinnen beispielsweise empfindet
ihren beruflichen Erfolg als
Ärztin als Kastration des bäuer-
lichen Vaters
eine Symptomatik, mit der sie ih-
ren eigenen Erfolg boykottiert.
Eine andere Patientin, die für ih-
und entwickelt
ren Mann, einen erfolgreichen
Komponisten, ihre eigene Karrie-
re als Komponistin aufgegeben
hat, kann nur noch komponieren,
„wenn sie weiß, daß es sein
Lied wird“ Chasseguet-Smirgel 1979,
8.178. Diese Art von weiblichen
Schuldgefühlen und dem damit ver-
bundenen Bestreben, sich als Teil
oder Prothese eines Mannes, als
Gehilfin, Assistentin oder Stütze
anzubieten, ist keine Selten-
heit. Chasseguet-Smirgel begreift
die Wiedergutmachungstendenz
aufgrund von Schuldgefühlen auch
als wichtigen Aspekt des weib-
lichen Masochismus: „Es scheint,
als müsse die Frau, um die Ein-
verleibung des Penis vollziehen
zu können, vortäuschen, ihre
gesamte Person als Ersatz für den
geraubten Penis anzubieten,
indem sie ihrem Partner nahelegt,
ihr [.] anzutun, was sie in ihrer
Phantasie dem Penis angetan hat“
Chasseguet-Smirgel 1979, 5.184.
41 Freud 3, S.250.
42 Torok 1979, S.206.
den Grund für den Objektwechsel, da das Mäd-
chen nach einem guten Objekt sucht, das die ihm
fehlenden Befriedigungen verschaffen und den
Mangel des ersten Objekts ausgleichen soll. Da-
bei werden alle guten Aspekte des ersten Ob-
jektes auf ein zweites projiziert und die bösen —
zumindest vorübergehend — auf das Urobjekt””.
Diese Spaltung und die damit einhergehende
Triebentmischung führen zur Idealisierung des
Penis.
Die Hinwendung zum Vater ist zunächst der Ver-
such, dessen Penis zu bekommen: Der Wunsch,
wie der Vater einen Penis zu besitzen, um in die
Mutter eindringen zu können, wird transformiert
in den Wunsch, dem Vater den Penis zu rauben,
wie es in der Phantasie die Mutter getan hat”.
Hier wird bereits die Vagina besetzt. Mit Hilfe
der Identifizierung mit der Mutter und einer zu-
mindest partiellen Auflösung der Triebentmi-
schung“ findet dann der Übergang statt, der es
dem Mädchen ermöglicht Liebe zum penisbesitz-
enden Objekt zu empfinden und einigermaßen
befriedet damit zu sein, sich den Penis lediglich
beim Koitus einzu-
verleiben, sich das
begehrte Organ nur
temporär zu eigen zu
machen, quasi auszu-
leihen. Diese Identi-
fizierung mit der Mut-
ter und ihrer Müt-
terlichkeit legt einen
verschobenen Wunsch
nah: „Der Verzicht auf den Penis wird nicht ohne
einen Versuch der Entschädigung vertragen. Das
Mädchen gleitet - man möchte sagen: längs ei-
ner symbolischen Gleichung — vom Penis auf das
Kind hinüber, sein Ödipuskomplex gipfelt in dem
lange festgehaltenen Wunsch, vom Vater ein Kind
als Geschenk zu erhalten, ihm ein Kind zu gebä-
ren. |...]. Die beiden Wünsche nach dem Besitz
eines Penis und eines Kindes bleiben im Unbe-
wußten stark besetzt erhalten und helfen dazu,
das weibliche Wesen für seine spätere geschlecht-
liche Rolle bereit zu machen.“ (Eine solche sym-
bolische Gleichung kann aber auch besondere
Schwierigkeiten mit sich bringen, nämlich wenn
der Penisneid so stark erhalten bleibt und vor-
nehmlich auf das Kind und nicht auch auf andere
Objekte mit phallischer Bedeutung gerichtet
wird, dass das Kind vornehmlich zur Vervollstän-
digung der Mutter dienen soll: ‚Wenn das Kind
die Rolle eines begehrten Penis-Objektes spielen
muß, wenn es die Defekte ausgleichen und ihr
[der Mutter, M.B.] zur Vollständigkeit verhelfen
muß, wie sollte seine Entwicklung akzeptiert, sei-
WIE SICH HIER ZEIGT, IST DER WEIB-
LICHE WEG ZUR GENITALEN HETERO-
SEXUALITÄT UND ZUM KINDER-
WUNSCH EINE VON VERFEHLUNGEN,
AGGRESSION UND VERSAGUNGEN
GEKENNZEICHNETE ANGELEGENHEIT.
Melanie Babenhauserheid@
ne Entfaltung in eigenen Bedürfnissen von ein:
Mutter gewünscht und gefördert werden, die
ohne das Kind in Verbitterung und Neid zurück“
fallen würde? Eine solche Mutter kennt nur ei-
nen Wunsch: Das Kind-Penis als illusorischen
Garanten ihrer Vollkommenheit an seinen Zu-
stand als ewiges Anhängsel zu fesseln.) Somit
kommt der Kinderwunsch nach einer langen Rei-
he von Umlenkungen und Verschiebungen des
Begehrens zustande: Von der phallischen Mutter
zum idealisierten Vater, von der Klitoris als phal-
lischem Organ zur Vagina als Ort der Einverlei-
bung eines anderen Phallus, vom eigenen oder ge-
stohlenen Penis als Objekt, das die Garantie für
Autonomie bieten soll, zum eigenen Kind...
Wie sich hier zeigt, ist der weibliche Weg zur geni-
talen Heterosexualität und zum Kinderwunsch
eine von Verfehlungen, Aggression und Versagun-
gen gekennzeichnete Angelegenheit und das Ein-
passen der Libido in die Gebärfunktion eine kom-
plizierte Leistung. Dabei kommt es immer auch
zur Verdrängung gegenläufiger Tendenzen im Be-
gehren: (Geschlechts)Identität ist ein Ding der Un-
möglichkeit, denn die
Identifikation mit und
das Begehren zu ei-
nem bestimmten Ge-
schlecht finden statt
durch eine Spaltung,
eine Abspaltung, Ver-
leugnung, Gegenbe-
setzung, Verdrängung
des anderen Begeh-
rens, die das Subjekt gegen und für sich selber
durchsetzt. Der patriarchalen Ideologie, dass
Frauen Natur und Männer Geist seien, kann
schließlich mit der Psychoanalyse entgegenge-
setzt werden, dass gerade die weibliche Heterose-
xualität mit Wunsch zur Mutterschaft unter noch
mehr und verschlungeneren Umwegen zustande
kommt als die des heterosexuellen Mannes, also
keineswegs unmittelbar natürlich ist. Heterose-
xualität und Kinderwunsch sind wie Homosexua-
lität, Masochismus und jede andere Form von Se-
xualität kein automatisches Schicksal, sondern ein
Resultat der konflikthaften Geschichte des Begeh-
rens. Wer den Gegensatz zwischen bewusst und
unbewusst, die dynamischen Bewegung zwischen
beiden und die Tatsache, dass eine Identifikation
und ein Begehren immer erkauft wird mit der
Verdrängung, Abwehr etc. der gegenläufigen Ten-
denz, verkennt, kann das manifeste Verhalten
nicht in seiner Geschichte und seiner Wider-
sprüchlichkeit verstehen, da beispielsweise „Frau-
en mit Männlichkeitswünschen zur Vermeidung
der Angst und der vom Manne gefürchteten Ver-
Melanie Babenhauserheide
geltung eine Maske der Weiblichkeit anlegen kön-
nen“® oder der besonders starke Wunsch, ein voll-
wertiger Mann zu sein, sich in einer Fixierung
aufs Geschwängert-Werden ausdrücken kann. Es
scheint dann so, als wäre dieses Triebschicksal
von der Natur, der Gesellschaft, der Sprache oder
Gott geplant und gradlinig ausgeführt. Wie ich am
Anfang kurz dargestellt habe, kippen andere, we-
niger materialistische Argumentationen schnell in
die unterschiedlichen Fehlschlüsse, dass es entwe-
der eine natürliche, angeborene Geschlechtsiden-
tität gäbe oder dass Geschlechtszugehörigkeit
nichts mit Natur zu tun habe, sondern ausschließ-
lich mit sozialen Einflüssen. Die Psychoanalyse
hingegen denkt Natur als eine Art gewordene Vo-
raussetzung, indem sie nachvollzieht, wie sich die
Konstitution im Laufe der konflikthaften Orga-
nisation der Libido zu den natürlichen Funktio-
nen in Beziehung setzt, wobei der Kinderwunsch
nicht der einzig mögliche Ausgang ist. Aus der Er-
kenntnis der schwerwiegenden Folgen heraus kri-
tisiert Freud, wenn Menschen unter Zwang ge-
setzt werden, die Einheit von Konstitution und
Funktion gegen ihr eigenes Begehren durchzuset-
zen. Dennoch ist es heutzutage vielleicht wichtig,
darauf hinzuweisen, dass erstens „alle Menschen
aus heterosexuellen Verbindungen hervorgegan-
gen sind‘*' — wie vermittelt auch immer - und da-
her Heterosexualität grundsätzlich auch dann ei-
ne psychische Bedeutung erhält, wenn das nicht
unmittelbar sichtbar wird und dass es zweitens
durchaus auch dem Begehren entsprechen kann,
wenn die Konstitution mit der Funktion kompati-
bel wird. Heterosexuelles Begehren und Kinder-
wunsch sind nicht nur Ausdruck von Repression,
und beispielsweise Transsexualität und Frigidität
richten sich nicht einfach nur gegen gesellschaft-
liche Bestimmungen und sind schon gar nicht frei
von ihnen, sondern die Geschichte, in der Sexuali-
tät konstituiert wird, ist immer gezeichnet von Kon-
flikten, die den Menschen als Natur und Nicht-
Natur zugleich, als gespalten und widersprüch-
lich bestimmen.
Ich danke Sonja Witte. Ohne unsere Zusam-
menarbeit und ihre hilfreichen Anmerkungen
gäbe es diesen Text so nicht.
MELANIE BABENHAUSERHEIDE
promoviert derzeit zur Ideologie in den Harry
Potter-Schmökern und wohnt in Bielefeld.
43 Riviere 1996, S.103. Riviere
argumentiert hier an verschie-
denen Fallbeispielen: Das Auftre-
ten einer solchen Art von weib-
licher Maskerade reicht von einer
handwerklich sehr versierten
Hausfrau, die jedes mal, wenn ein
Fachmann ins Haus kommt, sich
unterwürfig verhält, „indem sie ih-
re Anordnungen in einer unschul-
digen und naiven Art trifft, als
wären sie >glücklich erraten<“
(Riviere, S.107), und den Eindruck
erweckt, als hätte sie keine
Ahnung, bis zu einer intellektu-
ellen Dame, die zwanghaft nach
ihren Vorträgen mit Männern aus
dem Publikum flirtet und koket-
tiert.
44 Reiche 1997, 5.943.
£/ xog eyı sprsıng
67
NAUYES9
Literatur
Adorno, Theodor W.: Zum Verhält-
nis von Soziologie und Psycho-
logie. In: Soziologische Schrif-
ten I. Gesammelte Schriften 8.
Frankfurt am Main 1997.
Brantenberg, Gerd: Die Töchter
Egalias. Berlin 1980.
Butler, Judith: Körper von
Gewicht. Berlin 1993.
Chasseguet-Smirgel, Janine: Die
weiblichen Schuldgefühle. In:
Chasseguet-Smirgel, Janine (Hrsg.):
Psychoanalyse der weiblichen
Sexualität. Frankfurt am Main
1979.
-“-: Zwei Bäume im Garten.
München/Wien 1988.
Dehnert, Carmen/Quadfasel, Lars:
Wenn der braune Großvater er-
zählt. Zur Psychoanalyse des post-
faschistischen Subjekts. In:
initiative not a lovesong (Hrsg.):
subjekt. gesellschaft. perspek-
tiven kritischer psychologie.
Münster 2002.
Freud, Sigmund (1): Das Ich und
das Es. In: Studienausgabe
Bd. III. Frankfurt am Main 2000.
-*- (2): Das Unbehagen in der
Kultur. In: Studienausgabe Bd.
IX. Frankfurt am Main 2000.
-"- (3): Der Untergang des Ödi-
puskomplexes. In: Studienausgabe
Bd. V. Frankfurt am Main 2000.
-*- (4): Die Weiblichkeit. In:
Studienausgabe Bd. I. Frankfurt
am Main 2000.
-*- (5): Drei Abhandlungen zur
Sexualtheorie. In: Studienausgabe
Bd. V. Frankfurt am Main 2000.
-"- (6): Einige psychische Fol-
gen des anatomischen Geschlechts-
unterschieds. In: Studienausgabe
Bd. V. Frankfurt am Main 2000.
-“- (7): Massenpsychologie und
Ich-Analyse. In: Studienausgabe
Bd. IX. Frankfurt am Main 2000.
Krölls, Albert: Kritik der
Psychologie: Das moderne Opium
des Volkes. Hamburg 2006.
Laplanche, J./ Pontalis, J.-B.:
Das Vokabular der Psychoanalyse.
Frankfurt am Main 1972.
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Zur Aktualität des Freudschen
Sexualitätsbegriffs. In: initia-
tive not a lovesong (Hrsg.):
Subjekt (in) der Berliner Repu-
blik. Berlin 2003.
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Christa Bürger
Bettine von Arnim,
die Grenzgängerin
Ich stelle sie mir wieder vor, wie sie auf ihrem
Schemel sitzt zu Füßen ihrer Lieben Frau Aja' —
vom Goldenen Kopf, dem Brentanohaus in der
Sandgasse, bis zum Großen Hirschgraben hat sie
es nicht weit — die junge Bettine, die Elisabeth
Goethe mit dem „so theuren Nahmen Mutter nen-
nen“ darf,” wie sie einander Märchen erzählen, wo-
bei sich allmählich
die Erzählfäden in-
einander verweben,
das Lebensmärchen
einer alten Frau von
der Kindheit und Ju-
gend ihres eingebo-
renen Sohnes, einer,
die, wie sie der jun-
gen Freundin, dem
„liebsten Vermächt-
nüß meiner Seele“, in
einem ihrer letzten Briefe am 28. 8. 1808, dem
Geburtstag des Sohnes, schreibt, „den Becher der
Mutterfreude bis auf den letzten Tropfen gelehrt
hat“,? und Bettines romantisches Märchen vom
Königssohn. Achim von Arnim, den sie einige Jah-
re später heiraten wird, nimmt es in seine Zeitung
für Einsiedler seltsamerweise nicht auf, mag sein,
daß er die allegorische Bedeutung des Märchens
verstanden hat und verdrängen mußte oder daß
ihn der unbestimmte Status des Textes gestört
hat, das Schweben zwischen Kunst- und Volks-
märchen, Traum und Allegorie, Erinnerung und
Ahnung.
Denn die Bettine erzählt, mit ihrer dunklen Alt-
stimme, von einem König, dessen Reich an das
der Tiere grenzt und der „ein Weib nahm um ih-
rer Schönheit willen und daß er Kinder bekom-
me“. Die Königin wird auch wirklich schwanger.
„Die Zeit des Gebärens verstrich aber, ohne daß
sie eines Kindes genesen wäre.“ Der König, der
sich „an ihrer Mißgestalt ärgert“, verbannt sie in
den entlegensten Teil des Schlosses. „Hier trug sie
DAHER SPRICHT DIESES KIND, DAS
BETTINE VON ARNIM SICH IN IH-
REM „TIEFEREN LEBEN“ ERFINDET, DAS
KIND, DAS SIE GEWESEN SEIN WILL,
DIE SPRACHE DES BEGEHRENS, ABER
JETZT OHNE DIE ANGST, AN DEN
WAHNSINN ZU GRENZEN.
langsam und traurig ihre schwere Bürde durch die
einsamen Gärten und sah die wilden Tiere aus
dem Walde an das jenseitige Ufer des Flusses kom-
men, um sich zu tränken... da wünschte sie oft in
schwerer Verzweiflung, auch ein reißendes Tier zu
sein.“ Am Ende von sieben Jahren gebiert sie oh-
ne Hilfe am Flußufer einen Sohn, den ihr eine Bä-
rin entführt, darauf
noch sechs Kinder.
Nun wird die „glor-
reiche Mutter“ mit
Freuden aufgenom-
men, aber während
ihre Kinder heran-
wachsen, trauert sie
um ihren verlorenen
ersten Sohn. Als der
Königseinen Tod na-
hen fühlt, richtet er
ein großes Fest aus, um seinen Söhnen die Herr-
schaft abzutreten. Da kommen die Tiere über
den Fluß herangeschwommen, mitten unter ihnen
„ein schönes Antlitz, das aufrecht zum Himmel
blickt“. Die Königin erkennt ihren Erstgebore-
nen, der nun alleiniger König wird, aber „ein Kö-
nig über Tiere und Menschen im Geist, sonder
Sprache“.
Das Märchen erzählt in Bildern vom heimlichen
Grenzgängertum Bettines, ihrer Sehnsucht nach
einer anderen Sprache und nach einem anderen
Denken, von dem sie während ihrer Freundschaft
mit Karoline von Günderrode geträumt hat: ihrer
Schwebe-Religion. Wie die Königin ihres Mär-
chens lebt sie zwei Leben, ein öffentliches und ein
verborgenes, ein Tag- und ein Traumleben, auf
der Grenze zwischen Natur und Kultur, allein un-
ter ihren vielen Geschwistern. Das Märchen und
der Traum drängen aber auf Wunscherfüllung,
auf Versöhnung, und so begründet, was Bettina
von Arnim in ihrem zweiten Leben hervorbrin-
gen wird, eine andere Ordnung des Schreibens,
1 Elisabeth von
Goethe, die im
>Königsbuch< Bettine von Arnims
mit dem Titel de
Frau Rat erschei
s Mannes die
nt, wird von den
Freunden des jungen Johann'Wolf-
gang Frau Aja genannt nach der
Mutter der >Haimonskinder< aus
einem alten Volksbuch.
2 Vgl. den Brief von Elisabeth
Goethe an Bettina Brentano vom
135.84. 1807, ins
ternhaus, hrsg.
Briefe aus dem El-
v. E. Beutler.
Frankfurt/Leipzig 1997, 857.
3 Ebd., 886.
4 Das Märchen fi
Bettina von Arni
ndet sich in:
m. Ein Lese-
buch, hrsg. v. Ch. Bürger. Stutt-
gart 1987, 279E£.
£4 xog oyı oprsıno
LE
naUyaS9
5 Vgl. Bettine von Arnim, Werke
und Briefe, hrsg. v. W Schmitz/S.
v. Steinsdorff u.a. 4 Bde, Frank-
furt 1986-2004; hier IV, 51 (an
Savigny, August 1807). Diese Aus-
gabe wird im folgenden im Text
zitiert.
6 In: Achim von Arnim und die ihm
nahe standen, hrsg. v. R. Steig/H.
Grimm. Stuttgart/Berlin 1913; II,
396f.
lebendige Form, wo alles Bedeutung hat, weil al-
les mit allem sich liebend berührt, Geist und Na-
tur.
Äußerlich unterscheidet sich das Leben Bettine
Brentanos kaum von dem einer „Tochter aus gu-
tem Hause“. Geboren 1785 in Frankfurt als Toch-
ter eines der angesehensten Handelsherren der
Stadt, verliert sie früh die Mutter, die in der Ehe
mit Peter Brentano unglückliche Maximiliane von
La Roche, die der junge Goethe aus der Ferne
verehrt hatte. Die drei jüngsten Brentanotöchter,
zunächst einem Ursulinenkloster anvertraut, wach-
sen unter der Obhut der Großmutter auf, Sophie
von La Roche, seit ihrem auf dem Höhepunkt der
Sturm- und Drangbewegung erschienenen Brief-
roman Das Fräulein von Sternheim eine der weni-
gen erfolgreichen Schriftstellerinnen der Epoche.
Im Offenbacher Haus der Großmutter begegnet
die Siebzehnjährige zum ersten Mal bewußt dem
Bruder Clemens, dessen Erscheinung sie als eine
große Wendung in ihrem Schicksal begreift.
Die rückhaltlosen Geständnisbriefe der jungen
Bettine an diesen Bruder und an den späteren
Schwager und preußischen Staatsminister Fried-
rich Carl von Savigny offenbaren ein unglückliches
Bewußtsein, das die eigene Existenz als ein Tau-
meln zwischen Selbstgewißheit und Selbstzweifel
erlebt — an der Grenze des Wahnsinns. Dieses
Entwicklungsdrama hätte für Bettine Brentano
vielleicht einen harmloseren Verlauf genommen,
hätte nicht der geliebte Bruder sie darin festgehal-
ten. Clemens Brentano ist, sei es auch mit einem
nach seinem eigenen Begriff „verwilderten“ Werk,
in die kulturelle Ordnung eingetreten. Aber die
Schwester verkörpert für ihn die romantische Na-
turpoesie schlechthin, eine neue Mignon, ebenso
exzentrisch wie die rätselhaft androgyne Gestalt
Goethes, die durch die Wanderjahre irrlichtert.
Bettine selbst erfährt als beängstigendes Chaos,
was ihre Einbildungskraft aus dunklen Tiefen an
Bildern zutage fördert,
wenn sie „alle Schleusen
öffnet“. Ihrerichtungslo-
IM SCHWEBENDEN REICH DES
Christa Bürger
Quellen, nur unfruchtbaren Boden wässern? — Lieber
Alter, soll denn mein ganzes Wesen ungenossen wie-
der vertrocknen, keinem wohltun, unbeachtet wieder
schlafen gehen, so wie es aufwachte??
Bettines Frage faßt das Dilemma vieler Frauen
vor ihr und nach ihr zusammen, die sich schrei-
bend zu verwirklichen versuchten, und es kamen
mir beim Lesen dieser traurigen Briefe Verse von
Ingeborg Bachmann in den Sinn: Erklär mir Lie-
be, was ich nicht erklären kann: / sollt ich die kur-
ze schauerliche Zeit / nur mit Gedanken Umgang
haben und allein / nichts Liebes haben und nichts
Liebes tun? — Angesichts dieses Dilemmas trifft
Bettine Brentano eine Entscheidung: Sie heiratet
den Freund des Bruders, den Dichter und Guts-
herrn Achim von Arnim. Sie geht den „Weg zum
Sozialen“, wie sie ihn in ihrem Märchen vorweg-
genommen hatte.
Die wenigen erhaltenen Briefe aus der Zeit der
Werbung Achims um die Schwester seines Freun-
des sind so spröde, daß sie das komplizierte Ver-
hältnis dieser Liebenden allenfalls ahnen lassen.
Da Arnims Verfügung über sein Vermögen auf-
grund einer Fideikommißeinrichtung zugunsten
seiner zukünftigen Kinder beschränkt ist, ent-
schließt er sich, „das Meinige zu thun, um recht-
mäßige Kinder zu haben. Da brauchte es nicht
langer Zweifel, ich wußte niemand auf der Welt,
von der ich so gern ein Ebenbild besessen hätte...
und auch keine, mit der ich auch ohne diese Ver-
doppelung so gern mich erfreut, gestritten, ge-
wacht und geschlafen hätte, als Dich“.® Bettine
Brentano, die sich mit der „menschlichen Liebe
bescheiden“ will, gibt ihr Jawort in der Form ei-
ner Frage: „Warum, wenn Du an mich verlangst,
soll ich Dir nicht geben?“ (IV, 129)
Bettine und Achim haben es nicht leicht mitein-
ander. Achims Begriff von Ehe ist mit dem des Ei-
gentums und der Heimat eng verbunden. Bettine,
die Schweifende, hat kein Verhältnis zum Besitz.
Sie kann nicht auf dem
Land leben, in Wiepers-
dorf, Achims Gutsherr-
se Phantasie findet kei- KINDES BETTINE GELTEN schaft, er nicht in Ber-
nen Widerstand an der DIE VERKEHRTEN GRUNDSATZE lin. So führen sie meist
Form. In ihrer Umge- DER KUNST NICHT. getrennte Haushalte. In
bung, im großen Haus
der Brentanos, ist sie ei-
ne Fremde. Sie spürt selbst, daß sie sich nicht
mitzuteilen vermag, weder in ihren Lebensbegeis-
terungen noch in ihrer Melancholie, so daß ihr
am Ende die eigenen Phantasieprodukte als ein
begriffs- und gestaltloses Reden erscheinen. Da-
bei verlangt es sie nach Anerkennung, Teilnahme
- Verwirklichung.
... sollen denn Begeistrung und Sehnsucht die wechsel-
weise aus einem jungen Gemiüth fliesen wie zwei
den ersten Jahren ihrer
Verbindung ist Achim ak-
tives Mitglied der Christlich-deutschen Tischge-
sellschaft, zu der auch Clausewitz, Fichte, Kleist
und Savigny gehören. Wenn ich mir die an Wert-
vorstellungen des Mittelalters orientierte National-
staatsidee, die rückständige Familienideologie die-
ses Freundeskreises vergegenwärtige, zu schwei-
gen von ihrem Antisemitismus, dann frage ich
mich, wie diese junge Frau mit ihrem freien Geist
in einer solchen Umgebung sich bewegen konnte.
Christa Bürger
Denn sie ist, wie ihre späteren vielfältigen politi-
schen Initiativen zeigen, der ersten revolutionä-
ren Begeisterung, die die Lektüre der Briefe Mi-
rabeaus noch im Hause der Großmutter in ihr
geweckt hatte, zeitlebens treu geblieben. Es muß
wohl in dieser Ehe eine so tief gründende Über-
einstimmung gegeben haben, daß nichts die Zu-
sammengehörigkeit von Beans Beor und Amans
Amor, wie sie einander in der Verlobungszeit nen-
nen, zerstören kann. Als Mann und Frau leben
sie im Bewußtsein gegenseitigen Anerkanntseins
und erkennen die Wirklichkeit ihrer Liebe an ih-
ren Kindern.
Bettina von Arnim bringt sieben Kinder zur Welt
- wie die Königin in ihrem Märchen. In der wun-
derbaren Gestalt der Frau Aja in Goethes Brief-
wechsel mit einem Kinde, dem Buch, das sie be-
rühmt gemacht hat, wird das utopische Bild einer
freien Kindheit erkennbar. Gegen Achims im Stan-
desdenken verhaftete Grundsätze, mißtrauisch
gegenüber allem „Pädagogenwesen“, setzt Betti-
ne ihre rousseauistischen Vorstellungen einer Er-
ziehung ohne Zwang durch. Dabei ist ihr die Zeit
nicht günstig. Die zwanziger Jahre des 19. Jhdts.
sind überschattet von den Folgen der napoleoni-
schen Kriege und der durch die Kontinentalsperre
ausgelösten Wirtschaftsmisere. Die Versorgungs-
grundlage ihres „großen Hauses“, samt Diener-
schaft, Hauslehrern und Freunden, sind die Er-
trägnisse von Achims Gütern, die er in ganzen Wa-
genladungen nach Berlin schaffen läßt. Sie macht
sich bei ihrem Hausarzt, einem Anhänger des mes-
merischen Magnetismus, kompetent in der Na-
turheilkunde und beschränkt sich bei der Pflege
kranker Kinder auf homöopathische Mittel.
In diesen langen Jahren ihrer „irdischen Not“, von
dem im Briefwechsel der Eheleute so viel die
Rede ist, nimmt Frau von Arnim ihre eigenen
künstlerischen Versuche zurück auf das Maß des
Dilettantismus, sie zeichnet, singt, schreibt Brie-
fe. So lernt sie bei dem Versuch, „gut zu seyn und
gutes zu thun“ (IV, 128), eine für sie neue Erfah-
rung kennen: die Schuld, dem eigenen Lebensge-
setz untreu geworden zu sein. In der irritieren-
den Aura der Fremdheit, die manche Besucher
ihres Berliner Salons verstört, verrät sich das alte
Bedürfnis nach Ausdruck, die Sehnsucht nach
Selbstverwirklichung.
Als Achim von Arnim 1831 überraschend stirbt,
kehrt Bettine zu dem Weg zurück, von dem sie sei-
netwegen abgewichen war. Schreibend entdeckt
sie, im tiefen Brunnen der Vergangenheit, ein ver-
lockendes und verheißungsvolles Bild: das Kind
Bettine.
So wollen wir dann das Kloster verlassen, in dem kein
Spiegel war, und in dem ich also während vier Jahren
vergeblich die Bekanntschaft meiner Gesichtszüge,
meiner Gestalt gesucht haben würde, doch ist es mir
in dieser ganzen Zeit nie eingefallen daran zu den-
ken, wie ich wohl aussehe; es war mir eine große Über-
raschung, wie ich im dreizehnten Jahre zum ersten-
mal mit zwei Schwestern, umarmt von der Großmutter,
die ganze Gruppe im Spiegel erblickte. Ich erkannte
alle, aber die eine nicht, mit feurigen Augen, glühenden
Wangen, mit schwarzem fein gekräuseltem Haar; ich
kenne sie nicht, aber mein Herz schlägt ihr entgegen,
ein solches Gesicht hab’ ich schon im Traum geliebt,
in diesem Blick liegt etwas, was mich zu Tränen bewegt,
diesem Wesen muß ich nachgehen, ich muß ihr Treue
und Glauben zusagen; wenn sie weint, will ich still trau-
ern, wenn sie freudig ist, will ich ihr still dienen, ich
winke ihr, - siehe, sie erhebt sich und kommt mir ent-
gegen, wir lächeln uns an, und ich kann's nicht län-
ger bezweifeln, daß ich mein Bild im Spiegel erblickt.
(II, 471)
Das Spiegelerlebnis der jungen Bettine findet sich
in einem Buch der Liebe überschriebenen Tage-
buch, das den dritten Teil von Goethes Briefwech-
sel bildet. Es ist ein ganz und gar unlacanianisches
Stück Erinnerung oder imaginierter Selbstbegeg-
nung, denn das Kind, das sich im Haus der Groß-
mutter zum ersten Mal sieht, erkennt sich selbst
als liebendes und geliebtes Ich zugleich. „Ich ha-
be nämlich nichts anderes erlebt, als die Liebe,
und in ihr kein anderes Ereigniß, als daß mit oder
ohne Gegenstand mein Geist glüht.“ (II, 863) Da-
her spricht dieses Kind, das Bettina von Arnim
sich in ihrem „tieferen Leben“ erfindet, das Kind,
das sie gewesen sein will, die Sprache des Begeh-
rens, aber jetzt ohne die Angst, an den Wahnsinn
zu grenzen. Es ist die Sprache einer „mystischen
Philosophie der Liebe“ (II, 499), der sich die
Schriftstellerin, die sie fortan sein wird, erinnernd
überläßt.
Diese Sprache entfaltet sich am schönsten im Ge-
spräch mit der Freundin, Karoline von Günderro-
de, die das Dilemma weiblicher Künstlerschaft
auf eine andere Weise in sich austrägt und die am
Ende an der herrschenden Vorstellung von Kunst
scheitert.
Daß Bettina von Arnim die Erfüllung ihrer so
lange Jahre unterdrückten Wünsche gelingt, liegt
an der unversehrten Kraft einer Erinnerung, die
sich speist aus der Unmittelbarkeit des Vertrau-
ens in die Günderode. Seltsamerweise erkenne
ich erst jetzt in ihr eine Vorläuferin der italieni-
schen Feministinnen — wir haben sie in den 80er
Jahren nur „die Italienerinnen“ genannt — , denn
sie hat wirklich vorgelebt, „wie weibliche Freiheit
entsteht“.” Das kleine Mädchen, von dem sie in ih-
ren Briefbüchern erzählt, ist ein eigensinniges Ge-
schöpf, das sich auflehnt gegen die „Verkehrthei-
ten“ der herrschenden Bildungsvorstellungen, ge-
gen die abstrakten Begriffe der Philosophie und
der Geschichtswissenschaft und das seine ganze
Lebensanstrengung auf ein einziges Ziel richtet:
das Ich sich zum Eigentum zu machen. Sie will
7 Dies ist der deutsche Titel
des Buches der Libreria delle don-
ne di Milano, erschienen in
Berlin, im Orlanda Frauenverlag
1988.
£j xog oy4 »prsıno
133
NYAYIHD
3 Achim von Arnim und die
ihm nahestanden, II, 62f£.
) Wie weibliche Freiheit
sntsteht, 137.
0 B. v. A., Werke und Briefe,
ırsg. v. G. Konrad/J. Müller.
; Bde., Frechen/Köln 1959/61,
ter:,1r,381;
ll In: Karoline von Günderrode,
Der Schatten eines Traunms [..],
ırsg. v. Christa Wolf. Darmstadt/
Veuwied (Sammlung Luchterhand)
1981, 193.
12 Ebd., 88.
nicht lernen, „die Dinge ordentlich zu betrach-
ten, ohne sie sogleich an den Mund zu führen“
(IV, 17).
Meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin, sie
springt herum nach einer innern Tanzmusik, die
ich nur höre und die andern nicht... Das gelob ich vor
Dir, daß ich nicht mich will züglen lassen, ich will
auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir, denn am
End ist's nichts anders als das Gefühl der Eigen-
macht. (I, 63)
Die Melancholie, über die sich die junge Bettine
in so vielen ihrer Briefe beklagt, läßt sich mit den
Italienerinnen verstehen als Eingeständnis einer
Niederlage, die in ihrer Zugehörigkeit zum weib-
lichen Geschlecht gründet. In der Tat macht sie
die Erfahrung, daß Achim von Arnim und Cle-
mens Brentano sie in ihrer Wunderhorn-Samm-
lung nicht als Mitarbeiterin nennen und daß ihre
eigenen Lieder, die sie mit ihrer schönen Altstim-
me vorträgt, nur als spontane Improvisationen auf-
genommen werden. Und so überläßt sie sich ihrer
„innern Tanzmusik“, ihren wilden Andachten vor
der Natur, klettert auf Mauern und Türme, um
von oben auf die Welt sich stürzen zu können, im-
mer bereit, die Welt zu verzehren, um den Hun-
ger nach dem eigenen Ich zu stillen.
Mit der Sonne das höchste Gebürg ersteigen, mit ihr
auf allen Gipfeln lammend durchdringend alles berühren,
wie ein Sturmvogel sich niederstürzen... still! still!®
Daß Bettine an ihrem Nichtverstandenwerden
leidet, zeigt aber, daß sie das Gefühl der Eigen-
macht in sich lebendig erhält. Und um diese Le-
bendigkeit zu unterstützen, sucht sie nach einem
anderen Ich, dem sie vertrauen und dem sie sich
anvertrauen kann. Die Italienerinnen haben ein
solches Verhältnis Affıdamento genannt.
Denn diese Beziehung entsteht dort, wo eine Frau
der Welt gegenüber gleichzeitig Fremdheit und Willen
zu siegen verspürt. Zwischen ihr und der Welt gibt
es nichts, was diesen extremen Widerspruch aufheben
kann - außer einer weiblichen Vermittlung.”
Ob ich allerdings Karoline von Günderrode den
Namen einer symbolischen Mutter, der in dem
italienischen Manifest eine zentrale Rolle spielt,
geben soll, weiß ich nicht recht, obwohl die Jün-
gere von den „wunderbaren Lehren“ erzählt, mit
denen die Günderode „die Unmündigkeit [ihres]
Geistes genährt“ habe (II, 67). Aber es ist das Kind
Bettine, das den Bedeutungsraum dieses bezau-
bernden Zwiegesprächs stiftet. In der begeister-
ten Rede des Kindes wird die Naturphilosophie
Schellings, in die die Freundin sie einzuführen
versucht, umphantasiert in seine große Sprache.
Wenn ich der Natur lausche... Siehst Du, da fühl ich al-
les, was in ihr vorgeht, ... grad, als wär ich die Natur
selber oder vielmehr alles, was sie erzeugt... das dringt
Christa Bürger
mir alles mit etwas ans Herz, soll ich’s Sprache
nennen?!"
Zusammen mit der Freundin will sie eine „Religi-
on stiften für die Menschheit, bei ders ihr wieder
wohl wird... Ein bißchen Spazierenreiten in den
Himmel“ (I, 445): ihre Schwebe-Religion.
Aber das erinnerte Gespräch durchzieht ein ele-
gischer Ton, denn die junge Bettine ahnt, daß die
Freundin sich ihr entzieht, daß die Symmetrie
der Affidamento-Beziehung gestört ist. Und die
Schreibende, im Angedenken an den selbstge-
wählten Tod Günderrodes, erkennt, daß sie von
Anfang an eine Verschwindende geliebt hat, in de-
ren Gedichten sie jetzt die Klage einer Seele und
eine bestimmte Todesbereitschaft vernimmt. Es
wird ihr, während sie sich an ihre helle Verschwö-
rung mit der Günderode erinnert, bewußt, daß je-
de Begegnung mit ihr immer schon ein Abschied
gewesen ist, wie bei einer mystischen Bootsfahrt
auf dem Rhein.
Wie’s in jener himmlischen, zauberhaften Nacht war,
auf dem Rhein, wo wir zusammen unter der blühenden
Orangerie auf dem Verdeck saßen... ganz allein...
und meinen Pelz warfich um Dich und saß zu Deinen
Füßen, und der deckte mich auch noch, und wie schön
war die Mondnacht... Da warst Du auch so stille,
und wenn ich ein Wort sagte, dann verlor sich’s gleich
im tiefen Schweigen... und dann kam der Wind...
und es fielen Blüten auf Dich und mich, und da sah ich
mich um nach Dir, hinauf zu Dir, da lächeltest Du,
weil es zu schön war, was uns da widerfuhr... und wir
fuhren um die stillen Inseln und kamen näher ans
Ufer, daß die Weiden herüberhingen... da warst Du
erschrocken aufgewacht... (I, 710)
Es waren die Weidenbüsche, unter denen man
sie gefunden hat, mit dem Dolch im Herzen, ein
Handtuch voller Steine um den Hals gebunden.
Vom Ende her versteht Bettina von Arnim aber
auch den Mißklang in ihrem Verhältnis zu der äl-
teren Freundin. Karoline von Günderrodes Stre-
ben nach Anerkennung ließ ihr nicht die Freiheit
zu einem Denken und Dichten außerhalb der herr-
schenden Vorstellungen von Kunst und Philoso-
phie. Es war ihr nicht gegeben, die F reundschaft
mit der Bettine als Maßstab ihres eigenen Werts
zu erfahren, sich an den schönen Grundsatz ihrer
gemeinsamen Schwebe-Religion zu halten: die
Unbedeutendheit. Clemens Brentano gegenüber
bekennt sie sich zu ihrer Sehnsucht, „mein Leben
in einer bleibenden Form auszusprechen, in einer
Gestalt, die würdig sei, zu den Vortrefflichsten
hinzutreten, sie zu grüßen und Gemeinschaft mit
ihnen zu haben“.'! Bettine aber ahnt, daß Form
tödlich sein kann im ganz wörtlichen Sinn.Gün-
derrode, die sich immer weiter von ihr entfernt,
wird in ihrem Werk verschwinden, wie sie es dich-
tend vorweggenommen hat, unter dem Zwang,
„was mich tödtet zu gebähren“.'” Es gelingt ihr
nicht, sich kenntlich zu machen mit einer eigenen
r
Christa Bürger
lyrischen Sprache. Clemens Brentano - in einem
Brief, der ein Meisterwerk der Bosheit darstellt —
wundert sich, daß sie ihre Gedichte zum Druck
geben will. Es sei ja alles „sehr schön versifiziert“,
nur müsse man der ganzen Sammlung vorwerfen,
„daß sie zwischen dem Männlichen und Weibli-
chen schwebt“.'® Dahinter steckt die Rede vom
(weiblichen) Dilettantismus, und der bedeutet den
Ausschluß aus der Institution Kunst.'*
Bettina von Arnim hat mit Der Günderode, um
noch einmal die Italienerinnen zu zitieren, ihre
symbolische Schuld
gegenüber der Freun-
din abgetragen. Denn
es mag wohl sein, daß
sie in der Allianz mit
einer anderen Frau,
die größer war als sie
selbst, die frühe Er-
fahrungder Niederla-
ge hat umwerten kön-
nen in den Durch-
bruch zum Ich. Im
schwebenden Reich
des Kindes Bettine
gelten die verkehrten
Grundsätze der Kunst
nicht. Und Bettina von Arnim setzt sich in ihrem
zweiten Leben hinweg über das Gesetz der Form,
das die freien Gedanken, die nach Ausdruck
drängenden Lebensregungen unterdrückt. „Drum
kann ich nicht dichten. Dichten ist nicht nah ge-
nug, es besinnt sich zu sehr auf sich selbst.“ „Wie
hätt’ ich unsere orangenblühende Nacht, unsere
selige Alleinigkeit verpfuschen sollen, in engher-
zige Verse einklammern, was so weiche Zweige in
die Luft ausstreckt.“'
Bettina von Arnim hat sich nicht darum geküm-
mert, ob das, was sie schrieb, sich in den Formen-
kanon ihrer Zeit fügte. Ihre Bücher gelten von
jeher als formlos, und auch ich bin erst nach wieder-
holten Annäherungsversuchen dazu gekommen, die
Formlosigkeit ihrer Prosa als notwendige Form
zu verstehen. Wie hätte sie die temperament- und
gemütvolle Rede der Frau Rat, der sie viele Stun-
den und Tage gelauscht hat auf ihrem Schemel,
aus der Erinnerung anders aufschreiben sollen,
als indem sie die Sprechweise der alten Freundin
übernahm, die Dialektfärbung, die Sprunghaftig-
keit, den Verzicht auf die Glättung eines Rede-
flusses, der von belanglosen alltäglichen Begeben-
heiten unvermittelt in philosophische und poli-
tische Reflexionen überging? Gerade mit dieser
mimetischen Einstellung gegenüber der Erzähle-
rin auf dem Sessel vor ihr wird Bettina von Ar-
nim zur Vorläuferin des inneren Monologs, eines
modernen Erzählverfahrens, das als solches erst
INDEM BETTINA VON ARNIM IHREN
BÜCHERN DIE FORM GAB, DIE
IHRE QUELLEN HATTEN, DIE ORIGI-
NALEN BRIEFE, VERDECKTE SIE DEN
FORMUNGSPROZESS UND ÜBER-
LÄSST UNS DIE WAHL, OB WIR SIE
ALS ERFUNDENE GESCHICHTEN
UND DIALOGE, TRÄUME, ROMANTI-
SCHE NATURBESCHREIBUNGEN
ODER DOKUMENTE LESEN WOLLEN.
fast ein halbes Jahrhundert nach der Veröffent-
lichung ihres Königsbuchs als solches erkannt
wird. In der Entwicklungsgeschichte dieser lite-
rarischen Technik kommt der Name Bettina von
Arnims nicht vor, eine historische Ungerechtig-
keit, von der nicht zufällig eine Frau betroffen
ist.
Mein langer Weg durch die Literaturwissen-
schaft" ist schließlich auch einer zu Bettina von
Arnim gewesen; denn am Ende waren ihre Brief-
bücher für mich Romane eigener Ordnung und
Wunschautobiogra-
phie zugleich, Zeug-
nisse eines Leben-
Schreibens jenseits
des Begehrens nach
dem WERK. Indem
von Arnim ihren Bü-
chern die Form gab,
die ihre Quellen hat-
ten, die originalen
Briefe, verdeckte sie
den Formungsprozeß
und überläßt uns die
Wahl,obwir sieals er-
fundene Geschichten
und Dialoge, Träume,
romantische Naturbeschreibungen oder Doku-
mente lesen wollen. Immer befinden wir uns auf
dem unbestimmten Territorium Bettine des Kin-
des und entdecken darin die Möglichkeit einer an-
deren Philosophie, einer Philosophie der Liebe.
CHRISTA BÜRGER
geb. 1935 in Frankfurt a.M. war von 1973 bis 1998
Professorin an der Johann-Wolfgang-Goethe-
Universität in Frankfurt a.M.. Ihre Lebensstationen
hat sie beschrieben in „Mein Weg durch die
Literaturwissenschaft” (Edition Suhrkamp, Frank-
furt 2003); Ihre letzte Veröffentlichung ist als
Insel Taschenbuch erschienen (Frankfurt 2009)
unter dem Titel „Goethes Eros”.
13. Ebd, 190,
14 Zu diesem Begriff vgl. Ch. B.,
LebenSchreiben. Die Klassik, die
Romantik und der Ort der Frauen.
2. Aufl. Königstein/Ts. 2001, dar-
in besonders die Vorbemerkung
und das Kapitel „Dilettantism der
Weiber“.
15 Vgl. dazu Erotik des Gesprächs:
Bettina von Arnim und die Gün-
derode, in:
schwinden des Subjekts/Ch. B.,
Das Denken des Lebens. Frankfurt
2001, hier: 414.
16 Dies ist der Titel meiner Ab-
schiedsvorlesung, als Buch er-
schienen in der edition suhrkamp.
Frankfurt 2003.
Peter Bürger, Das Ver-
£4 xoq ayı sprsıng
SE
NHUYIHD
Ruth Schmidt
Quesne, Kant und Signa.
Eine Erfahrungsanalyse.
Vivarium Studio ist eine Pariser Theatergrup-
pe um Philippe Quesne. In ihrem Stück La Me-
lancolie des Dragons (2008) hat eine Jungsclique
eine Autopanne im Schnee. Eine Frau betritt den
Schauplatz, möchte helfen. Aber auch zusammen
kriegen sie den Wagen nicht flott und müssen war-
ten. In dieser (erzwungenen) Muße-Situation ent-
puppt sich das Auto mit seinem Anhänger vor den
Augen der Frau als Wunderkasten. Er enthält die
Bedingungen des Theaterzaubers: eine Nebelma-
schine, Ventilatoren, Perücken, ein paar Stühle.
Die Bühnenkünstler zaubern offen. Sie führen
der Frau im Wind wehende Perücken vor, eine
riesige Bauplane, die durch den Ventilator aufge-
blasen wird oder ein Naturpanorama aus Nebel-
maschine, Seifenblasen und Licht. Als wäre das
kaputte, funktionslose Auto ein Katalysator, sind
plötzlich alle Dinge aus ihrem Zweck genommen,
sind kurzfristig überflüssig, können zu etwas an-
derem werden. Die im Wind wehenden Perücken
sind ein Rockkonzert, die riesige aufgeblasene
Bauplane ist ein gestrandeter Wal, sie ist der Fel-
sen der Loreley oder in düsterer Beleuchtung ein
Teil von Stonehenge, je nachdem, wie die Situa-
tion sie neu bestimmt. Die Frau zollt den Kunst-
stücken naive Begeisterung, während die Künstler
jene dankbar als Anlass für ihre Präsentation neh-
men. Eine scheinbar klassische Rezeptionssituati-
on: Die stumme Betrachterin (und Muse), die das
Inswerksetzen der Künstler beobachtet.
Einer der wichtigen Theoretiker eines philoso-
phischen Geniegedankens ist Immanuel Kant.
In seiner Kritik der Urteilskraft entfaltet er eine
Kunsttheorie, die das Genie beschreibt als einen
von der Natur begabten Schöpfer, der sich in Be-
griffen keine Rechenschaft über sein Tun ablegen
kann, sondern in einem quasi natürlich-intuiti-
ven Schaffensprozess ein Produkt hervorbringt,
das nur seinen eigenen Regeln gehorcht und da-
durch Originalität besitzt. Wir kennen noch das
„Schwangergehen mit Ideen“, den „gebärenden
Schöpfungsakt“ als Reste eines solchen ästheti-
schen Diskurses, der einen geburtsmäßigen Vor-
gang in einer (»klassischen«) Männerdomäne, der
Kunst, beschreibt. Kant denkt aber auch darüber
nach, wie wir Kunst rezipieren, wann wir etwas
als schön wahrnehmen. Wo er diese Frage stellt,
wo er die Bedingungen unseres ästhetischen Ur-
teilsvermögens bedenkt, kommt eine Wahrneh-
mungstheorie zum Vorschein, die die Grenzen
zwischen Welt und Kunst, zwischen Produzen-
tIn und RezipientIn radikal in Frage stellt und
dadurch seine ästhetische Theorie eigentlich zum
Politikum macht.
Wann nennen wir etwas schön? Kants Antwort
hängt mit einem unserer Erkenntnisvermögen
zusammen, der ästhetischen Urteilskraft. Zu ur-
teilen bedeutet im normalen Sprachgebrauch, et-
was als etwas anderes zu identifizieren, eine Ver-
bindung zwischen zwei disparaten Gegenständen
herzustellen. Am Urteil Das ist schön sieht man:
Etwas (das) wird als etwas anderes (schön) be-
griffen. Durch Urteile verstehen wir etwas, wir
sortieren all die Vorkommnisse unserer Welt in
einer für uns (oder die Gesellschaft) sinnvollen
Weise. Urteilskraft ist ein Orientierungsvermö-
gen und eine sinnstiftende Instanz. Nach Kant
gibt es verschiedene Urteilsformen, von denen
die ästhetische Urteilskraft etwas besonderes
leistet: Sie ist produktiv.
In einem Erfahrungsurteil ordnen wir eine empiri-
sche Wahrnehmung einem vom Verstand bereitge-
stellten Begriff zu. Im ästhetischen Urteil machen
wir eine Wahrnehmung, die unmittelbar mit Ge-
fallen verbunden ist und für die es eine Begriffslü-
cke gibt. Wenn wir dann sagen Das ist schön, dann
drücken wir nicht eine bestimmte Eigenschaft des
Objekts aus, sondern unseren eigenen Gemüts-
zustand. Der befindet sich in einer Art »freien
Ruth Schmidt
Assoziation«, in der Begriffe und Vorstellungen
mit Überschuss produziert werden, ohne dass
hinterher eine bestimmte Verbindung zwischen
Wahrnehmung und Begriff fixiert wird. Ange-
sichts dessen, was wir schön nennen, lösen sich die
Denkregeln, anhand derer unser Verstand im Er-
fahrungsurteil funktioniert; es macht uns nachden-
ken. Kant spricht vom freien Spiel der Kräfte. Ge-
meint sind Einbildungskraft und Verstand, die sich
„subjektiv zweckmäßig“ verhalten, d. h., die nicht
auf eine bestimmte Erkenntnis hin zusammenar-
beiten, sondern nur die grundlegenden Bedingun-
gen des Urteilsvermögens überhaupt, nämlich ihr
harmonisches Zusammenspiel, dem Urteilenden
bewusst machen. Denn
in jedem Urteil, auch im
Erfahrungsurteil, har-
monieren Anschauungs-
und Begriffsvermögen.
Im ästhetischen Urteil
erfährt das Subjekt re-
flexiv etwas über genau
diese eigene Konstitu-
tion als urteilendes Wesen, darüber, wie Erfah-
rung funktioniert; es erfährt den Prozess des Ur-
teilens!.
Dieser Zustand wird ausgelöst durch Gegenstän-
de, die wir schön nennen. Wir können alle in die-
ser freien Gemütslage sein, denn sie ist Bedin-
gung unseres Urteilens - darin funktionieren wir
als Menschen alle gleich; eine emanzipatorische
Annahme, die keine Unterschiede machen kann
und will. Und dieser Zustand ist produktiv. Was
Kant hier entwickelt, ist auch etwas anderes als
eine Theorie der Kunst (des Genies). Wenn wir
die Welt betrachten, gibt uns diese Theorie keine
Möglichkeit, zwischen „Kunst“ und „Nicht-Kunst“
zu unterscheiden, denn es geht um eine subjekti-
ve? Gestimmtheit, die durch alles ausgelöst wer-
den kann. Schön (und wir sagen heute vielleicht
interessant oder es funktioniert...) ist das, was
uns in diesen produktiven Zustand versetzt. Die-
ser Zustand ist es, der etwas schön macht?, der uns
eine bestimmte Erfahrung erlaubt, der etwas zu
„Kunst“ macht. Es fällt die klare Unterscheidung
zwischen KünstlerIn und RezipientIn, zwischen
Kunst und Nicht-Kunst. Der oder die Betrach-
tende wiederholt und bearbeitet, ist in der Wahr-
nehmung produktiv‘. Das Verstehen, der Nach-
vollzug ist eigenständiger Vollzug und nichts der
Kunst Äußerliches. Die Lektüre der Welt ist ihre
Re-Lektüre; Produktivität in der Kunst und ihre
Reproduktion sind im ästhetischen Urteilsprozess
miteinander vernäht.
DURCH URTEILE SORTIEREN
WIR DIE VORKOMMNISSE
UNSERER WELT IN EINER FÜR
UNS (ODER DIE GESELLSCHAFT)
SINNVOLLEN WEISE.
Die Melancholie der Drachen legt mir diesen
ganzen Prozess offen: Die kontextlosen Dinge auf
der Bühne sind Leerstellen, die durch ihre Neu-
verwendung wieder gefüllt werden; sie verändern
sich und bleiben zugleich dieselben. Ohne Be-
denken sage ich zu einer Bauplane »gestrandeter
Wal«, »Loreleyfelsen<, »Stonehenge«. Meine Wahr-
nehmung nimmt und verwirft sich ihre Begriffe
in freiem Spiel; ich lege den Bezug fest, be(ver-)
urteile sie. Ich sehe der Entstehung von Bedeu-
tung, sehe einem zusammenfügenden und ord-
nenden Urteil zu; ich erfahre mein ästhetisches
Das ist schön. Es ist etwas, was mir sonst nicht
zugänglich ist, weil mein Bewusstsein immer et-
was zu spät kommt. Es
ist der Moment, den
man bei einer wirkli-
chen Erfahrung immer
zugunsten des Erfahre-
nen verpasst.
Aber im nächsten Mo-
ment schon verfallen
meine Zuschreibun-
gen im stetigen Wechsel. Hier liegen Komik und
Schrecken nebeneinander. Ich lache, weil die
Bauplane plötzlich ein gestrandeter Wal ist und
zugleich nicht. (Ich erkenne etwas, den Wal, wie-
der, erkenne auch, dass die Frau das auch so sieht,
sonst würde sie sich nicht so über die Darbietung
freuen; ihre erstaunten Ausrufe markieren mir ihr
Wieder-Erkennen). Ich lache auch, weil es eine
verrückte und lustvolle Angelegenheit ist, dass ich
zwei so verschiedene Dinge wie die Bauplane (An-
schauung) und einen gestrandeten Wal (Begriff)
zur Deckung bringen kann. Ich kann das, weil es
Sinn ergibt, weil ich so Sinn mache. Aber ich mer-
ke auch, dass meine Ordnung am seidenen Faden
hängt, willkürlich von mir verfugt, bodenlos ist.
Das alles, die Bauplane und den Wal, zugleich
zu sehen, den Prozess des Zusammenfügens und
des Zerfallens zu sehen, ist mir nur möglich, weil
die Frau dort auf der Bühne steht. Ohne sie wäre
es an mir, der anderen Betrachterin, mich allen
Ernstes für wehende Perücken zu entzücken, weil
die Schausteller sonst ihre Show einpacken wür-
den. So bin ich auch entzückt, aber von der Komik
der Situation. Was tut die Frau dort genau, wer ist
sie, dass sie das ermöglicht, woher nimmt sie die
Kraft, die Welt ins Spiel zu setzen?
Im Kunstkontext, im Theater, sind die Dinge von
ihrer alltäglichen Umgebung abgeschnitten. Nicht
mehr auf ihrem gewohnten Platz, aus dem tägli-
chen Gebrauch gelöst, sind sie in ihrer Funktions-
losigkeit aus dem Sinnzusammenhang freigesetzt.
Sie könnten alles sein. Meistens merke ich das
1 Daran hängt auch die subjekti-
ve, aber allgemeine Gültigkeit,
die ästhetische Urteile nach Kant
beanspruchen. Ich würde weiter
sagen: Als Erfahrung der eigenen
Erkenntnisverfasstheit legt das
ästhetische Urteil die Bedingungen
allen Urteilens offen und geht
als Suche nach „neuen Begriffen“
dem klassischen Erkenntnisur-
teil voraus. Trotzdem ist nicht
ganz klar, was das „freie Spiel
der Kräfte“ tatsächlich sein soll.
2 Diese Subjektivität ist nicht
Privatmeinung, sondern fordert
allgemeine Gültigkeit; von ihr
hängt der Zwischenstatus des
Urteilsvermögens als Bindeglied
zwischen Verstand und Vernunft
ab. Die Begründung für diese sub-
jektive Allgemeinheit ist zent-
ral für Kants ganzes System.
3 Kant denkt das nicht so konst-
ruktivistisch, wie es klingt:
er geht von davon aus, dass eine
Interdependenz zwischen unseren
Erkenntnisvermögen und der Welt
besteht, sie in einer Weise also
so beschaffen ist, dass wir sie
erkennen können - wenn auch nur
unter unseren subjektiven Rück-
sichten.
4 Was allen verbitterten Bekämp-
ferInnen des Copy&Paste-Wunders
Helene Hegemann gesagt sei
£4 xog @y2 oprsıno
LE
NYUYIHD
5 Das Miterleben von de Sades
Die 120 Tage von Sodom in Salö war
zwar, was Kopulation, Blut und
Exkremente angeht, nicht „echt“,
hat aber in Kopenhagen einen
Skandal hervorgerufen.
nicht, denn das Theater ist ein Rahmen, ich als
Zuschauerln bin Teil der Abmachung, dass hier
Kunst passiert. Es gibt Tricks, mir das bewusst zu
machen, und auf der Bühne noch eine Bühne auf-
zubauen, ist einer davon; so kann ich den Rahmen
nicht mehr übersehen. Im Schnee entsteht durch
die Vorführung der Kunststücke ein solches Büh-
nendoppel, mit der Frau ist begeistertes Publikum
vertreten. Und ich? Bin außenvorgesetzt; schein-
bar auch ohne mich erfüllt sich, dass jedes Thea-
ter seinen Betrachter braucht. Ich kann nicht nur
der Kunst, sondern auch ihren Bedingungen, dem
Rahmen selbst, zusehen. Die so scheinbar klas-
sische Künstler-Betrachterin-Situation verschiebt
sich und kippt.
Die Frau ist ehrfürchtig und in der Ernsthaftig-
keit der Kunst befangen; die Künstler erklären ihr
in schlechtem Englisch, dass sie aus den Grund-
gegebenheiten etwas hervorbringen (Look, Iwork
with the elements, with water and air!); sie neh-
men sich wörtlich als (göttliche) Schöpfer sehr
ernst. Aber weil die Frau als Betrachterin mit auf
der Bühne steht, bleibt es nicht dabei. Ihre Anwe-
senheit (die meine Anwesenheit als Betrachterin
vertritt) macht die Rezeptionssituation selbst zum
zentralen Moment der Performance; Künstler und
Betrachterin kommen zusammen als Kunst in den
Blick. Das verändert auch die Künstlertruppe, die
in meinem, über die Frau reflektierten Blick, nicht
mehr als bewunderte Schöpfer, sondern eher als
spielende Kinder auftreten, die ihren Teil ebenso
beitragen wie die Rezipientin. Die reflexive Struk-
tur der doppelten Rahmung stellt die Frage: Wer
ist hier KünstlerIn? Wer ist nın wer?
Es ist die Grundfrage des komischen oder gro-
tesken Schauspiels. Durch die Artifizialität der
Figuren wird die Einheit des Handelns, werden
soziale Rollen hinterfragt. Im komischen Ver-
wechslungsspiel wird der
Ruth Schmidt
zugleich) ist, dass es hier für niemanden den „rich-
tigen“ Platz gibt — genauso wie die Bauplane so-
wohl der Wal ist wie auch Stonehenge und zugleich
keins von beidem. Es ist die Betrachterin auf der
Bühne, die mir diese Reflexion erlaubt und fragt:
Wer ist wer? Die Komik liegt im Durchscheinend-
Machen der Verhältnisse. In der Melancholie der
Drachen wird mir mein eigener Blick und eine
Wahrnehmungssituation durchsichtig, in der nicht
mehr klar ist, wer KünstlerIn ist. Die Erfahrung
der produktiven Sinnstiftung lässt diese Grenzen
verschwimmen.
Unter einer Erfahrung stellt man sich oft etwas
Direktes, Unmittelbares vor, dem man sich nicht
entziehen kann, das ohne Distanz über einen he-
reinbricht. Die Performances von Signa, einem
dänischen Installations- und Performanceduo,
werden so beschrieben. Signa erschaffen hyper-
realistische, detailreich ausgearbeitete Räume, in
denen über Stunden, manchmal über Tage oder
Wochen eine Parallelwelt produziert wird. In der
leben und spielen nicht nur die PerformerInnen,
sondern auch die BesucherInnen werden in die In-
stallation ungewöhnlich radikal eingebunden. Mit
Betreten einer solchen Live-Installation kriegt je-
deR eine Rolle zugeteilt. Manchmal aggressiv wie
in Night at the Hospital, wo die Besucher Patien-
tinnen eines Krankenhauses waren und ihre Klei-
dung gegen Kittelchen vertauschen mussten mit
der Verpflichtung, mindestens eine Nacht zu blei-
ben; manchmal untergründiger wie in Der Welt
abhanden kommen, wo das Publikum sich den Ort
und die eigene Rolle darin erst erkunden musste
- allerdings um überhaupt wieder hinaus zu dür-
fen. Die strikte Weisung an die vielen Mit-Perfor-
mer, unter keinen Umständen aus der Rolle, aus
der Welt zu schlüpfen, lässt für die BesucherlIn-
nen eine fiktionale, geschlos-
wir gi den a ne EIN TISCH IST EIN he re sie
en, die Prinzessin betritt die sich nicht entziehen können.
Bühne, wenn der Prinz er- TISCH UND EINE FRAU Ich bin sofort mitten drin, ab-
wartet wird — schon hat sie IST EINE FRAU. solut distanzlos und jede mei-
seinen Platz eingenommen.
Dass etwas zu etwas anderem wird, indem es ei-
nen fremden Platz einnimmt, an anderem Ort auf-
taucht, hat hier wörtliche Wirkung. In der klas-
sischen Tragödie führt eine Verwechslung zum
tragischen Tod, in der Komödie ist sie die Lust
an der ständigen Verschiebung, in der Groteske
beides zugleich. Verwechslung und daraus re-
sultierende Neuzuordnung, die in der nächsten
Verwechslung wieder in Frage gestellt ist, sind
lustvoll, weil die RezipientInnen die Eingeweih-
ten sind, die den Reigen der Zuschreibungen als
solchen erkennen. Komisch (und erschreckend
ner Handlungen wird in die
Fiktion eingebunden. Wie in einem Computer-
spiel bleibt mir eine gewisse Wahlfreiheit, aber in-
nerhalb eines strikten Systems, das keine Brüche
duldet und oft durch enorme Körperlichkeit und
Gewalt besticht: alles ist echt, damit das Publi-
kum „wirkliche“ Erfahrungen machen kann. Und
die scheinen um so realer zu sein, desto schockie-
render und brutaler sie sind?.
Wo mir bei Quesnes Melancholie der Drachen die
doppelte Betrachterinsituation eine reflexive Dis-
tanz geschaffen hat, bin ich bei Signa nicht mal in
einer »normalen« Rezeptionsrolle, sondern unmit-
Ruth Schmidt
telbar Teil. Das Nicht- DIE SCHEINBAR SO werde, wo ich mein ei-
aus-der-Rolle-Fallen UNMITTELBARE ERFAHRUNG genes Urteilen erfahren
(-Können/-Dürfen) ist kann (und die doppelte
das Gegenteil der dupli- IST NUR EIN INTENSIVES Rezeptionssituation ist
zierten Rahmung. Was ERLEBNIS, DAS SCHON die Bedingung dafür),
ist das für eine wirkli- GEMACHTE ERFAHRUNGEN dass erst dort, wo ich
che Erfahrung, die ich BESTÄTIGT. meinem eigenem Sinn-
bei Signa (angeblich)
mache?
Das abgeschlossene, fiktionale System, die mög-
lichst authentische Illusion, in der ich mich befin-
de, erlaubt keinen reflexiven Blick auf mich, meine
Position oder die anderen; ein Außen gibt es nicht.
Diese absolute Bruchlosigkeit verbietet mit jeder
Distanz(-ierung) auch jede Komik, die immer ein
Heraustreten und Von-außen-Sehen bedeutet.
Der Prozess der ständigen Bedeutungsverschie-
bung und Neuzuschreibung, der bei Vivarium
Studio so beeindruckt, kann in Signas Welt nicht
stattfinden: Ein Tisch ist ein Tisch und eine Frau
ist eine Frau. Die Zeichen sind fixiert, weil sonst
der Sog in die Unmittelbarkeit nicht funktioniert;
weil sich sonst automatisch eine Distanz auftun
und eine Reflexion auf den Betrachter und da-
mit auf die Fiktionalität selbst stattfinden würde.
Wo Ödipus um sein Dasein auf einer Bühne weiß,
ist die Tragik gebrochen; wo bei Signa jemand
aus seinem Charakter fällt, ist die schockierende
Echtheit in Gefahr - und dann würde ich plötzlich
nur noch die Erfahrung des Als-ob, eines Theater-
abends machen.
Mit Kant und Quesne kann man sehen, dass erst
dort, wo ich in der Wahrnehmung produktiv
gebungsprozess beiwoh-
nen kann, dass ich erst
dort tatsächlich eine eigene Erfahrung mache.
Weil bei Signa ein Tisch ein Tisch ist und bleibt
und mir ein Blick von außen verboten wird, erle-
be ich immer nur etwas, was schon vor mir da ist:
Eine Frau ist eine Frau. Die scheinbar so unmit-
telbare Erfahrung ist nur ein intensives Erlebnis,
das schon gemachte Erfahrungen bestätigt. Mei-
ne Produktivität ist außer Kraft gesetzt, mir bleibt
nichts als Affirmation (auch wenn mir das in dem
Moment wahrscheinlich nicht klar ist). Ich erlebe
eine Welt, in der alles unverrückbar sich zu einem
materialistischen Beziehungsgeflecht, zu einem
hierarchischen Spiel aus Macht und Ohnmacht,
zusammenzieht. Es wird keine Kommunikation
über diese Welt mit mir geführt. So klassisch und
konventionell La Melancolie des Dragons auf den
ersten Blick gegen die Erlebniswelten von Signa
aussehen mag, erlaubt es mir doch einen ganz an-
deren, überraschenden Blick auf die Dinge.
RUTH SCHMIDT
studiert Angewandte Theaterwissenschaft in
Gießen.
JUNGLE-WORLD.COM
Anzeigen
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NYUYIHO
Virginia Spuhr
VON DER SCHWIERIGKEIT
DER FREIEN ENTSCHEIDUNG
Die erste Frage lautet wohl: Wie kam es dazu? Auch wenn ich die Frage hier fehl
am Platz finde, weil die Motivationen dafür — moralischer Zeigefinger und detek-
tivische Neugier — mir nicht angebracht zu sein scheinen, will ich sie beantworten:
Ich weiß es nicht mehr. Als ich noch ein paar Jahre jünger war und das Moralische
mir darum wichtiger, war ich überzeugt davon, alles richtig gemacht und einfach
Pech mit der Verhütung gehabt zu haben. Heute weiß ich nicht mehr, ob man
eigentlich alles richtig machen kann. Wie überhaupt die meiste Zeit in meinem Le-
ben sich in einer seltsam verwischten Erinnerung verwirrt, so ist es auch mit dies-
er Zeit bis zu dem Tag, an dem ich den Test machte. Die darauffolgenden Wochen
haben sich leider bei mir festgebissen.
Sonntags machte ich den Schwangerschaftstest. Ich hatte ihn tags zuvor geholt und
auf den Morgenurin gewartet. Ich war alleine auf dem Klo. Dann zeigte ich die
zwei berühmten Striche meinem Freund. Er meinte nur: Der Test irrt sich sicher,
und drehte sich fortan um sich selbst. Ich hingegen konnte keine zwei Sätze
geradeaus denken. Das Wochenende war fast vorbei, und so begann der Alltag un-
serer Fernbeziehung wieder: Er fuhr weg. Es war früher Abend. Bitte bring’ mich
noch zur Straßenbahn, ich muss jetzt los — schau’ erst mal, was die Ärztin sagt,
und wein’ bitte nicht mehr.
Es begab sich also, dass ich am Montag um zehn Uhr ohne ihn zur Frauenärztin
ging, Ich hatte ihren Namen im Internet gefunden und sie arbeitete um die Ecke
von der WG, in der ich seit zwei Monaten wohnte. Meine erste WG mit zwei lie-
ben, jungen Studentinnen. Die Ärztin war weniger lieb, mehr eine richtige Ost-
ärztin. Nicht die ernste Mama, die ich gewohnt war von zuhause, sondern so eine
richtig trockene Medizinerin. Hier sehen Sie das Ultraschallbild auf dem PC und
das weiße Pünktchen ist es: der Embryo. Okay, sie war nur unsensibel, nicht fies,
aber ich zwanzig und neu in der Stadt und ungewollt schwanger. Und der Stempel
klebte auf meiner Stirn oder meinem Bauch, alle sahen ihn, sahen durch meinen
Wollmantel und meine zwei Pullis — es war einer dieser sibirischen Kälteschübe,
wie ich später lernte — durch meine Haut und meine Gebärmutterwand auf dieses
Zellhäuflein. Brrr.
Ich hörte auf zu rauchen und trank alkoholfreies Becks, genau ein Mal und dann
nie wieder — richtiges Bier würde ich vermissen — und zugleich rief ich die gesetzli-
chen Beratungsstellen an. Alle überfüllt. So ein Kind, das wäre doch nix Schlimmes,
andere Menschen haben auch Kinder, dachte ich manchmal. Das klang verdächtig
nach einer schlimmen Krankheit. Das Kind. Die evangelische Beratung hatte als
einzige einen Termin zehn Tage später. In der Zwischenzeit saß ich in meinem Zu-
hause mit Erker und Kohleofen, hübsch und kalt, und ließ mich von Hörbüchern
ablenken. Ich war, glaube ich, viel alleine in meinem Zimmer in der Zeit. Meinen
zwei, drei neuen Freunden, gerade ein paar Wochen in meinem Leben, erzählte
ich nichts davon, ging nicht ans Telefon. Worüber sollte ich auch mit ihnen reden?
Da ist ein schlimmes Detail aus diesen Tagen: das Wartezimmer. Bei der Ärztin,
sowie bei der Beratung; Prospekte mit dicken Bäuchen, Kinderzeichnungen an der
Wand, Schwangere oder Frauen mit Kleinkindern sitzen strahlend herum. Und
morgens aufwachen: Verschlafen liegt manchmal meine Hand auf meinem Bauch,
und das Gefühl ist warm und irgendwie aufregend und nett. Zumindest, bis ich
richtig wach werde.
£4 xog ©y4 eprsıng
14
NYAUYydY9
Virginia Spuhr
Der Besuch bei der Krankenkasse folgte noch, wo ich an der Information sagen
sollte, warum ich da war. Was haben Sie gesagt, ich habe Sie nicht verstanden?
Dort wenigstens keine Babyprospekte, aber dafür eine Reihe Leute, die mich an-
glotzen. Ah, sie will abtreiben. Diesmal Freude über den Osten: Zumindest keine
Moralisten, kein Kopfschütteln.
Als er am Ende der zweiten Woche wieder zu mir kam, waren wir viel unter-
schiedlicher als zuvor. Er hatte sich eine Woche frei genommen von seinem Neben-
job, um mich zu begleiten. Und auf mich eingeredet, ich solle meiner Familie nichts
davon sagen, es sei nur zwischen uns wichtig. Er wollte es gerne behalten. Natür-
lich wollte er es gerne so, was hatte er zu verlieren?
Ich weiß, ich soll hier von meiner Abtreibung erzählen, nicht von meiner Bezie-
hung, aber das ist so verwoben, alles. Jahre später sagte eine Bekannte mir, sie
habe sich für ihr Kind entschieden, weil die Entscheidung dagegen auch eine ge-
gen eine gemeinsame Zukunft mit ihrem Freund gewesen wäre. Nichts von dem,
was ich hier erzähle, soll allgemeingültig sein. Ich freue mich für jede Frau, die es
auf die weniger schwere Schulter nehmen kann, aber für mich war es nicht leicht.
Er war ein paar Jahre älter als ich, bald sollte sein Studium zu Ende sein. Wir
sprachen mit der Elternberatung vom Studentenwerk, die zwar von vielen Unter-
stützungsvarianten erzählen konnte, aber doch meinte, alles sei heillos überfüllt
und durchaus keine frühe Ganztagsbetreuung möglich. Und als wir so zusammen-
saßen in einem Cafe, das familienfreundlich war und leicht esoterisch (auf der an-
deren Straßenseite das leicht punkige Kneipending mit Aschenbechern auf allen
Tischen, das ich in den Wochen zuvor frequentiert hatte), und uns ausmalten, wie
es wäre mit Kind, entstand dieses Bild:
Wir würden zusammenziehen in die kleine Stadt, aus der ich eben weggezogen
war, ich mein eben begonnenes Studium auf Eis legen oder abbrechen und er seins
schneller beenden. Dann ginge er arbeiten, und ich könnte perspektivisch in ein,
zwei Jahren wieder mehr an mich denken - mit der Hilfe meiner Familie, natür-
lich. Irgendwas dämmerte mir, als ich in mich versunken und mit einer leichten
Übelkeit im Magen neben ihm herlief. Zum Glück dämmerte es mir!
Das zweite Mal bei der Ärztin, fragte sie mich noch mal, wann ich meine Tage zu-
letzt gehabt hätte. Ich log, Ich hatte inzwischen nachgelesen und verstanden: Für die
Abtreibungspille hat man 49 Tage Zeit in Deutschland (in Frankreich und England
weitaus länger), gerechnet ab dem ersten Tag der letzten Regelblutung. Das waren
also drei Wochen vor meinem Eisprung, das wiederum war zwei Wochen vor dem
Test gewesen, das wiederum nun 14 Tage her... genau sieben Wochen. Den Termin
um drei Tage verschieben, und ich hätte noch Zeit, zur Klinik zu gehen! Aber all das
mit mir selbst ausmachen. Sie gab mir das Bild und notierte sich das Datum.
Die Klinik war so ein Ding für sich, steril sowieso, aber dazu noch eine Beauty-
Klinik. Ich wurde aufgerufen. Diese Pille schlucken Sie bitte jetzt mit einem
Becher Wasser und dann müssen wir eine Stunde auf Sie aufpassen, damit Sie
nicht erbrechen. Was, wo Sie die nehmen können? Na ja, im Wartezimmer, wir
haben keine Räume dafür. Er war bei mir, eigentlich wollte er ja jede Entschei-
dung mittragen. Aber als ich die Pille nahm, direkt neben dem Tresen der Sprech-
stundenhilfe, rannte er raus, schlug die Tür zu. Ich konnte ihm nicht hinterher.
Und das Wartezimmer starrte mich an.
Eine Stunde später fand ich ihn am Eingang der Klinik sitzend, weinend. Es war
sehr kalt, immer noch, und ich hatte einen Termin mit meiner Übungsgruppe für
Jirginia Spuhr
lie Uni. Ich hatte tatsächlich nicht geweint, seit er mich darum gebeten hatte, und
konnte ihn darum prima trösten. Später saß ich in der Rauchermensa bei einem
Treffen mit meiner Lerngruppe, die Gerüche stiegen mir zu Kopf, ich weiß nicht,
9b wegen der Schwangerschaft oder wegen der Tablette. Einer meiner neuen
Freunde war dabei. Er sah mich an und fragte, was los sei. Er habe mich oft an-
serufen. Und ich sei so bleich.
Am nächsten Tag schon begann meine Blutung, wenn auch schwach. Und tags da-
rauf ging ich wieder zur Klinik, die zweite Tablette nehmen, die die Krämpfe aus-
löst. Die Ärztin freute sich, dass mein Körper von selbst die Blutung begonnen
hatte, wollte mir aber keine Schmerzmittel verschreiben. Es tut eben immer ein
bisschen weh, aber dann wissen wir wenigstens, dass der Körper intakt ist. Ich
war leider nicht in meiner stärksten Verfassung, sonst hätte ich ihr sicherlich etwas
sntgegnet. Na ja.
Er wollte mich abholen kommen nach den drei, vier Stunden, die ich in der Klinik
bleiben sollte, aber wegen Platzmangels wurde ich früher aus dem Dreibettzim-
mer für Abtreibungsfälle ausgewiesen. Die Blutung hatte nun richtig angefangen
ınd ich war von der Warterei, den Schmerzen und der Kälte völlig gaga.
Die duftenden Wurststände — wie viel Wurst kann eine Stadt eigentlich essen? —
setzten mir jetzt zu, mir war übel. Und dann setzte ich mich einfach in die nächste
Kirche. Dort war es einigermaßen warm, ruhig, geruchsneutral, und niemand
störte eine, die alleine rumsaß. Das war ziemlich ideal und auch seltsam. Eine
Stunde später kam er mich abholen, und den Rest des Tages verbrachte ich zu-
hause mit Schmerzen und Tabletten von einer Apothekerin, die mir etwas Rezept-
pflichtiges mitgegeben hatte, einfach so.
Was soll ich sagen? Über die Blutung könnte ich noch reden. Aber ich glaube, das
will ich noch mit niemandem teilen. Auf dem Klo rief ich dann doch meine Mutter
ın. Sie weinte sehr. Sie meinte etwas feindselig, in so einer Situation brauche eine
Tochter ihre Mutter, keinen nutzlosen Mann. Am nächsten Tag schickte ich ihn
heim, und sie kam mich endlich besuchen.
Die Monate nach der Abtreibung waren bestimmt die intensivsten, die ich bis zu
diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Ich fühlte mich so jung, wollte nur mein Leben ge-
nießen und alles tun, was junge Leute so tun, nur manchmal brach dann doch alles
iber mir ein. Aber meine neuen Freunde waren da und toll, und ich hatte so viele
neue Ideen: Irgendwie war mir meine Freiheit bewusster.
Nachtrag 1:
In den Tagen, in denen ich alleine war und in denen ich mit niemand darüber
sprach, dachte ich irgendwann: So viele Frauen haben vor dir in dieser Situation
sesteckt, sogar zumeist unter so viel schlechteren Bedingungen. Die sind jetzt bei
lir. Das war zwar ein wenig verrückt, half aber.
Nachtrag 2:
Heute bin ich wieder bei derselben Frauenärztin. Ich hab’ ihr gesagt, dass ich das
Ultraschallbild damals lieber nicht gesehen hätte und verunsichert war von ihr,
ınd sie nahm das gut auf. Nur die blöde Ärztin aus der Klinik macht mich immer
noch wütend.
VIRGINIA SPUHR
ebt in Leipzig und ist Teil der outside the box Redaktion.
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NIAYIHD
Ein Gespräch entstehen lassen
U
SOLIDARISCHES
UMFELD
Natalie: Für mich war immer klar, dass sich meine soziale Sicherheit
nicht darüber definiert, dass ich eine Paarbeziehung habe oder ein Kind.
Sicherheit gibt mir vor allem mein restliches soziales Umfeld, Freunde,
mit denen ich reden kann und die für mich da sind. Meine Eltern sind total
selbstverständlich davon ausgegangen, dass mein Freund und mein Sohn
meine neue Familie sind - und ich dachte immer: nein, das ist nicht meine
Familie, das ist ein Teil meiner großen Familie. Sehr verwundert hat
mich dann, dass sich nach der Geburt von Frederik auch Freunde zurückge-
zogen haben, mit genau dieser Begründung, dass ich ja jetzt eine neue
Familie hätte. Ich wollte das ja überhaupt nicht so, hätte denen gern gesagt:
ihr seid meine Sicherheit, nicht das Kind! Es hat sich im Laufe der Jahre
ein bisschen relativiert, die Leute haben gemerkt, dass ich immer noch da
bin als Freundin und dass mir das sehr wichtig ist, aber gerade am Anfang
war das ein ganz schwieriger Punkt für mich und hat mich total traurig ge-
macht. Weil ich nicht die Kraft hatte, nach außen zu gehen, präsent zu
sein und vielleicht auch Aufmerksamkeit einzufordern. Das Baby hat mich am
Anfang einfach sehr eingenommen, klar. Und gerade da hätte ich es
gebraucht, dass Leute auf mich zukommen - und sich eben nicht abwenden,
weil sie unterstellen, ich bräuchte auf einmal nur noch Kleinfamilie
und keine Freunde mehr.
uth: Da ist sie wieder, die Eindeutigkeit. Die Mutter, die will jetzt
ieber ein kuscheliges Nest, lieber alleine sein mit Mann und Kind.
lso ich kenne das auch, zum Beispiel auch nicht mehr gefragt zu werden,
b ich mitkommen will, wenn irgendwelche Veranstaltungen, Partys,
onzerte oder so sind. Und die Leute meinen das ja noch nicht mal böse -
ie glauben einfach, das entspräche meinen Bedürfnissen oder zumin-
est meiner Situation als Mutter, die eben bedeutet: man kann abends
icht mehr weggehen.
Lotte: Ja, sowohl das soziale Umfeld als auch man selbst hat solche Bilder
im Kopf, die ungemein mächtig sind und nur durch Thematisieren und Kom-
munizieren aufgedeckt und verändert werden können. Man darf nicht vergessen,
dass die Geburt eines Kindes immer noch einen krassen Bruch darstellt.
Nach der Geburt geht es ja erst mal um die Vereinbarkeit von dem Leben,
das du vorher hattest - deine Identität, deinen Interessen und Vorlieben -
mit den Bedürfnissen eines von dir abhängigen Kindes. Und am Anfang ist
dieser Bruch besonders krass spürbar, da so ein Neugeborenes sehr viel
braucht und fordert. Besonders wenn man dem Rat folgt, das Kind nach Bedarf
zu stillen und am besten auch sonst in allem den Signalen des Kindes zu
folgen, also nur noch zu reagieren. Dann bist du mit deinen Interessen und
Bedürfnissen erst mal weg. Und wenn dann die Leute von außen merken,
sie kommen da nicht ran, sie fühlen sich von dieser neuen Zwei- oder Drei-
samkeit ausgeschlossen, und sich daraufhin zurückziehen - dann kann man
sich plötzlich sehr allein gelassen fühlen.
aike: Noch mal zu dem solidarischen Umfeld. Mein eigener Versuch,
ei einem Baby von Freunden als dritte Bezugsperson einzusteigen,
st leider gescheitert. Im Nachhinein glaube ich, dass das nicht
uletzt daran lag, dass ich das Gefühl hatte, ich werde nicht gebraucht.
Ein Gespräch entstehen lassen
Die Eltern sind die Experten, sind im Gegensatz zu mir rund um die
Uhr da und wissen eh alles besser als ich. Mein Eindruck war immer:
die schaffen das, auch ohne Unterstützung von außen. Wenn ich vorbei-
komme, kann ich zwar dilettantisch mal die Windeln wechseln und dem
Baby ein Schlaflied singen, und das ist auch nett - aber irgendwie
nicht notwendig. Ich hätte sozusagen ein Bedürfnis der Eltern gebraucht,
das mir signalisiert: es ist wichtig, dass du da bist. Ohne das war
meine eigene Motivation nicht stark genug.
Lotte: Ich denke, gerade an diesem Beispiel wird deutlich, wie tief diese
Vorstellung sitzt: Sobald ein Kind auftaucht, bilden die Eltern und das
Kind eine geschlossene Einheit. Das wird einfach um einen herum überall
gelebt und sich dann dagegen zu wenden, bedeutet einen krassen Akt der
Auseinandersetzung, gedanklich und auch praktisch. Als Eltern hat man dann
vielleicht im Kopf: wir haben uns für das Kind entschieden, also sind wir
jetzt auch dafür verantwortlich und müssen das alleine hinkriegen. Ich ken-
ne das von mir selbst auch - wie schwer es ist, Hilfe aus dem sozialen
Umfeld einzufordern. Lieber versuch ich erstmal, alles selber hinzukriegen,
als andere zu fragen, die es doch im Kampf mit dieser Scheißgesellschaft
selbst schon schwer genug haben. Dann kommt noch hinzu, dass das Baby auf
die dritte Person anders reagiert und möglicherweise mehr weint und
schreit, und das dann auszuhalten und zu sagen: uns ist es aber wichtig,
dass eine dritte Person dazukommt, auch wenn nicht gleich alles klappt,
ist echt nicht so einfach.
Maike: Wir hatten dieses Experiment ja auch deswegen gestartet,
weil wir eben keine Lust hatten, auf diese traditionellen Strukturen,
keine Lust, diese Trennung zu vollziehen zwischen den Eltern auf der
einen Seite, und auf der andren Seite den Freunden, die Party machen.
Unser Fehler war vielleicht, dass uns nicht klar war, dass dieses
Ausbrechen aus den gegebenen Strukturen dann doch viel komplizierter
ist. Das es nicht reicht, bloß theoretisch entschieden zu haben,
dass man das nicht will, sondern dass man daran arbeiten muss auf eine
Art, immer wieder reden und gucken, wo man doch wieder in irgendwelche
Muster zurückfällt oder wo äußere Zwänge und Notwendigkeiten es viel-
leicht auch nicht erlauben, jetzt alles ganz anders zu machen.
Ruth: Ich hätte mir an vielen Stellen auch einfach mehr Auseinanderset-
zung, mehr Gespräche darüber gewünscht. Ich war nach der Geburt nur
drei Monate zuhause und hab dann mein Studium fortgesetzt, mich um meine
Karriere gekümmert. Mein Partner war zuhause und die Hauptbezugsperson
für das Kind - und ich war darüber nicht nur glücklich und hab gedacht:
„Yeah, Rollenmuster aufgebrochen!“ Ich habe, im Gegenteil, extrem an
mir gezweifelt, extrem an dieser Mutterliebe gezweifelt, die da doch ei-
gentlich ganz natürlich und eindeutig da sein und mich rund um die Uhr
nach meinem Kind verlangen lassen sollte. Auch wenn ich sehr viel lieber
in die Bibliothek gegangen bin, denn dort konnte ich Zigaretten rauchen,
Kaffee trinken und hab Freunde gesehen. Ich konnte raus gehen, konnte bei
mir sein und hatte ein Gefühl von Autonomie. Ich konnte das Kind stun-
denweise mal vergessen und fand das geil. Aber ich fand es eben nicht nur
geil, weil diese Normalitätsvorstellungen so tief verankert sind.
Wir haben das alle gefressen. Und so habe ich mich, obwohl das alles wohl-
überlegte Entscheidungen waren, die mein Partner und ich gemeinsam
getroffen hatten, oft gefragt, ob mit mir was nicht stimmt. Es hat mir
gefehlt, dass jemand gekommen ist, der gesagt hat: ja klar, wenn du
das so willst, wenn das für euch passt, ist doch super. Es reicht ja nicht,
die Struktur für sich persönlich zu ändern - es braucht auch eine
Auseinandersetzung darüber im sozialen Umfeld, in der Öffentlichkeit.
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NaUYEE9
Conrad Jackisch
GEBÄREN LASSEN
Eigentlich hat sich mit der Geburt meiner Tochter alles verändert. Und so wun-
derbar jeder Tag mit ihr auch ist, kann ich mir nicht vorstellen, mich jemals be-
wusst und planend für ein Kind entscheiden zu können - das ist einfach eine Num-
mer zu groß. Ich möchte ein paar Aspekte aus meiner erlebten Vaterperspektive
aufzeigen, die ich gerade erst zu sortieren beginne.
In einem politischen Wohnprojekt mit anderen Kindern lebe ich schon jenseits
kleinfamiliärer Situationen. Promotion, Projekte und Politkram liefen die letzten
1 1/2 Jahre eher auf Sparflamme.
Dimension 1 * Die Gesellschaft und ich
Die „frohe Kunde“ von der anstehenden Geburt hat eine Welle von Wohlwollen,
Unterstützung und Nähe in der Familie ausgelöst. Ich kann mich an niemanden
erinnern, der_die nicht positiv reagiert hat. Einerseits vielleicht weil es mein erstes
Kind ist? Anderseits vielleicht weil alles doch auch „so schön passt“? Hat das
Konzept „Kleinfamilie“ jetzt auch was mit mir zu tun? Geht es am Ende doch ums
Mitspielen in den Normativen? Gibt es in einer Mutter-Vater-Kind Konstellation
daraus einen Ausweg? Wenn ja, wohin führt der?
REALE VERBINDLICH- 1 den Monaten vor und nach der Geburt ging es natürlich viel darum, was
KEITEN UND DER _ von mir erwartet wird und was ich von mir erwarte. „Ich habe jetzt eine Fami-
SOG GESELLSCHAFT- lie zu ernähren.“ Alle Welt schien plötzlich nur noch übers Kinderkriegen zu
LICH VORGEGEBENER reden und das Teilnehmen am Geburtsvorbereitungskurs ist genauso selbst-
ROLLEN SIND verständlich wie das Funküpteren u der ArbeitKarsere. Be Yu
= also doch vorausgesetzt, dass die Ernährerfunktion von mir ausgefüllt wird
GROSSER GEWORDEN. und dass meine Freundin den ganzen Reproduktionskram schmeißen muss.
Und das geht so weiter: „Wo ist denn die Mutti?“ zeigt immer wieder auf, was
Phase ist. Der Vater ist schon der Held, wenn er mal mit dem Kind in den Zoo
oder auf den Spielplatz geht - von der Mutter wird alle Aufopferung für das Kind
selbstverständlich vorausgesetzt. Für mich ist es schon ein bisschen schizophren,
dass mit großer Bewunderung gesehen wird, wenn ich manchmal die „Mutti“ bin.
Im nächsten Moment steht das Funktionieren in Arbeit/Karriere aber auch nicht
in Frage.
Dimension 2 * Ich mit mir
Krass, ich kriege ein Kind. Eine unendliche Flut an Vorstellungen, Ängsten, Unsi-
cherheiten, Träumen wird ausgelöst. Das neue Hobby mit Arztbesuchen, Kurs,
Hebamme gibt etwas Halt. Irgendwann kann ich mich ein bisschen in den dicken
Bauch meiner Freundin hineinversetzen. Eher Kopfsache? Ich muss mich
schließlich meinen Ansprüchen und den gesellschaftlichen Reflektionen stellen,
habe aber körperlich nichts auszuhalten.
Die Geburt - über dutzende Stunden hinweg aufmerksam sein für meine Freun-
din, ihr die Sache zu erleichtern wo es nur geht, sie vor allem auch emotional stark
zu unterstützen. Und irgendwann ist es einfach wunderbarerweise da — fast wie
eine Heilung von einer Krankheit.
Ab dann war dann doch alles ganz anders als erwartet und vorbereitet. Und es ist
keine Kopfsache mehr. Alles will neu bewertet werden. Es geht mir meistens nicht
mehr um mich, sondern um »uns«. Sich darin zumindest ein Stück weit selbst zu
verlieren ist keine Schwierigkeit.
Conrad Jackisch
So findet ein Gerangel um das „alte Leben“, die „neuen Aufgaben“ und die neue
Situation statt. Manches erledigt sich von allein, weil ich einfach nicht mehr dazu
komme. Anderes drängelt so sehr, dass es dann unter großen Mühen doch irgend-
wie gemacht wird. Wenn ich dieses Gerangel mit genug Gelassenheit hinnehmen
kann, geht’s mir gut. Aber die Unzufriedenheit mit mir selbst, wenn ich die vielen
Dinge, die mir wichtig sind, nicht mehr hinkriege, schleicht sich oft ein.
Dimension 3 * Unsere Beziehung und das Kind ICHKANN MIR NICHT
MEHR VORSTELLEN,
Mit der Schwangerschaft begann ein pubertäres Wechselspiel von Launen und JE OHNE DIE KLEINE
Gefühlen. Zu zweit schaukeln wir uns da gut hinein. Seit der Geburt nimmt in
der Beziehung die Begegnung im Organisations-Hyperspace zu. Sobald ein EXISTIERT ZU HABEN.
sroßer Teil der Kinderbetreuung alleinig bei einer Person liegt, kratzt die Un-
zufriedenheit mit sich selbst schnell an einer Depression. Erstaunlich euphorisch
ist es dagegen, wenn die Kleine jeden Tag Neues lernt und ich trotzdem meine Sa-
chen schaffe — weil andere die Betreuung tragen.
Wie sieht es eigentlich mit unseren Rollen aus? Sind wir eine amouröse Bezie-
hung? Mama/Papa? Alleinerziehend? g
Reale Verbindlichkeiten und der Sog gesellschaftlich vorgegebener Rollen sind E
srößer geworden. In dieser Situation ist das sich aus dem Weg gehen nicht einfach. r
Ein großer Teil Leichtigkeit weicht krampfigen Versuchen, nicht zu kurz zu kom- E
men. Einfach mal weggehen bedarf schon einiger Absprachen und Planung. Ge- &
meinsam mal zu 'ner Party? Fast aussichtslos. Das ist keine lockere Situation für er
»ine Beziehung. y
Das Gebären lassen S
Die drei vorgestellten Aspekte sind ein erster Anfang für mich, zu sortieren, wo 3
Entscheidungspunkte und wo Fallstricke für einen emanzipatorischen Umgang ei
nit Kindern liegen. Gibt es letztendlich doch nur die Option, sich dafür zu ent-
;cheiden?
Dahin ist einiges an Leichtigkeit und jugendlicher Spontanität. Nicht weil ein Kind
liese per se nicht zulässt. Ich glaube vielmehr, dass ich noch an meinen alten Priori-
äten klammere.
Einen ganz wesentlichen Entscheidungspunkt sehe ich darin, sich gleichermaßen
uf die neue Situation einzulassen und sehr viel Empathie — auch für sich selbst —
wfzubringen. Wenn ich mit mir nicht im Klaren bin, wird es das Kind gnadenlos
infordern. Kleines Geknirsche verstärkt sich mit nöligen Kindern schnell zum
Streit, in dem fundamentale Fragen offen liegen. Sobald sich die Reproduktions-
ätigkeiten auf eine Person konzentrieren, ist die Depression nicht weit. Das stellt
ieles in Frage.
Nas soll also so toll sein am Gebären lassen, wenn man mehr vom Leben will als
Xinderhüten? Seit drei Monaten gibt es einen Platz bei einer Tagesmutter und seit
lem ist alles viel einfacher. Ein Stück weit kommt die Freiwilligkeit wieder zurück.
ch kann mir nicht mehr vorstellen, je ohne die Kleine existiert zu haben.
>ONRAD JACKISCH
2bt in Leipzig und versucht den Spagat zwischen politischem Hausprojekt,
\aturwissenschaftlicher Promotion und emanzipiertem Leben.
T CANT BELIENE IT.
T FORGOT TO
HAVE CHILDREN!
Felicita Reuschling
Produktives Gebären:
Elemente einer feministischen
Okonomiekritik
Haus-und Pflegearbeiten, erst recht aber Gebären
und Stillen gelten nicht als „produktiv“. Dies hatte
sowohl in einer orthodoxen marxistischen Lesart,
als auch im bürgerlichen Alltagsverständnis ähnli-
che Bewertungen und Ausblendungen dieser ge-
sellschaftlichen Zusammenhänge zur Folge.
Als produktive Arbeit gilt bei Karl Marx nur sol-
che, die mehrwertschaffend ist. Nicht entlohnte
Tätigkeiten fallen deshalb grundsätzlich nicht in
diese Kategorie. Obwohl Marx betonte, dass es ein
„Pech“ sei, produktiver Arbeiter zu sein, würdigte
er gleichzeitig Arbeitsteilung und Produktivitäts-
steigerung des industriellen Kapitalismus als
emanzipatives Potential für den Kommunismus.
Diese Ambivalenz führte in der gesamten marxis-
tischen Theorie zur Abwertung bzw. Ausblendung
von nicht industrialisierten oder nicht lohnförmig
vermittelten Tätigkeiten. Zu den zentralen ökono-
miekritischen Er-
der Ware Arbeitskraft weitgehend auf unbezahlter
Arbeit und staatlich subventionierten Leistungen
basiert.
Feministinnen in den 1970-1980er Jahren haben
deshalb versucht, die gesellschaftliche Abwertung
reproduktiver Tätigkeiten im Zusammenhang mit
der Logik des Kapitalismus zu thematisieren.
Bei fast allen feministischen Theorien dieser Zeit
findet sich implizit oder explizit der Gedanke, dass
der Kapitalismus auf der zumeist unbezahlten
Reproduktionsarbeit von Frauen beruht oder
von dieser abhängig ist. Sehr unterschiedlich waren
jedoch die Antworten darauf, wie der Zusam-
menhang von Lohnarbeit und unbezahlter Repro-
duktionsarbeit begrifflich zu erfassen und zu poli-
tisieren wäre.
Auffällig ist für viele dieser Ansätze die starke
Orientierung an Marxscher Theorie und das
Bedürfnis, diese Kritik der politischen Ökonomie
mit einer feministi-
kenntnissen und For- BEI FAST ALLEN FEMINISTISCHEN schen Position zu-
derungen des Femi-
nismus 1968 ff ge- THEORIEN DIESER ZEIT FINDET SICH
sammen zu denken.
Andererseits ging es
hörte es, die gene- IMPLIZIT ODER EXPLIZIT DER im Verlauf dieser fe-
rative Reproduktion GEDANKE. DASS DER ministischen Diskus-
und die Reprodukti-
onsarbeit als funkti-
sionen immer stärker
KAPITALISMUS AUF DERZUMEIST auch darum. sich
onale Bestandteile UNBEZAHLTEN REPRODUKTIONS- nicht einfach in die
kapitalistischer Ge- ARBEIT VON ERAUEN BERUHT ODER bestehende Theorie
sellschaft sichtbar zu
einzuschreiben bzw.
machen, die im Mar- VON DIESER ABHÄNGIG IST. diese zu ergänzen,
xismus und im bür-
gerlichen Alltagsverständnis gleichermaßen nicht
erfasst wurden. Damit wurde auch die bis dahin
kaum in Frage gestellte Arbeitsteilung zwischen
den Geschlechtern politisiert. Auf der Ebene einer
feministischen Ökonomiekritik ging es aber auch
darum, darzulegen, dass der Kapitalismus keines-
wegs die Voraussetzungen für Akkumulation selbst
warenförmig erschafft, sondern die Reproduktion
sondern das politi-
sche Subjekt, die Klassentheorie und den Begriff
der Arbeit bei Marx infrage zu stellen und neue
Antworten darauf zu entwickeln.
Eine dieser Antworten war die strategische
Forderung nach „Lohn für Hausarbeit“, mit der
eine Anerkennung für jene Arbeit eingefordert
wurde, die auch Gewerkschaften/ Genossen/Ehe-
männer nicht wahrnahmen. Einige Positionen
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6
NYUYIHO
l Zu den sogenannten Bielefelde-
rinnen gehörten vor allem Maria
Mies, Veronika Bennhold Thomsen
ınd Claudia von Werlhof, deren
Ansatz sich aus einer Diskussion
ım Produktionsweisen und der
Produktion im Trikont entwickelt
hatte und diese mit unbezahlter
Reproduktionsarbeit von Haus-
frauen strukturell analogisier-
ten. Aber auch z.B. Adelheid Bie-
seckers und Christa Wichterichs
Positionen in den achtziger
Jahren gingen in diese Richtung
gingen jedoch darüber hinaus, indem sie den
Produktivitätsbegriff auf Hausarbeit und selbst
auf das scheinbar kreatürliche Gebären auszuwei-
ten versuchten.
Ich möchte im Folgenden drei politische Kon-
zepte miteinander
vergleichen, die sich
mit generativer Re-
produktion und Re-
produktionsarbeit
auseinandersetzen
und Marx als gemein-
samen, wenn auch
teilweise negativen
Bezugspunkt haben.
Alle Positionen schei-
nen mir eine Auseinandersetzung unter diesem
Gesichtspunkt wert, weil sie das Anliegen einer
Kritik der politischen Ökonomie des Kapitalismus
verfolgen. Insofern enthalten sie das Versprechen,
Feminismus mit einer materialistischen Kritik
am Kapitalismus zu verknüpfen, ein Versprechen,
an dem ich sie messen möchte.
In den folgenden Abschnitten zu Differenzfemi-
nismus und Postoperaismus in Empire (Michael
Hardt/Toni Negri) will ich versuchen darzustel-
len, warum diese Kritiken des männlich industri-
ellen Lohnarbeiter-Subjektes in eine (neue) Onto-
logisierung und Dichotomisierung von Herr-
schaftsformen münden und damit ihren eigenen
Ausgangspunkt untergraben.
Im letzten Teil soll in der Diskussion der Tendenz
des -Reproduktionsmaschinenkommunismus«
hingegen eine aktuelle Fortschreibung der langen
Traditionslinie feministischer Technikbegeisterung
problematisiert werden, wie sie z.B. bei Shulamith
Firestone und Simone de Beauvoir zu finden ist.
In Deutschland waren die ökonomiekritischen Fe-
ministinnen vor allem die sogenannten Differenz-
feministinnen, die auch als Bielefelderinnen
bekannt geworden sind.' Im Zentrum der diffe-
renzfeministischen Thesen stand zu Beginn die
Auseinandersetzung mit dem Begriff der produk-
tiven Arbeit. Differenz bezeichnete in den
frühen Texten die Abkehr von einer dichotomi-
schen Begrifflichkeit, die ein Spiegelbild der bür-
gerlichen Gesellschaft, ihrer sexualisierten Ar-
beitsteilung, Subjekte und Sphären wäre, und
nicht deren Kritik. Differenz bedeutete in diesem
Sinne keine Entgegensetzung von zwei komple-
mentären Polen wie männlich und weiblich, son-
dern Vielgestaltigkeit oder Heterogenität.
Der Begriff der Differenz hatte zu Beginn einen
analytischen Charakter, der sich gegen die auf be-
DER ZUNEHMEND ZU EINEM
SCHIMPFWORT VERKOMMENE BE-
GRIFF FEMINISMUS WURDE HÄUFIG
SCHLAGWORTARTIG MIT TECHNIK-
KRITIK UND ESOTERIK IN VERBIN-
DUNG GEBRACHT UND DAMIT ALS
GANZES DISKREDITIERT.
Felicita Reuschling
zahlte Arbeit fokussierte Eindimensionalität des
Ausbeutungsbegriffes richtete. Hier zeigt sich
eine Parallele zur Postmoderne, die eine Absage
an das männliche autonome Subjekt, und damit
auch an die hegelschen Begrifflichkeit von Tota-
lität und Identität enthielt, auf der auch die Marx-
sche Kritik der poli-
tischen Ökonomie
basiert.
Zunehmend wurde
dieser Begriff, der
auf die Vielfältigkeit
und Unterschied-
lichkeit von Ausbeu-
tungsformen und
Subjektivitäten hin-
gewiesen hatte, aller-
dings zu einem negativen Abziehbild des ursprüng-
lich Kritisierten. Frauen wurden zum Inbegriff
Gebrauchswert-orientierter und damit per se gu-
ter Lebensformen stilisiert, die dem industriellen,
akkumulativen Prinzip und seiner Verkörperung
im männlichen Lohnarbeiter-Subjekt dichoto-
misch entgegengesetzt wurden. Damit geht eine
technikkritische bis technikfeindliche Einstellung
einher, die heute unter dem Namen Ökofeminis-
mus ihre Fortsetzung gefunden hat.
Paradoxerweise entwickelte sich der so genannte
Differenzfeminismus also aus einer Fragestellung,
die als Ausgangspunkt der Postmoderne bezeich-
net werden könnte. Andererseits können die Dif-
ferenzfeministinnen geradezu als die Erzfeindin-
nen der Postmoderne gelten, die allen -ismen und
Ontologisierungen skeptisch gegenüberstanden.
Der zunehmend zu einem Schimpfwort verkom-
mene Begriff Feminismus wurde häufig schlag-
wortartig mit Technikkritik und Esoterik in Ver-
bindung gebracht und damit als Ganzes
diskreditiert. Diese entgegengesetzten Tendenzen
beruhen nicht nur auf einer unterschiedlichen In-
terpretation, sondern vielmehr auf einer tatsächli-
chen Entwicklung und damit Veränderung des
differenzfeministischen Theoriegebäudes. So wur-
den auch die Bielefelderinnen seit den 1990er Jah-
ren nicht mehr in der Linken diskutiert, obwohl
sie ganz eindeutig zunächst dort ihre theoreti-
schen Bezugspunkte hatten. Mit der Linken teil-
ten sie den Streit um die Frage nach der Klassen-
zusammensetzung und damit verknüpft dem
politischen Adressat der Gesellschaftskritik.
Die Abkehr linker Diskussionen von den Diffe-
renzfeministinnen ist einerseits vom Resultat her
verständlich, weil sich dort die neuen politischen
Subjekte „Frau“ und „Bauern“ finden, die unter
anderem jegliche Unterschiede zwischen Frauen
,
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A
Felicita Reuschling
einebnen. Verloren ging damit aber auch die
Wahrnehmung, dass mit der Thematisierung von
Subsistenzarbeit der männliche Industriearbeiter
als traditionelles politisches Subjekt kritisiert wur-
de. Geradezu antipodisch enthält diese Perspekti-
ve eine Kritik am Fortschrittsbegriff kapitalisti-
scher „Entwicklung“, weil sie die von Marxisten
als rückständig und unpolitisierbar diskreditierten
Klassen — Frauen und Bauern - endlich auch als
politisches Subjekt adressierte.
Die Frage nach der Zusammensetzung des politi-
schen Subjektes wurde erst Ende der 1990er erst-
mals unter anderem in Negri/Hardts Empire wie-
der aufgegriffen. Obwohl die Bielefelderinnen
und die Thesen in Empire recht unterschiedlich
anmuten, kommen beide Positionen zu strukturell
sehr ähnlichen Antworten. Zunächst soll die his-
torische Position der Bielefelderinnen untersucht
werden. Auf Empire und die gegenwärtige Dis-
kussion komme ich später zurück. Spannend er-
scheint mir an der Auseinandersetzung mit den
Bielefelderinnen bzw. dem Differenzfeminismus
die Frage, warum gerade der Versuch einer anti-
kapitalistischen feministischen Kritik, die vom
Anspruch ausging, die Heterogenität von Subjek-
tivitäten und Klassenverhältnissen im Kapitalis-
mus angemessen zu repräsentieren, in eine identi-
täre Position umschlägt. Wie kommt es zu dieser
eigenartigen Verschiebung? Ich möchte jedoch im
Folgenden darstellen, dass mit dieser Wahrneh-
mung leider auch etwas ganz anderes zum Ver-
schwinden gebracht wurde, was rückblickend als
typisches Symptom der postmodernen Diskussion
gelten kann.
Es war einmal in Bielefeld -
Life is Life
Im Anschluss an Rosa Luxemburgs Die Akkumu-
lation des Kapitals ging es den Bielefelderinnen
um eine Umkehrung der Perspektive bei Marx.
Im Gegensatz zu Marx’ Prognose, dass in kapita-
listischen Gesellschaften zunehmend alle Men-
schen zunächst expropriiert und dann zu freien
LohnarbeiterInnen würden, geht es hier um die
Theoretisierung des Faktums, dass der Großteil
der Weltbevölkerung heute nach wie vor nicht vor-
wiegend von „doppelt freier Lohnarbeit“ lebt.?
Damit wird die Abgeschlossenheit der so genann-
ten „ursprünglichen Akkumulation“? bei Marx in
Frage gestellt und stattdessen eine Gleichzeitig-
keit und Persistenz unterschiedlicher Klassen-
formen, Hierarchie- und Ausbeutungsverhältnis-
se als funktionaler Bestandteil des Kapitalismus
konstatiert. „|[Rosa Luxemburg] stellte nicht nur
eine fortdauernde historische Gleichzeitigkeit von
kapitalistischen und nichtkapitalistischen
Bereichen in der Dritten und Ersten Welt fest,
sondern baute ihre Theorie auf der Logik des
Verhältnisses zwischen beiden auf: „Das Ent-
scheidende ist, dass der Mehrwert weder durch
Arbeiter noch durch Kapitalisten realisiert
werden kann, sondern durch Gesellschafts-
schichten oder Gesellschaften, die selbst nicht
kapitalistisch produzieren.“
Daraus folgt ein durchaus spannender und ernst-
zunehmender Perspektivwechsel, der bis heute
kaum besser formuliert wurde.’ „Betrachtet man
den Kapitalismus als Totalität, müssen also Ver-
hältnisse als nicht nur ökonomische, sondern auch
im Sinne der Akkumulation unabdingbare mitein-
bezogen werden, die bislang für außer-öko-
nomisch, ja, natürlich und damit überhistorisch
gehalten wurden, bloß deshalb, weil sie sich nicht
in einem Lohnarbeitsverhältnis abspielten; z.b.
gerade Frauen-Arbeit: Kindergebären und -auf-
zucht, Befriedigung der Bedürfnisse des Mannes
nach Essen, Sexualität, Kommunikation.“ An
solchen Stellen scheint mir die ungeheuerliche
theoretische Dominanz der Marxisten in dieser
Zeit selbst bei ihren Kritikerinnen theoretische
Spuren in ihren Bezügen hinterlassen zu haben.
Einerseits ist das erklärte Ziel verständlich: „Uns
kam es darauf an, dass die Arbeit, die in die Pro-
duktion des Lebens oder Subsistenz einging —
hauptsächlich Arbeit von Frauen - als „Arbeit“
sichtbar wurde und nicht weiterhin ins Reich der
Natur verwiesen wurde“', heißt es bei Werlhof.
Und Maria Mies beschreibt diesen Zusammen-
hang folgendermaßen: „Danach umfasst Subsis-
tenzproduktion alle Arbeit, die bei der Herstel-
lung und Erhaltung des unmittelbaren Lebens
verausgabt wird und auch diesen unmittelbaren
Zweck hat... Zu ihr gehört auch die Arbeit der
Kleinbauern, die hauptsächlich für den eigenen
Konsum arbeiten, vor allem Kleinbauern in den
unterentwickelten Ländern.“ Damit wird das po-
litische Subjekt des produktiven männlichen In-
dustriearbeiters durch die SubsistenzarbeiterIn-
nen — Frauen und Bauern - ersetzt. Scheinbar
analog zur Begründung des produktiven Arbeiters
als politisches Subjekt bei Marx wird auch die
Subsistenzarbeiterin durch ihre Stellung im Pro-
duktionsprozess definiert: „Damit steht der Be-
griff der Subsistenzproduktion im Gegensatz zur
Waren- und Mehrwertproduktion. Bei der Subsis-
tenzproduktion ist das Ziel „Leben“, bei der Wa-
renproduktion ist das Ziel Geld, das immer mehr
Geld „produziert“, oder die Akkumulation von
Kapital.“ Allerdings hat sich bei dieser Einschrei-
bung in die Logik der Produktivität eine wichtige
Verschiebung ereignet. Plötzlich wird die Subsis-
2 So wie sich auch die repr
tative Demokratie als angebl
adäquate Herrschaftsform für
Kapitalismus bekanntlich ke
wegs überall durchgesetzt hat
3 Das Kapitel zur ursprüngli
Akkumulation im Kapital Band
beschreibt den historischen P
zess der Expropriation von Kl@
bauern und der Herstellung def
doppelten Freiheit des Lohnarb,
ters als Enteignungsprozess
die dem Kapitalismus vorausgeh
muss und deshalb doppelt frei
ist: frei von direkter Herr-
schaft, aber auch jeglicher Pro*®
duktionsmittel enteignet.
4 Luxemburg, Rosa: Die Akkumula
tion des Kapitals. Zitiert nach
Werlhof, Claudia von: Frauenarbeit,
Der blinde Fleck in der Kritik
der politischen Ökonomie. In:
Beiträge zur feministischen
Theorie und Praxis 1. München
19781188 20,
5 Und zunehmend wieder an Bedeu-
tung gewinnt, was eine ökono-
miekritische Diskussion des Kolo-
nialismus angeht, wie z.B. bei
Silvia Federici.
6 Werlhof 1978. S. 23.
7 Werlhof 1978. S. 117.
xog @y2 »prsıno
8 Mies, Maria: Subsistenzproduk-
tion, Hausfrauisierung, Koloni-
sierung. In: Beiträge zur femini-
stischen Theorie und Praxis
9/10. München 1983. S. 117.
gEBE.NSkuILT,
GEBAREN
50
QOutside the Box #3
10 Ebd. S. 118.
11 Mies, Maria: Gesellschaftli-
che Ursprünge der geschlecht-
lichen Arbeitsteilung. In: Benn-
holdt-Thomson, Veronika/Werlhof,
Claudia von/Mies, Maria: Frauen,
die letzte Kolonie.
Hamburg 1983. S. 169 ff.
tenzarbeit nicht nur innerhalb, sondern gleichzei-
tig transhistorisch und jenseits des kapitalistischen
Produktionsverhältnisses verortet. Anstelle einer
immanenten Kritik ist ein ontologisches Prinzip
der gesellschaftlichen Produktivität getreten: „Es
muss vielmehr darum gehen, die Subsistenzpro-
duktion aus den Fängen des Polypen Kapital zu
befreien und Autonomie über unsere Körper und
unser Leben zurückzugewinnen.“'" Hier wird eine
strukturelle Ähnlichkeit extrapoliert, die nicht nur
eine analytische Kategorie sein soll, sondern be-
reits der Vorschein einer besseren antikapitalisti-
schen Gesellschaft.
„Zunächst ist festzuhalten, dass Frauen ihren gan-
zen Körper als produktiv erfahren können, nicht
nur ihre Hände oder ihren Kopf. Aus ihrem Kör-
per produzieren sie neue Menschen und die erste
Nahrung für diese Menschen. Es ist von entschei-
dender Bedeutung für unsere Fragestellung, dass
der Zusammenhang zwischen Gebären und Näh-
ren als echt menschliche, d.h. bewusste, historisch
gesellschaftliche Tätigkeit gesehen wird. Frauen
haben sich die Fähigkeit Kinder zu gebären und
Milch zu produzieren, in der gleichen Weise ange-
eignet, wie die Männer sich ihre körperliche
Natur angeeignet haben, nämlich in dem Sinn,
dass ihre Hände und ihr Kopf durch Arbeit und
Reflexion Fertigkeiten erlangten bei der Schaf-
fung und Handhabung von Werkzeugen. Darum
ist die Aktivität der Frauen beim Gebären und
Nähren von Kindern als Arbeit zu interpretieren.“
Nachvollziehbar erscheint mir hier die Deutung
von Gebären als gesellschaftliche Leistung, Diese
These hat angesichts der zunehmenden Bedeu-
tung von PID und Kontrolluntersuchungen, sowie
des Anspruches an Frauen, sich selbstbestimmt
um ihre Gesundheit und ihre reproduktive Funk-
tionalität zu kümmern, ihre Aktualität bewahrt.
Problematisch dabei ist eine sich daran anschlie-
ßende Dichotomisierung von guten = lebensför-
derlichen und bösen = akkumulationsförderlichen
Tätigkeiten im Kapitalismus. Gänzlich bizarr ist
jedoch die Umdeutung jeglicher menschlicher Tä-
tigkeit bzw. körperlicher Praxis als Arbeit im „voll
entfalteten Sinne“. Damit wird der marxsche Ar-
beitsbegriff wieder aufgenommen und in diesem
Sinne auch Gebären als „produktiv“ definiert. Und
warum wurde das Verständnis der Kategorie Dif-
ferenz, insbesondere bei Maria Mies sowie ab
1981 auch bei den anderen Bielefelderinnen,
zunehmend vereindeutigt und damit auch gleich-
zeitig selbst wieder dichotomisiert?
Bemerkenswert ist an der Herangehensweise der
Bielefelderinnen, dass dort versucht wurde, vom
Subjekt des männlich industriellen Lohnarbeiters
Abstand zu nehmen und stattdessen den Blick für
Felicita Reuschling
die Heterogenität von Arbeitsverhältnissen inner-
halb der kapitalistischen Vergesellschaftung zu
öffnen. Insofern scheint mir der Begriff Differenz
eine Suche nach Verbindungslinien und Trennun-
gen zwischen gesellschaftlichen AkteurInnen zu
repräsentieren. Wie schon angedeutet, findet sich
insbesondere in den Texten der späten 1970er Jah-
re ein analytischer, nicht wertender Begriff von
Differenz im Kapitalismus, der von der Zentralität
des industriellen Lohnarbeiters Abstand nimmt.
An diesem Punkt scheint der Versuch auf, der di-
chotomischen Struktur der bürgerlichen Gesell-
schaft und ihrer Repräsentation im Marxismus
einen Begriff der Differenz entgegenzusetzen.
Dieser kritisiert die Trennung zwischen Produk-
tion und Reproduktion sowohl in Bezug auf das
Geschlechterverhältnis, als auch auf eine globali-
sierte kapitalistische Ökonomie. Andererseits ent-
wickelte sich der Begriff der Differenz zuneh-
mend auch als ontologischer, der neue Gemein-
samkeiten schafft, gleichsam ein moralisches
Dach, unter dem sich die SubsistenzproduzentIn-
nen — Frauen und Bauern — zusammenfinden, die
gemeinsam ein Gegenprinzip zum Kapitalismus
leben. Damit verliert dieser Begriff jedoch seinen
heterogenen Inhalt und wird zu einem negativen
Abziehbild dessen, was er zuvor infrage gestellt
hatte. Aus der analytischen Kategorie wird damit
auch ein identitärer Begriff, der Frauen und Bau-
ern qua ihrer Stellung im Produktionsprozess zu
einer positiven ethischen Gemeinschaft stilisiert.
Affektive Arbeit - die Subsistenz
des 21. Jahrhunderts
Wer sich fragt, ob derartige Positionen nicht längst
veraltet sind und die Auseinandersetzung damit
insofern nur noch historisch ist, der wird durch
die Lektüre von Negri/Hardts Empire eines
Schlechteren belehrt. Denn auch in Empire findet
sich ein ganz zentraler Argumentationsstrang, in
dem es um die „biopolitische Produktivität“ geht,
die dort als ontologische Substanz gesellschaftli-
cher Produktion bezeichnet wird. Ähnlich ist dort
auch die ambivalente Konzeption, in der einerseits
alle Arbeit als kapitalistisch subsumierte bezeich-
net wird, während sie andererseits auch jenseits
dieses Verhältnisses zu existieren scheint. Darun-
ter ist in etwa zu verstehen, dass es auch innerhalb
des bestehenden Kapitalismus schöpferische Dy-
namiken gibt, die als allgemein menschlich ge-
dacht werden und deshalb als Vorschein einer be-
freiten Gesellschaft interpretiert und angeeignet
werden können. Interessant erscheint mir auch,
dass trotz der strukturellen Abwesenheit einer fe-
ministischen Position in Empire die Thesen dort
Felicita Reuschling
zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die der Diffe-
renzfeministinnen führen — mit dem kleinen aber
folgenreichen Unterschied, dass Negri/Hardt
technikbegeistert und die Bielefelderinnen tech-
nikkritisch argumentieren. Ganz in der Logik der
Marxisten wird in Empire eine Technikbegeiste-
rung sichtbar, die zu einer „neuen Verwendung
der Maschinen“? führen könne.
Was bei den Differenzfeministinnen die Subsis-
tenzproduktion ist, ist bei Negri/Hardt die affek-
tive Arbeit. „Affektive Arbeit bedeutet hier für
sich und unmittelbar die Konstitution von Ge-
meinschaften und kollektiven Subjektivitäten. In
mehrfacher Hinsicht konnte so der produktive
Kreislauf von Affekt und Wert als ein autonomer
Kreislauf der Kon-
stitution von Sub-
jektivität erschei-
nen, der imGe-
gensatz zum Pro-
zess der kapital-
istischen Verwer-
tung steht.“'? Diese
sei, wie die imma-
terielle Arbeit all-
gemein, angesichts der Postmodernisierung des
Kapitalismus an eine zentrale Stelle gerückt. Af-
fektive Arbeit wird als Bestandteil der immateri-
ellen Arbeit verortet. Immaterielle Arbeit bezeich-
net zunächst die Zunahme von Arbeiten, die mit
der Informatisierung der Produktion zusammen-
hängen. Das Bild dieser Dienstleistungen ist ge-
prägt vom Umgang mit dem Computer sowie von
Kommunikation, womit diese Fähigkeiten zu Pri-
märqualifikationen geworden sind. Der andere Teil
ist die affektive Arbeit. Sie wird beschrieben als
„Arbeit am körperlichen Wohlbefinden“ oder auch
„Frauenarbeit“. Auch hier findet sich eine Dichoto-
misierung von Tätigkeiten und Anforderungen, die
dem postulierten neuen Subjekt der Multitude
nicht gerecht wird. Umso wichtiger scheint es mir,
die durchaus verbreitete Anwendung des Begriffes
der affektiven Arbeit zu kritisieren. Dies geschieht
z.B. in der Lesart von Rosemary Hennesy, die dort
einen „Mehrwert“ verortet, der nicht vollständig
kapitalistisch angeeignet werden könne. Auch bei
Encarnacion Gutierrez Rodriguez findet sich eine
Verwendung dieses Begriffes als „affektiver Wert“
von migrantischer häuslicher Arbeit.'’ Nicht zufäl-
lig beziehen sich Negri/Hardt auch auf ökofeminis-
tische Positionen wie die von Vandana Shiva, die
von einer positiven Biopolitik von unten ausgeht.
Die Stärke von Empire scheint mir nach wie vor
darin zu liegen, einer neuen politischen Subjekti-
vität nachzuspüren, die von den Autoren als die
strukturell heterogene Multitude benannt wird.
PLÖTZLICH WIRD DIE SUBSISTENZ-
ARBEIT NICHT NUR INNERHALB,
SONDERN GLEICHZEITIG
TRANSHISTORISCH UND JENSEITS DES
KAPITALISTISCHEN PRODUKTIONS-
VERHÄLTNISSES VERORTET.
Beide vorgestellten Konzeptionen - die der Biele-
felderinnen und die von Hardt/Negri — stellen die
Heterogenität der Klassenverhältnisse in den Mit-
telpunkt ihrer Auseinandersetzung. Aus dieser Ab-
kehr von einem einheitlichen politischen Subjekt
erwächst jedoch die Notwendigkeit einer Synthesis
oder Verknüpfung der Vielfalt. Wenn in der
aktuellen Phase des Kapitalismus zunehmend alle
Menschen auf sehr unterschiedliche Weise diesem
Produktionsverhältnis subsumiert werden -
also als Multitude, Heterogenität oder Differenz —,
wie können die Menschen darin eigentlich
gemeinsame Interessen erkennen und gemein-
sam kämpfen?
Die schlechte Lösung dieser politischen Frage be-
steht in beiden Fäl-
len in einer sekun-
dären Homogen-
isierung des poli-
tischen Subjektes,
die auf den apoli-
tisch religiösen Be-
griff des Lebens
zurückgreift. Im
Namen des Lebens
ist es dann auch für marxistisch geschulte Feminis-
tinnen und Postoperaisten möglich, einem Vitalis-
mus zu frönen, der verkürzt als Produktivität des
Gebärens oder Produktivität des Lebens - so gese-
hen ein weisser Schimmel — bezeichnet werden
könnte. „Nur die Subsistenzproduzenten (Frauen,
Bauern) können nämlich Leben schaffen (Men-
schen, Nahrung, Glück). [...] Die Ware selbst ist tot
(Tauschwert), sie kann erst wieder durch Subsis-
tenzarbeit, Lebensarbeit, Hausfrauenarbeit (Liebe)
zum Leben (Gebrauchswert) erweckt werden.“
Die Produktivität des Gebärens erschafft ein
politisches Subjekt, das keine Feindschaft gegen-
über kapitalistischer Produktivität zusammenhält,
sondern der Wunsch, positiv an Dynamiken wie
Produktivität im Kapitalismus anknüpfen zu kön-
nen. Deshalb erscheint die meist auf Mangel ge-
gründete Subsistenzproduktion nicht als Teil des
Problems kapitalistischer Vergesellschaftung,
sondern als Teil der Lösung. Ärgerlicherweise
wird in dieser Perspektive auch die zuvor als
Unterwerfung kritisierte weibliche Hausfrauen-
arbeit wieder als Liebe gefeiert, und nicht als Zu-
mutung der „Arbeit als Liebe“ kritisiert. In
Empire ist die Antwort ganz ähnlich, etwas weniger
essentialistisch, dafür aber stärker von der herbei-
halluzinierten Wiederaneignung der Produktions-
mittel geprägt: „Affektive Arbeit produziert
soziale Netzwerke, Formen der Gemeinschaft-
lichkeit, der Biomacht.“'® Wie Susanne Schultz
treffend formulierte, wird damit zugleich eine
12 Negri, Antonio/Hardt, Michael:
Empire. Die neue Weltordnung.
Frankfurt a.M. 2002. S. 41l.
13 Hardt, Michael: Immaterielle
Produktion, Biomacht und
Potenziale der Befreiung. URL:
http://unirot.blogsport.de/images/
hardt_affektive_arbeit.pdf
14 In Empire wird das ehemalige
eindimensionale Subjekt der
männlich industriellen Arbeiter-
klasse durch ein neues, eher
philosophisch konzipiertes Sub-
jekt der Multitude ersetzt,
in dem verschiedenste Arbeits-
und Nichtarbeitsformen als glei-
chermaßen unter das Kapital-
verhältnis subsumiert thematisiert
werden.
15 Insbesondere in der englisch-
sprachigen Diskussion wurde
sogar zeitweise versucht, einen
affective turn in der Diskus-
sion um Dienstleistungsarbeit
herbeizureden, siehe: Ticineto
Clough, Patricia: The Affec-
tive Turn. Theorizing the Social
Durham 2007.
16 Mies 1983. S.117.
lässige hier absichtlich eine
Ich vernach-
Kritik an der bereits überholten
Position von Maria Mies
17 „Arbeit aus Liebe, Liebe als
Arbeit “*
genden feministischen Texte von
war einer der grundle-
Gisela Bock und Barbara Duden,
die die Entstehung der Frauenar-
beit im Kapitalismus, zu der
die Unsichtbarkeit von privater
unbezahlter Reproduktions-
arbeit gehört, beschreiben.
18 Negri/Hardt 2002. S. 304.
£ xog oy+ eprsıno
LS
NaUyES9
GEBÄREN
58
Outside the Box #3
19 Schultz, Susanne: Neue (af-
fektive) Arbeit, alte Dualismen.
Zur feministischen Kritik am
Begriff der „immateriellen Arbeit“.
URL: http://www.linksnet.de/de/
artikel/24257
20 Siehe dazu auch Kalender,
Ute: Das Verhältnis von Linken
und Queers zu Reproduktions-
technologien. In: Jungle World
Nr. 19/2011.
21 Firestone, Shulamith: Frauen-
befreiung und sexuelle Revo-
lution. Frankfurt a.M. 1975. 5.191.
22 Vgl. Hochschild, Arlie: Das
gekaufte Herz. Frankfurt a.M.
1983.
lange Tradition linker Idealisierung von Repro-
duktionsarbeit als Nicht-Entfremdung und Herr-
schaftsfreiheit fortgeführt.”
Reproduktionsmaschinen-
kommunismus
Gleichzeitig zur erfreulichen Wiederentdeckung
von Marx am Ende der Postmoderne und des
Endes des Endes der Geschichte finden sich zu-
nehmend auch wieder Auseinandersetzungen mit
Reproduktion. In diese Richtung argumentieren
unter anderem auch einige AkteurInnen, die sich
selbst als KommunistInnen und queer verorten.
In Auseinandersetzung mit queeren Texten wie
Beatriz Preciado oder Donna Haraway wird hier
versucht, Technik und Produktivkraftsteigerung
nicht nur für die Produktion, sondern auch für die
gesellschaftliche Reproduktion als emanzipatives
Potential zu untersuchen.”
So schlägt z.B. Johannes Paul Raether in seiner Per-
formance-Serie „Transformella“ vor, die Reproduk-
tion im Moment ihrer massenhaften indus-
triellen Anwendung durch eine globale
Reproduktionsmedizinindustrie darauf hin zu un-
tersuchen, welche Potentiale diese für eine neue
Avantgarde eröffnen könnte. Die Avantgarde kommt
von den Rändern der Gesellschaft, es sind die
Queer-People, deren Kritik der Heteronomativität
hier unmittelbar praktisch zu werden verspricht.
Meiner Ansicht nach handelt es sich jedoch um
die technologische Beantwortung einer sozialen
Frage, womit eine herrschaftskritische Auseinan-
dersetzung mit Gesellschaft umgangen wird. Als
emanzipatorisch wird gewürdigt, dass durch die An-
wendung von Reproduktionsmedizin eine nicht he-
teronormative Elternschaft und damit eine Dekons-
truktion der Zweigeschlechtlichkeit möglich werde.
Diese Idee kann sich durchaus auf eine feministi-
sche Traditionslinie berufen, die von Simone de Be-
auvoir über Shulamith Firestone bis zur bereits er-
wähnten Donna Haraway reicht.
Allerdings handelt es sich um eine Tendenz, die
der androzentrischen Vorstellung des autonomen
Subjektes verhaftet bleibt, selbst wenn, wie bei
Firestone, eine grundsätzliche Änderung der Ge-
sellschaft angestrebt, und nicht nur eine gleichbe-
rechtigte Teilhabe innerhalb des Bestehenden ge-
fordert wird. In dieser Vorstellung wird der Körper
der Frau — nicht aber der des Mannes - und die
damit einhergehende nicht freiwillig gewählte
Fruchtbarkeit nicht nur als eine Einschränkung
der sexuellen Praktiken, sondern grundsätzlich als
Problem thematisiert. Die Gebärfähigkeit der
Frau gilt darin als der entscheidende Punkt, wes-
Felicita Reuschling
halb Frauen nicht gleichberechtigt in die produk-
tive Arbeit einbezogen werden könnten.
Dieser Vorstellung ist entgegenzuhalten, dass
es dem Kommunismus doch hoffentlich um die
Entwicklung eines Naturverständnisses geht, das
mehr Subjektivitätsformen anerkennt als den ar-
beitsfähigen männlichen Körper. Sonst droht
diese Utopie - wie Raether durchaus selbst kriti-
siert - in eine eugenische Position umzukippen,
die die Natur von alten, jungen und anderen hilfs-
bedürftigen Körpern weiter an der Norm der
Funktionalität des Kapitalismus misst. Solche Posi-
tionen berufen sich meist auf Friedrich Engels‘
Schriften, die den gesellschaftlichen Status der
Frau aufihre Biologie zurückführen. Ganz analog
zu Raether formuliert Firestone ihre Vorstellun-
gen von Utopie: „Ich bin deshalb der Ansicht, dass
die erste Forderung an irgendein alternatives Sys-
tem lauten muss: 1. Die Befreiung der Frauen von
der Tyrannei der Fortpflanzung durch jedes nur
mögliche Mittel. Verlagerung der Kindererzie-
hung auf die gesamte Gesellschaft, auf Männer
sowohl wie Frauen. |...| Mit Kindertagesstätten
speist man die Frauen billig ab und erleichtert nur
die augenblickliche Last, ohne danach zu fragen,
weshalb diese Last den Frauen aufgebürdet wird.
Andererseits gibt es da die etwas ferner liegenden
Lösungen, die auf dem Potential moderner Emb-
ryologie aufbauen, d.h. also auf künstlicher
Fortpflanzung.“”' Solange aber die Repro-
duktionsmedizin weiter auf Menschen zur Pro-
duktion angewiesen ist, scheint mir hier eher eine
Delegation der Funktion des gebärfähigen Ge-
schlechtskörpers an Leihmütter stattzufinden.
Die Verschiebung der Reproduktion auf „dome-
stic workers“, Eispenderinnen und Leihmütter
hebt meiner Ansicht nach die bestehende gesell-
schaftliche Heteronormativität nicht auf, sondern
setzt die gesellschaftlich hergestellte Trennbarkeit
von sexuellen Praktiken und generativer Repro-
duktion qua Verhütungsmitteln unter kapitalisti-
schen Bedingungen weiter fort. Wer es sich leisten
kann, delegiert Haushaltsarbeit, heteronormative
Arbeitsteilung und Gebären wieder an Frauen,
die bekanntlich schon immer mit diesen Tätigkei-
ten in Verbindung gebracht wurden. „Weil Frauen
mit dem gesellschaftlichen Bild von Müttern in
Verbindung gebracht werden, bittet man sie insge-
samt eher als Männer darum, sich um psychische
Bedürfnisse zu kümmern. Die Welt erwartet von
den Frauen Mütterlichkeit, und dieser Sachver-
halt verbindet sich unter der Hand mit vielen
Arbeitsplatzbeschreibungen.“?? Diese Arbeiten
werden zum allergrößten Teil unter prekären und
schlecht bezahlten Bedingungen von Migrantin-
nen übernommen - es findet sich also eine neue
Felicita Reuschling
Arbeitsteilung zwischen privilegierten und weni-
ger privilegierten Frauen. Wie Melinda Cooper”
andeutet, arbeiten dieselben Frauen häufig gleich-
zeitig oder nacheinander als Eispenderin, „sex-
worker“, Leihmutter und als „domestic worker“,
ohne sich miteinander zu solidarisieren und poli-
tisch zu unterstützen, da die Identifikation mit
dem einen Job häufig über die Abgrenzung vom
anderen läuft. Am Horizont wird aber erklärter-
mabßen von Raether die ganz unkörperliche Zeu-
gung, Austragung und Geburt herbeigesehnt. Der
Mensch entspränge dann irgendwann tatsächlich
dem Kopfe, und nicht mehr dem Uterus.
Bis es mit der technischen Entwicklung soweit ist,
könnten gerade historisch materialistische Denker-
Innen die Zeit sinnvoll dafür nutzen, darüber
nachzudenken, warum sich der Kinderwunsch im
Kapitalismus immer auf das sogenannte „eigene“
Kind bezieht. Gibt es im globalisierten Kapitalis-
mus nicht bereits genügend Kinder, die Bedarf
nach fürsorglichen und verbindlichen sozialen El-
ternschaften hätten? Was bedeutet das für die
Utopie von gesellschaftlicher Reproduktion? Viel-
leicht gälte es für die Entwicklung einer anderen
Gesellschaft eher nach sozialen Beziehungsfor-
men und Verhältnissen zu forschen, die die kind-
liche Bedürftigkeit und Abhängigkeit aus der
strukturell gewaltförmigen Kleinfamilie herauslö-
sen könnten, anstatt im Kommunismus jedem In-
dividuum sein/ihr/unser Kind zu ermöglichen.
Unter anderem gälte es dabei die Selbstverständ-
lichkeit in Frage zu stellen, mit der der Kinder-
wunsch mit der romantischen Zweierbeziehung
verknüpft wird, auch wenn diese homosexuell sein
mag. Warum keine freundschaftliche Assoziation
mit Menschen, die sich weder durch biologische
Verwandtschaft noch durch Liebesbeziehung,
sondern durch ähnliche Vorstellungen in gemeinsa-
mer Kindererziehung zusammenfinden?
All diese Fragen sowie die sich vermutlich daran
anschließende Diskussion, wer welche Arbeiten
für das Kind übernimmt, wenn es denn einmal da
sein sollte, wird durch die Phantasie der techni-
schen Machbarkeit meiner Ansicht nach eher des-
artikuliert. Ich halte deshalb die Ausweitung der
kommunistischen Technikbegeisterung auf die
Reproduktion nicht für sinnvoll, auch wenn sie
nicht-heteronormative Lebensgemeinschaften ad-
ressiert und einschließt. Angesichts der zuneh-
menden Verbreitung einer global organisierten
Leihmutterschaftsindustrie, die Eispenderinnen
und/oder Samenspender mit „ethnischer Experti-
se“, Leihmütter aus Indien und internationale Re-
produktionsmedizin in Verbindung setzt, gälte es-
doch eher, die „Produktivität“ dieses Prozesses
immanent zu kritisieren.
Schluss/Aus/Ende/
Abschließend möchte ich die Frage in den Raum
stellen, welche anderen Möglichkeiten es geben
könnte, um eine Kritik der politischen Ökonomie
mit einem materialistischen Begriff sozialer und
generativer Reproduktion zu verknüpfen. Wie
dargestellt, waren die 1968er ff von einer langen
zähen Auseinandersetzung mit den theoretischen
Vorgaben des marxschen Arbeitsbegriffes und der
Produktivität geprägt, die letztlich eher naheleg-
ten, dass eine Einschreibung in die marxistische
Kritik an ihre Grenzen gekommen ist. Dennoch
eröffnet die Auseinandersetzung mit dem Diffe-
renzfeminismus einen Blick auf die Grenzen von
Marx, auf die seit seiner Wiederentdeckung in den
letzten Jahren bisher nur wenige überzeugende
Antworten formuliert wurden. Das liegt nicht zu-
letzt daran, dass es im Kapital von Marx eine Be-
geisterung für die Produktivkraftsteigerung als
Mittel gesellschaftlicher Befreiung gibt, die zu-
meist nicht kritisiert, sondern wie in Empire nur
transformiert wird. Ontologisierung ist darauf
keine wünschenswerte Antwort, sondern eine
Fortschreibung des Produktivismus, und führt
stattdessen zu einer zunehmenden Verdrängung
bzw. Verkehrung feministischer Erkenntnisse.
Das gilt sowohl für die Bielefelderinnen als auch
für Empire.
Queere KommunistInnen können sich zwar auf
eine feministische Traditionslinie von Technikbe-
geisterung — von de Beauvoir über Firestone bis
Haraway — stützen, die jedoch gesellschaftliche
Befreiung gefährlich nah an neoliberale Konsum-
strategien heranführt, und die zumeist auf das
Idealbild des autonomen Mannes und nicht auf
kreatürliche Bedingtheit oder Bedürftigkeit fo-
kussiert ist. Das im Marxismus dominante Bild
von der Maschine als utopisches Potential für ge-
sellschaftliche Emanzipation sollte deshalb end-
lich ruhen gelassen werden. Es müsste stattdessen
um einen Begriff von Heterogenität oder Diffe-
renz gesellschaftlicher Ausbeutungsstrategien und
Herrschaftsformen im Kapitalismus gehen, der
diese Erkenntnis nicht selbst wieder strategisch
ummünzt. Gerade im Zusammenhang mit der Re-
produktion einer Gesellschaft ginge es viel eher
um die Entwicklung menschlicher Kooperation, in
der die Einzelnen nicht als perfektible Masse ver-
standen/angesehen werden, sondern das Ganze als
Verhältnis von bedürftigen und verantwortlichen
Subjekten konzipiert wird.’
Eine Auseinandersetzung mit der historischen
Situiertheit des Differenzfeminismus scheint mir
vielversprechend, weil der Ausgangspunkt der
Postmoderne ein ähnlicher war, wenn auch ganz
23 Vgl. Cooper, Melinda: Life au
Surplus: Biotechnology and
Capitalism in a Neoliberal Era,
Washington 2010.
24 Siehe dazu Federici,
Silvia;
Anmerkungen über Altenpflege-
arbeit und die Grenzen des Marxi#
mus. In: Linden, Marcel van
der/Roth, Karl Heinz/Henninger
Max:
Über Marx hinaus. Arbeits-
geschichte und Arbeitsbegriff in
der Konfrontation mit den glo-
balen Arbeitsverhältnissen des 2],
Jahrhunderts.
Berlin 2009.
GEBÄREN
60
Outside the Box #f3
25 Ich interpretiere hier Sigmund
Freuds Thesen seines Textes zu
Melancholie und Trauer, in dem es
darum geht zu verstehen, warum
ehemalige Liebesobjekte nicht
fallengelassen werden können. Als
Gegenstrategie wird in der
Analyse Erinnern und Durcharbei-
ten empfohlen.
anders. Auch damals ging es darum, Dichotomi-
sierung und Linearität in Frage zu stellen, und die
Trennung von Ökonomie und Kultur aufzubre-
chen. Allerdings war die Postmoderne auch ein
langer Prozess der Melancholie, in dem bekannt-
lich nicht nur Begriffe wie Fortschritt, Meta-Erzäh-
lung und das politische Subjekt zu Grabe getragen
wurden, sondern gleichzeitig auch die Erinnerung
daran, was damit verloren ging. Auch wenn der
Untergang des Realsozialismus zurecht begrüßt
wurde, ist damit zugleich auch die Vorstellung ab-
gewehrt worden, dass es denn etwas besseres als
den Kapitalismus geben könnte. Damit wurden
die bereits in den 1980er Jahren entwickelten The-
sen vom Ende der Geschichte und der großen Er-
zählungen historisch als Antikommunismus deter-
miniert. Die Melancholikerin kann sich bekanntlich
nicht auf das verloren gegangene Objekt der Be-
gierde besinnen, weil sie im Prozess der Abwen-
dung von dem verlorenen Liebesobjekt all seine
Macht leugnen musste.”® Zum Glück gibt es seit ei-
niger Zeit Anzeichen dafür, dass die Melancholie
nach 20 Jahren auch in einen aktiven Trauerprozess
umgewandelt werden kann, in dem es um die
Durcharbeitung der verdrängten Vergangenheit
geht. Nicht um diese zu rehabilitieren oder zu ro-
mantisieren, sondern damit sich die blöden Ant-
worten auf gute Fragen nicht endlos wiederholen.
Ob die Epoche, in der Zukunft gestern war, an ein
Ende kommt, hängt deshalb auch davon ab, wie fe-
ministische Gesellschaftskritik weiterentwickelt
werden kann, ohne die Fehler der vorangegangen
Generationen zu wiederholen, oder zu behaupten,
sie überspringen zu können.
Felicita Reuschling
FELICITA REUSCHLING |
lebt und arbeitet in Berlin als Kuratorin und Auto-
rin. Sie arbeitet zu feministischer Ökonomiekritik,
insbesondere care work, reproduktiver Arbeit,
Geschichte der feministischen Theorie und den
Verbindungslinien von materialistischer Gesell-
schaftskritik und Geschlechterverhältnis.
Karolin Reinhold
„To put it in most base terms: Malintzin, also
called Malinche, fucked the white men who con-
quered the Indian peoples of Mexico and destroy-
ed their culture“(Moraga 1983:90).
Was die Feministin Cherrie Moraga hier so
schön pointiert formulierte, bezeichnet tatsäch-
lich die lange vorherrschen-
oder Dona Marina genannte
(ihre indigenen Namen lauten Malinalli-Tenepal
oder Malintzin) ist in dem Zusammenspiel ihrer
Rollen als indigena!, Sklavin, Übersetzerin, Verrä-
terin, Mutter, Hure allen Mexikaner_innen ein Be-
griff. Von der historischen Person ist wenig bekannt,
doch ist sie wiederholt Thema zahlreicher Bearbei-
tungen in Geschichtsschreibung und Literatur.
Als gesichert gilt, dass sie als Teil einer Gruppe
Frauen oder Mädchen im April 1519 in Tabasco
Hernän Cortes, einem spanischen Konquistador,
der 1521 das Aztekenreich eroberte, und seinen
Soldaten übergeben wurde und von einem spani-
schen Priester auf den Namen Marina getauft wur-
de. Cortes und Malinche hatten eine sexuelle Bezie-
hung aus welcher Martin Cortes hervorging, später
wurde sie mit dem Konquistador Juan Xaramillo
verheiratet und hatte auch mit diesem ein Kind,
eine Tochter. Nach 1526 verliert sich ihre Spur.?
La lengua - die Stimme
La Malinches Wirken als Übersetzerin für die Er-
oberer ist die „Schlüsselfunktion“ ihrer Person
und bedingt die daraus folgenden Diskurse. Ihre
Kenntnis der Maya- und Nahuatl-Sprache, und der
Umstand, dass sie das Kastilische rasch erlernte,
machte sie zur lengua - zur Zunge, zur Sprache. So
trat La Malinche aus der Masse der Sklav_innen
heraus. Ihre über die bloße Übersetzertätigkeit
La Malinche
— Hurenmutter der Nation
hinausgehende Bedeutung als faraute (vom fran-
zösischen herault) - Kundschafterin, Interpretin,
die Fähigkeit, die Verbindung zwischen zwei Kul-
turen herstellen zu können - ist einzigartig in der
Geschichte der Eroberung Amerikas, in welcher
Frauen als Teil der Kriegsbeute lediglich Versor-
gerinnenfunktionen inne-
de Meinung zu einer der be- IHR KÖRPER WIRD hatten, welche die Bedürf-
kanntesten Frauenfiguren ALS GEFÄSS, ALS nisse der Soldaten bedien-
der mexikanischen Ge- KOMMUNIKATIONSMITTEL ten: Essen und Sex. Frauen
schichte. Die von den Spa- standen generell den jewei-
nier_innen u.a. La Malinche BENUTZT. ligen Siegern der Konflikte
einfach zur Verfügung und
so wurden die Indigenas als Teil der Kriegsbeute
von den Spaniern bis 1532 gemäß ihres reinen Ob-
jektstatus als piezas, Stücke, im reinsten Wortsin-
ne gebrandmarkt. La Malinche hingegen wird auf
Kodizes, Bilderhandschriften wie dem Lienzo de
Tlaxalca, zentral gezeigt und in den spanischen
Berichten als ehrbare Dame — Donia — oder Seniora
Marina bezeichnet und der Name auf Cort6s über-
tragen, der Capitän Malinche genannt wurde (vgl.
Diaz del Castillo: 193f). Es scheint, als habe die
Sklavin durch ihre Lengua Subjektstatus erhalten,
wobei nicht vergessen werden darf, dass sie schon
vor ihrer „Übereignung“ an die Spanier unfrei war
und sozusagen weiter verschenkt wurde.? Doch ihre
Stimme ist nicht unabhängig, ihr Körper nicht
selbstbestimmt, denn Cortes äußert sich durch sie
hindurch. Die Lengua, ihre Zunge, ist entäußert
und steht als pars pro toto - ihr Körper wird so als
Gefäß, als Kommunikationsmittel benutzt. Dies un-
terstreicht auch ihre Wiedergabe in der indirekten
Rede in der Chronik Bernal Diaz del Castillos.
La madre chingada -
Die mexikanische Eva
Ihre Rolle als Traductora wandelt sich in eine Tra-
ditora - von der Übersetzerin zur Verräterin - in
den Diskursen um die Unabhängigkeit Mexikos.
Ein historischer Ausgangspunkt ist die von den
1 Da der Begriff India/o pejorativ
konnotiert ist, wird in diesem
Artikel das wertneutralere indf-
genas verwendet, welches keine
adäquate Übersetzung im Deutschen
besitzt.
2 Barbara Dröscher stellt das
Befremdliche daran heraus, denn
„[wlährend der Mangel an Daten
über ihre Vorgeschichte noch aus
der Indifferenz gegenüber einer
zunächst ja nicht aus ihrem Umfeld
hervorgetretenen Frau zu erklären
ist, erweckt der Mangel an Daten
über den Fortgang ihrer Lebensge-
schichte doch Erstaunen, insbe-
sondere angesichts der Tatsache,
daß über Marinas Ehemann, Juan
Xaramillo, diverse Quellen vorhan-
den sind. Malinches Spur dagegen
verliert sich in Erbstreitigkei-
ten. Kein Dokument, kein Grabstein,
keine Notiz kündet von ihrem Tod.
Sie verschwindet spurlos aus
der Geschichte“ (Dröscher/Rincön
2001: 23).
3 Die nicht gesicherte Überlie-
ferung ihrer Herkunft lässt viel
Platz für Legendenbildung, dich-
terische Phantasien und Praktiken
im Sinne des Selbstverständnis-
ses der Chronisten. Bernal Diaz
del Castillo inszeniert sie
als schöne, eloquente und kluge
Aztekin vornehmer Abstammung
die verkauft wurde, um die Erban-
sprüche ihres jüngeren Bruders
nicht zu gefährden. Sonia Rose-
Fuggle (1991) begreift La Malin-
che in Diaz del Castillos Bericht
sogar als narrativisches Element
im Kontext eines nach Art des
Ritterromans entworfenen Texts.
Ef xog ey4 eprsıno
19
NFUYaa9
GEBÄREN
62
Outside the Box #3
4 Bezeichnend in dieser Episode
in der Darstellung der spanischen
Chronisten ist die Wiedergabe
Malinches in direkter Rede. Sie
wird so als Subjekt der Loyalität
gegenüber den Konquistadoren
inszeniert.
5 Bereits 1942 veröffentlichte
Rub&n Salazar Mallen einen Arti-
kel zu dem Malinche-Komplex,
welcher allen Mexikaner_innen
innewohne und bedeute, dass eine
vom Unterbewusstsein gesteuerte
Bereitschaft existiere, welche
dazu führe, dem „Fremden“ Tribut
zu zollen und das „Eigene“ zu
verachten. Diese Unterwürfigkeit
werde durch Malinche symboli-
siert und ist bei Salazar Mallen
zudem generell eine Eigenschaft
indigener Kulturen (vgl. Leitner
2009:180ff).
6 Nach Octavio Paz bezeichnet
das Wort chingar, dass über etwas
oder jemanden Gewalt ausgeübt
wird. Es sei ein maskulines, ak-
tives Verb, wohingegen das femi-
nine Substantiv la chingada als
Passivität in Reinform verstan-
den wird. Malinche repräsentiere
die „wehrlose* Chingada. Im Ge-
gensatz dazu sei der Macho die
Verkörperung des chingön, beispiel-
haft nennt Paz die spanischen
Eroberer.
7 Das Chicano-Movement formierte
sich parallel zu den politischen
Bewegungen der 1960er Jahre in den
USA und protestierte u.a. gegen
Rassendiskriminierung, den Viet-
namkrieg, die Lebensbedingungen
der Landarbeiter_innen. Im na-
tionalen Diskurs der Chicanas/os
wurde das mythische Homeland der
Azteken Atzlän zum Symbol, wel-
ches auf den gemeinsamen (sowohl
kulturellen wie auch geographi-
schen) Ursprung verweist und das
Konzept der Mestizaje mit politi-
schen und kulturellen Forderun-
gen vermengt. Diese homogeni-
sierte kollektive Identität, die
auf binären Identitätskonstruk-
tionen fußte, wurde erst durch das
Chicana-Movement in Frage gestellt.
8 Als prominentes Beispiel kann
hier Armando Rendöns Chicano
Manifesto von 1971 zitiert wer-
den: „We Chicanos have our share
of malinches, which is what we
call traitors to la raza who are
of la raza, after the example
of an Aztec woman of that name
who became Cort&äs’ concubine un-
der the name of Dofia Marina,
and served him also as an inter-
preter and informer against
her own people. The malinches are
worst characters and more dange-
rous than the Tio Tacos, the
Chicanismo euphemism for an unc-
16 Tan. Bo.
gringo, malinches attack
In services of the
their
own brothers, betray our dignity
and manhood, cause jealousies
and misunderstandings among us,
and actually seek to retard the
advance of the Chicanos, if it
benefits them - while the gringo
watches“(Rendön 1971: 96£).
Chronisten beschriebene Denunziation der Ver-
schwörung von Cholula 1519 durch Malinche, die
mit einem Massaker an den Einwohner_innen en-
dete*. Von Moctezuma initiiert sollte diese zum
Ziel haben, die Eroberer des Nachts in Cholula,
dem zentralen Heiligtum des Gottes Quetzalcoatl,
zu überfallen. Malinche soll durch eine alte Frau
von dem Plan erfahren haben und denunzierte
das Vorhaben. Mit dem Gebären ihres Sohnes, des
symbolisch ersten „Mestizen“, beginnt der „mexi-
kanische Ödipuskomplex“.
Der Begriff “Mestize/Mestizin“ ist rassischen Ur-
sprungs und bezeichnet Menschen, bei denen ein
Elternteil „europäischer“ und der andere „india-
nischer“ Herkunft war. Die so genannten „Mesti-
zen“ stellen in den meisten süd- und mittelameri-
kanischen Ländern die Bevölkerungsmehrheit
oder einen großen Bevölkerungsanteil. Dennoch
war ihnen politische Einflussnahme lange verwei-
gert. Das von dem spanischen auf den amerikani-
schen Raum übertragene „Statut zur Blutreinheit“
(Estatuto de limpieza de sangre) verhinderte, dass
die indigene und mestizische Bevölkerung öffent-
liche, politische Positionen einnehmen konnte. So
gab es ein sehr ausdifferenziertes Kastensystem,
orientiert an rassischen Kategorien. In Anlehnung
an die europäische Definition der Nation als eine
Art „Volksgemeinschaft“, die aufgrund von ethni-
schen Kriterien bestimmt wird, wurde im Rahmen
der Nationenbildung in Lateinamerika versucht,
das Modell einer „gemischten“ Nation, repräsen-
tiert durch die „MestizInnen‘“, zu etablieren. So
sprach der mexikanische Intellektuelle und
Bildungsminister Jos& Vasconcelos 1925 von „La
raza cösmica“ und sah diese als Grundlage einer
neuen von Lateinamerika ausgehenden allumfas-
senden Kultur an.
In diesem Sinne
wird das Konzept
der Mestizaje im
Nationenbildungs-
prozess Mexikos
das wichtigstes Ele-
ment, da es als
Grundlage des Mo-
dells der Mexicani-
dad das Nebenein-
ander von Mythen,
Erzählungen und
Anekdoten bündeln
sollte, um eine kollektive Geschichte zu schaffen,
die die nationalstaatliche Autorität wiederherstel-
len sollte. Die mexikanische Revolution markiert
den Beginn einer umfassenden kulturellen Insze-
nierung eines nationalen Sozialpakts, einer „nati-
onalen Familie“, die eine homogene Verbindung
DURCH DEN „SÜNDENFALL“ DER
MUTTER MALINCHE WERDE DIESE ZUR
VERRÄTERIN UND
VERANTWORTLICHEN FÜR DAS NICHT
VERARBEITETE TRAUMA DER „SÖHNE“,
DER ILLEGITIMEN ZEUGUNG UND
GEBURT. DIES FÜHRE ZUR MASSIVEN
MISSACHTUNG DER MUTTER UND
ÜBERHÖHUNG DES VATERS.
Karolin Reinhold
des europäisch-spanischen mit dem india-
nisch-prä-kolumbianischen Erbe anstrebte (vgl.
Baxmann 2007:13f).
Neben diesem Entwurf eines kulturellen „Vermi-
schungsprozesses“, als dessen Initiatorin Ma-
linche verstanden wird, gilt sie andererseits in der
Abwendung von ihren indigenen Wurzeln als Ver-
räterin der Nation — als Hurenmutter, die ihren
Eigennutz über das Wohl ihres Volkes stellte.
Octavio Paz’ 1950 veröffentlichte Essaysammlung
El laberinto de la soledad (Das Labyrinth der
Einsamkeit) wurde zum Referenzpunkt in der
postrevolutionären Auseinandersetzung Mexikos
um kulturelle Identitätsdiskurse.° Die Eroberung
Mexikos versteht Paz als gewaltsamen Akt, als
symbolische Vergewaltigung der aztekischen Kul-
tur (neben den unzähligen reellen Vergewaltigun-
gen): „Dona Marina ist zu einer Gestalt geworden,
die für alle jene Indiofrauen steht, die von Spani-
ern verzaubert, verführt, vergewaltigt worden sind“
(Paz 1950/1998:89). Durch den „Sündenfall“
der Mutter Malinche, da sie sich Cortes „freiwillig“
bzw. „passiv“ hingegeben habe, werde diese zur
Verräterin und Verantwortlichen für das nicht
verarbeitete Trauma der „Söhne“, der illegitimen
Zeugung und Geburt. Dies führe zur massiven
Missachtung der Mutter und Überhöhung des
Vaters. Malinches Verhalten stehe als Paradigma
für weiblichen Verrat und die Identitäts-
problematik der Mexikaner_innen. Sie repräsen-
tiere die geschändete Urmutter im Kontrast zur
„intakten“ Jungfrau.
Die Diskurse um den Begriff Mestizaje geraten
mit dem Chicano-Movement” ab den 1960er Jah-
ren in den USA in Bewegung. Die mexikanisch-
amerikanische Bevölkerung konstruierte sich
als „imaginierte na-
tionale Gemein-
schaft - La Raza -,
deren Basis über
die gemeinsamen
kulturellen und his-
torischen Wurzeln,
über die Vision ei-
ner »bronze people
with a bronze cul-
ture< und über die
Abgrenzung von
»Anglo-Amerika«
definiert wurde“
(Pisarz-Ramirez 2005: 209). Die zunächst auf mas-
kuline Privilegien ausgerichtete misogyne Chicano-
Kultur mit der weiteren sexualisierten Zuschrei-
bung Malinches als Traductora/Traditora® wird
nach und nach durch das Chicana-Movement
durchbrochen. Die Protagonist_innen bieten
Karolin Reinhold
neue Interpretationen und feministische Um-
wertungen der Figur Malinche und des Begriffs
der Mestizaje:
What I want is an accounting with all three cultures
— white, Mexican, Indian. And if going home is denied
me then I will have to stand and claim my space, ma-
king a new culture - una cultura mestiza — with my own
lumber, my own bricks and mortar and my own femi-
nist architecture (Anzaldüa 1987/2007:22).
Die doppelte Marginalisierung der Chicanas
durch den „als racially different ausgegrenzte[n]
mestizische[n] Körper“ (Pisarz-Ramirez 2005: 6)
und ihrem Geschlecht, führt zu einer Kombinati-
on der Fragen nach racial und gender equality
und weist dem Körper einen besonderen Stellen-
ert als Ort des Widerstandes zugeschriebener
Identitäten zu. Er wird als hybrides Produkt ver-
‘standen, als Grenzraum, in welchem Differenzen
verhandelt werden können:
[T]he human body, our body, [...] is our true site for
creation and materia prima. It's our empty canvas,
musical instrument, and open book; our navigation
chart and biographical map; the vessel for our ever-
changing identities; the centerpiece of the altar [...]
our body remains the matrix of the piece. Our body is
also the very center of our symbolic universe [...] and at
the same time, a metaphor for the larger sociopolitical
body. Our bodies are also oceupied territories. Perhaps
the ultimate goal of performance, especially if you are a
woman, gay, or a person »of color: is to decolonize our
bodies and make these decolonizing mechanisms
apparent. (Gömez-Penia 2005: 23f.).
Malinche wird zu einem Ort dieser Verhandlun-
nbetween
Die Opfer- bzw. Verräterinnenrolle La Malinches
tt für Tzvetan Todorov und Stephen Greenblatt
in Anbetracht ihrer Rolle als Vermittlerin, „als
‚das erste Beispiel und damit auch das Symbol für
lie Vermischung der Kulturen“ (Todorov 1985:
124), in den Hintergrund:
Doüa Marina is at once a figure on the margins and at
the center, both an outcast and a great lady ... Object
of exchange, agent of communication, model of conver-
sion, the only figure who appears to understand the two
eultures, the only person in whom they meet - Dona
Marina is a crucial figure in The Conquest of New
Spain. (Greenblatt 1991:142f).?
In den Diskursen der Chicanakultur wird Malin-
che ebenfalls zur Grenzgängerin, zur „Metapher
ihrer eigenen Situation“ (Dröscher 2001:33) als
Borderidentity. Gleich den Chicanas spricht auch
‘sie mit Maya, Nahuatl und Castillano, „a language
creation, a language suspended (yes) between
English and Spanish“(Perez-Torres 1998:173).
Der Zwischenraum, die Borderlands, in welchen
die Chicanas/os verortet sind, wird nicht nur im
Hinblick auf geographische Konzepte verstanden,
sondern ist u.a. von Gloria Anzaldüa als Ort ver-
handelbarer, nomadischer Identitäten entworfen
worden. Sie stellte somit die auf bipolare Gegen-
sätzlichkeit basierte essentialistische Identitäts-
konzeption des Chicano-Movement in Frage und
etablierte die Kategorie Chicana/o als performa-
tives Konzept. Im Kontext dieser Entwicklungen
wird Malinche zu einer Symbolfigur fragmentier-
ter und transkultureller Identität umgewandelt,
die die Metanarrativiken der Nationen in Frage
stellt und diese dekonstruiert. Sie dient als
conceptual spring board from which the Chicanas
address and/or work-out, on the one hand, the inner
tensions and contradictions present in their own natio-
nal and cultural identity, in their role of bridge between
two cultures and hyphenated peoples — Mexican and
American -, and on the other hand, re-elaborate an
image ofthemselves that challenges, undermines,
subverts the masculinist construe or definition ofthe
female image, identity, and sexuality (Birmingham-
Pokorny 1996:122).
In diesem komplexen Spiel von Identität und
Differenz, der Revision der Paradigmen um das
Eigene und das Fremde, vollzieht Malinche stete
Schwellentransformationen und wird so zu einer
„Tanzfigur der Uneindeutigkeit“ (Leitner 2009:
304).
KAROLIN REINHOLD
lebt in Leipzig und promoviert über irgendwas mit
Comics, Hybridität und den Amerikas.
9 Jean Franco kritisiert an den
Überlegungen, dass Greenblatt
und Todorov den diesem Verhältnis
zugrunde liegenden Gewaltakt der
Vergewaltigung verschleiern (vgl.
Franco 1996/2001:43).
€} zog ey4 oprsıno
£9
NaUyES9
GEBÄREN
64
Outside the Box #f3
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.
278
. 7
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Karolin Reinhold
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Patrick Dratzmith
Die Deutschen bekommen nicht genug. Anstatt
ch zu freuen, so glimpflich mit der Vernichtung
der europäischen Jüdinnen und Juden davonge-
mmen zu sein, versuchen ihre mutigen Reprä-
$entantinnen und Repräsen-
gung wie des Dankes der
‚schweigenden Mehrheit sicher sein konnte. Weit
nteressanter als Hermans Äußerungen waren die
Reaktionen dieser überaus mitteilungsbedürfti-
sen Mehrheit: tausende Blog- und Forenbeiträge
ind Zuschriften an Redaktionen, Fernsehsender
ind die an der öffentlichen Diskussion Beteilig-
ten. Zu letzteren gehörte etwa Wolfgang Wipper-
nann, der in seinem Buch Autobahn zum Mutter-
kreuz zu dem Schluss kommt, dass die Deutschen
ich nicht nur die Dankbarkeit für das „größte
Denkmal, das an Hitler erinnert“', die Autobahn,
nicht verbieten lassen wollen. Nein, sie klammern
‚sich auch hartnäckig an den Rockzipfel der Nazi-
Mutter.” Diese ist zwar nicht aus Beton, aber viel-
feicht ist sie gerade deshalb für die Ewigkeit ge-
nacht. Denn sie ist nicht kalt und hart wie die
utobahn, sondern warm und weich und spendet
das Leben. Wer also für die Mutter so viel Gutes
etan hat wie der Hitler, kann ja gar kein so
schlechter Mensch gewesen sein.
Diejenigen, die zu diesem Schluss kommen und
für sich im postnazistischen Deutschland die Sor-
te um das Wohl der Familie reklamieren, haben das
Bedürfnis, Nazi-Deutschland um jeden Preis zu
Haken des
Mutterkreuzes
| NS-Geburtenpolitik als Gegenstand der
postnazistischen Geschichtsklitterung
rehabilitieren. Sie verraten sich dadurch, dass sie
sich überhaupt nicht um die Realität der NS-
Familienpolitik scheren. Dieses zwanghafte Bemü-
hen, auch mal die guten Seiten eines totalitären Sys-
tems aufzuzeigen, das durch
lanten alle Jahre wieder, das DENN DER NS BEFAND die volksgemeinschaftliche
!inzufordern, was sich so viele SICH IN DEM BEREITS Ermordung der Jüdinnen
still wünschen: auch einmal UMRISSENEN DILEMMA, und Juden zusammen gehal-
lie guten Seiten des National- ten wurde und es von daher
ozialismus würdigen zu dür- DIE FAMILIE MITTELFRISTIG unmöglich ist, nur einen
fen. Die letzte Meinungsmär- ZERSTÖREN ZU WOLLEN, winzigen, noch so entlege-
rerin war Bei eg die KURZFRISTIG ABER AUF SIE nen Teil aus diesem Ganzen
ch der Empörung der öffent- herauszutrennen, der nicht
lichen Vergangenheitsbewälti- ANGEWIESEN ZU SEIN. das Zeichen der Vernichtung
trägt, zielt immer auf die Re-
lativierung der Shoah ab. Es ist deshalb so offen-
sichtlich zwanghaft, da diese Bemühten geflissent-
lich ignorieren, dass der NS beileibe kein
Schutzpatron der Familie gewesen ist, wie es
Claudia Koonz in Mütter im Vaterland deutlich
macht: „Während die Propaganda die Familie |...]
pries, trieben die Forderungen des neuen Staates
faktisch ihre Auflösung voran.“” Darum führt auch
die Bezeichnung des Nationalsozialismus als „kon-
servative Revolution“ in die Irre, hatte er es doch
nicht zuletzt auf die konservativen Heiligtümer
Staat, Kirche und Familie abgesehen. Seine
Feindseligkeit diesen drei Institutionen gegenüber
konnte der NS hingegen gut kaschieren, da in Be-
zug auf alle drei eine Diskrepanz zwischen öffent-
lichen Absichtserklärungen und politischem Han-
deln existierte. Was den Staat anbelangt, lässt sich
der Erfolg der national-sozialistischen Selbstdar-
stellung daran erkennen, dass die Auffassung, der
NS sei ein monolithischer Staat gewesen, immer
noch sehr weit verbreitet ist. Tatsächlich verhält es
sich jedoch so, dass, wie Franz Neumann schon
früh erkannte, nach der anfänglichen Verfolgung
der Totalitätsdoktrin der Staat sich zusehends in
1 Aus einem LeserInnenbrief an
die Bild-Redaktion. Dokumentiert
in: Wippermann, Wolfgang: Autobahn
zum Mutterkreuz. Historikerstreit
der schweigenden Mehrheit: Berlin
2008. S. 113. In dem Buch wird ein
guter Überblick über die gesamte
Herman-Kontroverse gegeben und
auch die Zustimmung der schwei-
genden Mehrheit zu Hermans Posi-
tionen eingehender untersucht.
2 Vgl. ebd. S. 80.
3 Koonz, Claudia: Mütter im Va-
terland. Frauen im Dritten Reich.
Freiburg (1986) 1991. S. 211.
4 Vgl. Stephenson, Jill: Women
in Nazi Society. London 1975. S.
66-70. Die lesenswerte Studie
Stephensons ist eine der ersten
umfassenden zur Situation und
Rolle der Frau im Nationalsozia-
lismus und steht nicht im Bann
der „Deutsche Frauen waren auch
Opfer“-Erzählung, die zu der Zeit
noch in der bundesrepublikani-
schen Frauenforschung die vor-
herrschende gewesen sein soll;
wenn auch eine Bemerkung zum
Scheitern der „4 Kinder plus“-Po-
litik im Sinne eines heimlichen
Gebärstreiks verstanden werden
kann (Vgl. ebd. S. 70).
£/ xog ©y4 oprsıno
9
nauyas9
GEBÄREN
66
Outside the Box #3
5 Zur Abkehr von der Totalitäts-
doktrin s. Behe-
moth. Struktur und Praxis des
Nationalsozialismus 1933-1944.
Frankfurt am Main (1944) 1984.
S. 75-79.; Zur Bestimmung des NS
BbU..:SK) I6cdß.
„Banden“ meint hier mit
Neumann, Franz:
als „Unstaat“:
5Aalff.;
Neumann in Bezug auf den NS auto-
nome Interessengruppen, bspw.
die NSDAP, die „ihre eigene legis-
lative, administrative und judi-
kative Gewalt“(Ebd.. S. 542)
besitzen, zwischen denen Kon-
flikte informell, jenseits einer
allgemein verbindlichen Rechts-
grundlage ausgetragen werden,
über denen also kein Staat als
vermittelnde Instanz waltet.
6 Vgl. Stephenson, J.: Women in
Nazi Society. a.a.O. S. 196.
7 So schwebte manchen NS-Visio-
nären die Bigamie als Alternative
vor. Vgl. ebd. S. 70.
8 Vgl. Bleuel, Hans Peter: Das
saubere Reich. Die verheimlichte
Wahrheit. Eros und Sexualität
im Dritten Reich. Bergisch Glad-
bach (1972) 1979. S. 204£.
9 Pohrt, Wolfgang: Die schwei-
gende Mehrheit vor der Verwirkli-
chung ihrer geheimen Wünsche
durch ihre Opfer bewahren. In: Ge-
walt und Politik. Ausgewählte
Reden und Schriften. Berlin (1981)
201048.85-90u 84489
7: Po ESF Tr, RE ET ER, ST
einen Unstaat verwandelte, in dem die verschie-
denen Banden um Herrschaft rangen.? Nun ist
Bande nicht gleich Bande und obwohl sie alle we-
nigstens der Antisemitismus einte, gab es selbst
bei der Frage, wie die in ihm angelegte Vernich-
tungspolitik aussehen soll, Differenzen. Die be-
sagte Diskrepanz und die Widersprüche inner-
halb der nationalsozialistischen Bewegung sind
also nicht nur einer Verschleierung der antikon-
servativen Stoßrichtung des NS geschuldet, son-
dern auch Ergebnis des instabilen Kräfteverhält-
nisses zwischen den Banden. Es gab durchaus im
klassischen Sinne rechtskonservative Kräfte im
NS, deren Herz an den genannten konservativen
Heiligtümern und der deutschen Nation hing.
Diesen musste man eine Zeit lang Zugeständnisse
machen, doch die Visionäre des tausendjährigen
Reiches, wie zum Beispiel Heinrich Himmler,
wollten sich so schnell wie möglich von den Fes-
seln des Althergebrachten lösen. In der Phase, in
der die Konservativen noch mit Konzessionen be-
friedigt werden sollten, konnten sich christliche
Nazis in dem Glauben wiegen, ihr Glaube sei der
des Nationalsozialismus. Diesem war jedoch kon-
sequenterweise nicht nur jeder „Judengott“ zuwi-
der, er gewährte
auch dem Chris-
tentum nur eine
Schonzeit, um es
letztendlich mit
Thors Hammer zu
zerschmettern. Für
die Familie gab es
in der Vision des
tausendjährigen
Reiches genauso
wenig Platz, da sie
allein wegen der bescheidenen Rückzugsmöglich-
keit, die sie trotz allem bot, dem NS ein Dorn im
Auge sein musste.° Dieser sollte entfernt werden,
um kühnen Blickes die mit den modernsten medi-
zinischen Techniken kontrollierte archaische Sippe
zu verwirklichen.” In der Übergangszeit allerdings
war der Nationalsozialismus für die Verwirkli-
chung des Vernichtungskriegs und im Gehorsam
gegenüber seinem Wahn vom Überlebenskampf
der arischen Rasse auf die Familie angewiesen: die
vorläufig zuverlässigste Quelle des so dringend be-
nötigten Menschenmaterials. Wenn sich aber ein-
mal einer, wie z.B. Rudolf Hess, doch nicht zurück-
halten konnte und, wie es sich für einen
antibürgerlichen Revolutionär geziemt, Vorstöße
zur Auflösung der Familie unternahm, wurde Em-
pörung laut und andere Ideologen beeilten sich,
diese Kühnheit zu relativieren, um die Ruhe zu
wahren. Nur wäre es falsch, vor dem Hintergrund
ar N ._ı\ı..
We
DER APPELL AN DIE DEUTSCHE FRAU,
IHREN KÖRPER FÜR DEN DIENST AM
VOLK NOCH FRUCHTBARER ZU
MACHEN, IST VOM GEIST DER
MILITARISIERUNG DER MUTTERSCHAFT
ERFÜLLT, IN DESSEN SINN AUCH DAS
MUTTERKREUZ VERLIEHEN WURDE.
Be DA ee ne A Dr =
Patrick Dratzmith
dieser oder vergleichbarer Begebenheiten mit
Hans Peter Bleuel zu dem Schluss zu kommen,
dass die Volksgemeinschaft für derartige radikale
Schritte noch nicht bereit gewesen sei.° Denn dies
behauptet eine Trennung zwischen eben dieser
Nazigemeinschaft und der führenden Clique, die
es so nicht gegeben hat. Auch wenn die Idee der
Abschaffung der Familie zuerst eine Kopfgeburt
jener Visionäre war, mussten sie diese nicht gegen
den Willen der Masse durchsetzen. Sie fanden ge-
rade dort, insbesondere unter den fanatisierten
Jüngeren, willige Anhängerinnen und Anhänger,
die die totale Umwälzung des Bestehenden voran-
trieben, was die Grundlage des Generationenkon-
flikts nationalsozialistischer Prägung bildete.
Wolfgang Pohrt verweist auf diesen Konflikt,
wenn er das Verhältnis zwischen Volksgemein-
schaft und Familie, welches er auch im postnazis-
tischen Deutschland fortbestehen sah, mit den
folgenden Worten auf den Punkt bringt: „diese
Volksgemeinschaft kennt zwar Muttertage und
Mutterkreuze, Müttergenesungswerke und Kin-
dergeld [...]; in Wahrheit aber kennt sie wie der
Hitlerjunge, der seine Eltern bei der Partei ver-
pfiff, weder Brüder noch Schwestern, weder El-
tern noch Kinder, son-
dern sie unterscheidet
nur zwischen sich selbst
als dem verstaatlichten
Zwangskollektiv, der
Verfolgergemeinschaft,
und ihren auszumer-
zenden Feinden.“® Der
Nationalsozialismus
trieb die Atomisierung
der Gesellschaft voran,
löste die Einzelnen aus
dem traditionellen repressiven Zwangsverband,
der Familie, heraus, um sie in etwas noch Schlim-
merem, der Volksgemeinschaft, zusammenzufas-
sen. Es wurde die Aufhebung der Widersprüche
zwischen Kapital und Arbeit, Männern und Frau-
en versprochen, wenn sich nur alle gleichermaßen
an der Vernichtung der Juden beteiligten.
Damit kein Missverständnis entsteht: gemäß der
NS-Programmatik sollten die Widersprüche zwi-
schen Männern und Frauen durch eine harmoni-
sche Ergänzung der behaupteten geschlecht-
lichen Gegensätze erreicht werden. Was sich wie
aus einem spirituellen Lebensratgeber entnom-
men anhört, bedeutete rechtlich erhebliche
Einschränkungen für Frauen, die die bescheide-
nen, wenigstens formell in der Weimarer Republik
verwirklichten Freiheiten wieder aufhoben:
Zurückdrängung aus höheren Berufen, den
Patrick Dratzmith
Universitäten, Ausschluss aus den politischen Ent-
heidungsstrukturen, Vormundschaft des Ehe-
manns.' Zusätzlich wurde das Abtreibungsrecht
srschärft und nach der Verabschiedung des Ge-
zes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses
rden zwar gleichermaßen hunderttausende
auen und Männer zwangssterilisiert, aber diese
griffe hatten für weitaus mehr Frauen tödliche
gen.!! Es wäre jedoch falsch zu sagen, der Na-
lonalsozialismus sei außergewöhnlich frauen-
[eindlich gewesen und nur dort habe der Staat das
tperliche Selbstbestimmungsrecht von Frauen
achtet — denn leider sah es in anderen europä-
schen Ländern, besonders den römisch-katho-
ch geprägten wie bspw. Frankreich, kaum an-
rs aus. Es gab dort zur selben Zeit nicht nur eine
enauso restriktive Abtreibungspolitik, sondern
benfalls einen ähnlich verbissen geführten
tampf gegen Empfängnisverhütung.'* Auch wenn
e nationalsozialistische Ehegesetzgebung, nach
nur „erbgesunde“ und „arische“ Paare eine
e schließen durften, tatsächlich stärker in das
rivatleben eingriff als in anderen Ländern, be-
(eutet das nicht, dass ein ähnliches Gesetz dort
ht möglich gewesen wäre. Im Gegenteil: Euge-
fand in ganz Europa in allen politischen Spek-
ten Anhängerinnen und Anhänger und auch die
orge, das eigene Volk sterbe aus, war mitnichten
in spezifisch deutsches Phänomen. Selbst die
wangssterilisation von als „erbkrank“ deklarier-
ı Frauen und Männern wurde nicht allein von
en NationalsozialistInnen betrieben, sondern
h in anderen Staaten, wie z.B. in der Schweiz,
weden und den USA, teilweise mehrere Jahr-
‚ehnte lang durchgeführt."
Die Frauenbewegung in der Bundesrepublik
nachte nicht zuletzt durch ihren Kampf gegen die
btreibungsgesetzgebung darauf aufmerksam,
lass die Missachtung des körperlichen Selbstbe-
fimmungsrechts von Frauen keine nationalsozia-
stische Eigenart gewesen ist. Damit hatte sie den
eisten Deutschen etwas voraus, die, wenn sie
vicht insgeheim den Verlust des Führers und der
olksgemeinschaft betrauerten, nichts von den ge-
iellschaftlichen Voraussetzungen des National-
jozialismus und dessen Fortwesen in seinen Nach-
olgestaaten wissen wollten. Jedoch ging aus
134-142.
nd für eine Kritik der Subsumierung des
$ unter den Begriff des Patriarchats s. S.
(Fußnote 578); S. dazu auch Walterspiel,
‚zweite Geschlecht‘ und das ‚Dritte
FESTE
riedfertige Antisemitin?. a.a.0.. S.
Di en
ef
diesem Versuch, eben die Voraussetzungen des
Nationalsozialismus zu begreifen, eine eigene
Entlastungsstrategie hervor. Sie bestand darin,
jede Form von Herrschaft als patriarchale verste-
hen zu wollen, und als Folge daraus auch die Frau-
en im NS als Opfer des Patriarchats anzusehen.
Erst in den achtziger Jahren kam es innerhalb der
Frauenforschung zu Auseinandersetzungen um
diese Glaubenssätze, deren Ausgangspunkt die
Kontroverse um Gisela Bocks Zwangssterilisation
im Nationalsozialismus war. In ihrer Studie ver-
sucht Bock darzulegen, dass der Nationalsozialis-
mus keineswegs pro- sondern antinatalistisch ge-
wesen sei. $o berechtigt und richtig ihr Hinweis
auf die antinatalistische Seite der NS-Bevölke-
rungspolitik auch ist, so falsch ist es, die pronata-
listische als reine Propaganda abzutun.!' Aber
Bock kann nicht anders, will sie doch nachweisen,
dass es sich bei den Zwangssterilisationen nicht
nur um grässliche bevölkerungspolitische Eingrif-
fe des NS gehandelt hat, sondern „um geplante[n]
und bewußte[n] Massenmord“’, eine „erste Etap-
pe der Massenmorde an Frauen und Männern“.
Wer sich wie Bock nicht scheut, die Shoah unter-
schiedslos unter scheinbare und tatsächliche „Mas-
senmorde an Frauen und Männern“ zu fassen, hat
schon mehr als eine Etappe auf dem Weg zu ihrer
Relativierung zurückgelegt. Der Weg Bocks be-
ginnt mit der als Erkenntnis ausgegebenen Identi-
fizierung eines „Spezifikum[s] des Nationalsozia-
lismus in Zwang, Gewalt, Terror und Mord“"”, eine
wichtige Wegmarke ist ein ähnlich präziser Rassis-
musbegriff’‘, und endet konsequent mit dieser Ka-
pitelüberschrift: „Rassenpolitik als Frauenpolitik:
‘Die Lösung der Frauenfrage”“. - Als Nachwir-
kung der Weigerung einiger Wissenschaftlerin-
nen, allen voran Claudia Koonz, Bock auf ihrem
eigentünmlichen Weg zu folgen, wurde allmählich
aufgehört, der Illusion zu erliegen, Frauen seien im
Nationalsozialismus nur passiv der Willkür der
Männer ausgeliefert gewesen, wenn auch um die
Frage nach der Verantwortung und Beteiligung je-
ner bis heute noch gestritten wird.”
Um diesen Sachverhalt zu erhellen, sollte zuerst
mit dem Vorurteil aufgeräumt werden, Frauen sei-
en im Nationalsozialismus auf ihre Gebärfunktion
reduziert gewesen, hätten unter einem Ge-
bärzwang gestanden, wie es auch Georg Dom-
10 Vgl. Domkamp, Georg: Rechte
Frauen - Frauen ohne Rechte. In:
>outside the box“ Nr. 1. S. 55-60.
S. 56. sowie fast alle der hier
aufgeführten Studien zu Frauen
im NS.
11. Vgl. Bock, Gisela: Zwangsste-
rilisation im Nationalsozialis-
mus. Studien zur Rassenpolitik und
Familienpolitik. Opladen 1986. S.
12.
12 Vgl. Stephenson, J.: Women in
Nazi Society. a.a.O. S. 4f.
13 Für einen guten Überblick über
die Geschichte rassehygieni-
scher Politik und Informationen
über ihre weit verbreitete Aner-
kennung s. Bierl, Peter: Der
Mensch ist keine Fruchtfliege. In:
http://jungle-world.com/
artikel/2011/19/43203.html; Zur
Zwangssterilisation in der
Jütte, Robert: Die Frat-
ze des Heilens. In: http://www.
faz.net/artikel/C30405/die-frat-
ze-des-heilens-30159681.html;
Schweden: Rogalla, Thomas: Schwe-
den ließ Zehntausende zwangs-
sterilisieren. In: http://www.
berlinonline.de/berliner-zei-
tung/archiv/.bin/dump. fcgi/1997/
0828/politik/0013/index.html;
USA: Corinth, Ernst: Noch vor 30
Jahren wurden in den USA Men-
Schweiz:
schen zwangssterilisiert. In:
http://www.heise.de/tp/artikel/
20/20106/1.html; für eine medizin-
historische und -soziologische
Darstellung der Entwicklung der
Rassenhygiene und Eugenik s.
auch: Czarnowski, Gabriele:
kontrollierte Paar. Ehe- und
Sexualpolitik im Nationalsozia-
lismus. Weinheim 1991.
das 1. Kapitel.
Das
besonders
14 Vgl. Bock, G.: Zwangssterili-
sation im Nationalsozialismus.
a.a.0. S. 462.
15 Ebd.. 8;:,379;
16 Ebd..
17 Ebd.. S. 10.
18 Vgl. ebd.. S. 14ff.
19 Überschrift des Kapitels VII
3, S. 456. Es soll nicht ver-
schwiegen werden, dass Frick
1933 Bock zufolge tatsächlich
von der „Lösung der Frauenfrage“
gesprochen haben soll (Vgl. ebd.
S. 461).
Formulierung in ihrer Über-
So wie Bock aber diese
schrift aufgreift, legt sie nahe, dass die „Lösung der Frauenfrage“ eine mit der
„Lösung der Judenfrage“ vergleichbare gewesen sei. Für eine umfassendere Kritik an
Bock #, Radonic, Ljiljana: Die friedfertigs Antisemitin? Kritische Theorie über
Geschlechterverhältnis und Antisemitismus, Frankurt am Main 2004. S.
140ff. und
Walterapiel, Gabriela: Das ‚zweite Geschlecht‘ und das ‚Dritte Reich‘. Über Rasse
und Geschlecht im Feminismus. In: httpi//www.ca-ira.net/isf/beitraege/walterspiel-
rasse,.geschlecht.html
20 Für eine umfangreichere Darstellung #, Thürmer-Rohr, Christina: Die postmoder-
ne These vom ‚Tod der Geschichte‘.
Feminismus und der Holocaust.
In: Niethamner,
Ortrun (Hg.): Frauen und Nationalsoziallamus. Historische und kulturgeschichtliche
Positionen, Osnabrück 1996. S. 24-40, und Schaumburg, Petra: Frauen im National-
sozialiumus, Ein Überblick über die hintorische Frauenforschung und die femini-
stische Dinkussion um Verantwortung und Beteiligung von Frauen am Nationalsozia-
lismus. In: Ebd.. S. 42-56.; für eine Kritik des Opfermythos s. Radonic, L.:
Die
Eee a.» .. . u 2 _ 1. =... tr 3 2 2a. adan a
£j} xog ey4 oprsıng
19
NAUYIHD
GEBÄREN
68
Outside the Box #3
21 Domkamp, G.: Rechte Frauen.
a.a.0. S. 56.
22 Vgl. Stibbe, Mathew: Women in
the third Reich. London 2003. S.
50.
23 Vgl. Koonz, C.: Mütter im Va-
terland. a.a.0. S. 29; Stephenson,
J: Women in Nazi Society. a.a.0.
S. 188f.
24 Domkamp, G.: Rechte Frauen.
ET 90 BON AR En
25 Vgl. Stephenson, J.: Women in
Nazi Society. a.a.0. S. 45.
26 Vgl. Radonic, L.: Die fried-
fertige Antisemitin?. a.a.0. S.
129-32. Die Anziehung, die diese
Organisationen besonders auf
junge Frauen ausübten, ist ein-
drucksvoll beschrieben in Koonz,
C.: Mütter im Vaterland. a.a.0. S.
2IDEE.
27 Radonic, L.: Die friedfertige
Antisemitin?. a.a.0. S. 125.
28 Vgl. Benz, Ute (Hg.): Frauen
im Nationalsozialismus. Dokumen-
te und Zeugnisse. München 1993.
D4, 130:
29 Vgl. Tröger, Annemarie: Die
Frau im wesensgemäßen Einsatz.
In: Frauengruppe Faschismusfor-
schung (Hg.): Mutterkreuz und
Arbeitsbuch. Zur Geschichte der
Frauen in der Weimarer Republik
und im Nationalsozialismus
Frankfurt am Main 1981. S. 246-
272. In diesem Aufsatz wird wie
in dem gesamten Sammelband und
anders als bei vielen klassi-
schen geschichtswissenschaft-
lichen Studien, großer Wert auf
die Analyse des Zusammenhangs
zwischen der Organisation der
kapitalistischen Produktion im
Nationalsozialismus und dessen
Politik gelegt.
kamp in der ersten Ausgabe der outside the box
nahe legt, wenn er schreibt: „Die «echt-deutsche»
Frau hatte zu gebären, ob sie wollte oder nicht.“?!
Sicher war das Recht der körperlichen Selbstbe-
stimmung durch die Abtreibungs- und Verhü-
tungsmittelverbote stark eingeschränkt, so dass
schwangere Frauen tatsächlich nur unter den gro-
ßen gesundheitlichen Risiken einer illegalen Ab-
treibung und in Anbetracht der Gefahr schwerer
Bestrafung einen Schwangerschaftsabbruch vor-
nehmen konnten. Aber jenseits dieser Bestim-
mungen und eines nicht zu verleugnenden sozia-
len Drucks?? bestand die nationalsozialistische
Geburtenpolitik vor allem darin, bei Frauen auf
den Willen zum Gebären zu setzen und ihn zu
fördern, da sie diese eben nicht gegen ihren Wil-
len dazu zwingen konnte und wollte. Der Natio-
nalsozialismus hat Frauen weitaus mehr als über
einen eigenen Willen verfügend anerkannt und
dementsprechend gehandelt, als es diejenigen, die
in ihnen nur passive Verfügungsmasse des patriar-
chalen Männerbunds sehen, wahrhaben wollen.”
Wenn man Jüdinnen und Juden in ihrer Gesamt-
heit vernichten möchte, muss man auch die Volks-
gemeinschaft in ihrer Gesamtheit mobilisieren.
Deshalb konnten Frauen nicht allein der patriar-
chalen Vormundschaft ihrer Väter oder ihrer Män-
ner überlassen werden; sie sollten die nationalso-
zialistische Sache zu ihrer eigenen machen und
selber jedes Vergehen gegen diese denunzieren,
egal ob es sich dabei um den
Vater, den Ehemann, die
Nachbarin oder die Tochter
ES WURDE DIE AUF-
Patrick Dratzmith
doch eine totalitäre Kontrolle zu gewährleisten,
musste der „Alltag der gewöhnlichen Frau“ von ei-
nem privaten zu einem politischen werden. Nicht
zuletzt deshalb, weil in Frauen nicht nur die Müt-
ter, sondern auch die ersten Erzieherinnen der
neuen Generation gesehen wurden und ihnen da-
mit eine große Verantwortung zukam.”° Mit dieser
Verantwortung durfte man sie nicht allein lassen,
weshalb mittels der von den Frauenorganisationen
- die größten, die es in Deutschland bis dahin ge-
geben hatte und in denen Millionen Frauen aktiv
waren®® — durchgeführten Mütterschulungen die
Erziehung im nationalsozialistischen Geist ge-
währleistet werden sollte. Aber auch über diese
speziellen Schulungen hinaus waren es, wie Ljilja-
na Radonic aufzeigt, vor allem Frauen, die „die
NS-Ideologie im häuslichen und nachbarschaftli-
chen Bereich“? alltäglich durchsetzten. — Selbst
in der Hausarbeit ließ man nichts anbrennen und
entriss sie der Heimlichkeit, indem man die Haus-
wirtschaft zum Ausbildungsberuf machte. Der
NS erbrachte somit der Reproduktionsarbeit auf
seine Weise die lang verwehrte Anerkennung.
Für viele Frauen, nämlich die proletarischen, än-
derte sich dadurch in ihrem Leben jedoch nichts,
da der Nationalsozialismus, trotz seiner Propagie-
rung des Gegenteils, spätestens mit der Inten-
sivierung der Kriegsproduktion auf ihre Mehr-
fachbelastung angewiesen war, sie also in der
Pro-duktions- wie in der Reproduktionssphäre
ihren Beitrag für die Volksge-
meinschaft leisten sollten.?”
Das ist sicherlich auch einer
handelte. Domkamp geht HEBUNG DER WIDERSPRU- der Gründe dafür, dass trotz
zwar ausdrücklich auf die CHE ZWISCHEN KAPITAL einer Vielzahl von Maßnah-
Partizipation von Frauen an UND ARBEIT, MÄNNERN men, wie Ehestandsdarlehen,
der nationalsözialistischen UND FRAUEN VERSPRO- Steuervergünstigungen und
Vernichtungspolitik, sei es Mutterkreuzen, nur wenige
als KZ-Wärterinnen, sei es CHEN, WENN SICH NUR deutsche Frauen dem Wunsch
in den Rüstungsbetrieben, ALLE GLEICHERMASSEN des Führers nachkamen, die-
sr verkenif, aber die Be- AN DER VERNICHTUNG Bernie und mehr Kinder zu
eutung, die ihnen jenseits gebären. Die moderne Klein-
dieser Tätigkeiten beigemes- DER JUDEN BETEILIGTEN. familie ließ sich nicht ohne
sen wurde, wenn er schreibt:
„Der Alltag der gewöhnlichen Frau stand noch
weniger bis gar nicht im Fokus der Öffentlichkeit.“
„Öffentlichkeit“ ist leider ein so schillerndes Wort,
dass ich nicht weiß, was genau Domkamp mit sei-
ner Wendung gemeint hat. Es steht aber fest, dass
dem „Alltag der gewöhnlichen Frau“ im National-
sozialismus großes politisches Interesse galt und
sehr viel daran gesetzt wurde, diesen Alltag zu po-
litisieren, wenn nicht zu militarisieren. Denn der
NS befand sich in dem bereits umrissenen Dilem-
ma, die Familie mittelfristig zerstören zu wollen,
kurzfristig aber auf sie angewiesen zu sein. Um je-
weiteres zur nationalsozialisti-
schen Sippe ausweiten. Von der wahnhaften Sorge
umtrieben, das deutsche Volk könnte dem Volks-
tod zum Opfer fallen, studierte man die Gebur-
tenzahlen aufmerksam und sparte nicht mit Lob,
als nach deren Tiefstand Ende der zwanziger Jah-
re eine Steigerung zu verzeichnen war. Das sollte
aber nur der Anfang sein, wie es 1938 in einer An-
kündigung des Mutterkreuzes im Völkischen Be-
obachter deutlich wird: „Wohl haben wir heute in
der Geburtszahl das erreicht, was zur Bestandser-
haltung des deutschen Volkes notwendig ist. Das
aber kann für uns alle niemals das Ziel, sondern
Atrick Dratzmith
ur der Übergang sein zu weiterem Wachstum.
Was nicht wächst, stirbt, das lehrt uns die Natur.
Jas deutsche Volk aber soll leben und muß
uchsen!“? Dieser Appell an die deutsche Frau,
ren Körper für den Dienst am Volk noch frucht-
irer zu machen, mehr Opfer im Kampf ums Da-
ein zu erbringen, ist vom Geist der Militarisie-
\ing der Mutterschaft erfüllt, in dessen Sinn auch
as Mutterkreuz verliehen wurde. Aber selbst die-
Auszeichnung zeitigte nicht den erwünschten
tlolg - „Wachstum“ statt „Bestandserhaltung“ —
uch wenn Irmgard Weyrather in Muttertag und
tterkreuz auf der Grundlage eines Berichts des
\S-Sicherheitsdienstes feststellt, dass der Orden
d die Verleihungszeremonie in weiten Teilen
or Bevölkerung Anerkennung gefunden und sie
© „loyalisierende Funktion“ erfüllt haben.” Das
var aber nur die eine Seite des Ordens. Im Schat-
n der anderen Seite wurde über den „Kanin-
‘henorden“ gewitzelt und mitunter die mit dieser
szeichnung verbundene Gefahr erkannt. Denn
as Mutterkreuz wurde selbstverständlich nicht
in jede Mutter mit vier und mehr Kindern verlie-
(en, sondern die Anwärterinnen und ihre Famili-
n mussten sich einer Prüfung der Behörden aus-
stzen, die noch mehr Informationen erfasste, als
(e Einzelnen ohnehin mitzuteilen gezwungen
yaren. Die Auszeichnung sollte nur an vorbildli-
he und „erbgesunde“ Frauen vergeben werden,
0 dass die Verweigerung des Ordens nicht nur
ine Stigmatisierung der Betroffenen bedeutete,
dern auch unter Umständen eine Zwangssteri-
sierung zur Folge haben konnte. Dazu Weyrat-
er: „Für die beim Mutterkreuz abgelehnten
rauen und ihre Familien wäre es oft besser ge-
esen, sie wären erst gar nicht für das Mutter-
reuz in Betracht gezogen worden.“ Da die Müt-
or sich häufig nicht selbst um das Kreuz bewarben,
ondern oft die Block- und ZellenleiterInnen der
SDAP Anträge an die in Frage kommenden
Frauen in ihrem Einflussbereich weiterleiteten,
mag eine Ahnung davon, wie schnell sich die
Volksgemeinschaft gegen ihre Mitglieder wenden
kann, manche dazu bewegt haben, alles daran zu
etzen, nicht in den Genuss dieser zweifelhaften
Aufmerksamkeit zu kommen. Ganz abgesehen da-
on, dass ein Großteil der Frauen aufgrund der
Vehrfachbelastung der Produktions- und der Re-
toduktionsarbeit gar keine Kapazitäten für die
jetreuung einer Großfamilie aufbringen konnten.
gibt sicher noch weitere Gründe für das Schei-
»rn der nationalsozialistischen „4 Kinder plus“-
Politik. Aber nur weil der Großteil der Volksge-
heinschaft in diesem Punkt das eigene Leben
ht nach der Parteilinie ausgerichtet hat, ändert
das nichts daran, dass er die Vernichtungspolitik
duldete, guthieß und willig vollstreckte. Während
die Nazis anhand der Entwicklung der Ge-
burtenzahlen versuchten, das Vertrauen der Deut-
schen in den Führer zu ermitteln, soll sie im
postnazistischen Deutschland als Indikator für
die unbeugsame Widerspenstigkeit der Bevöl-
kerung herhalten. Anna Sigmund zum Beispiel
möchte in ihrem Buch Das Geschlechtsleben
bestimmen wir 2008 die Geburtenzahlen so
verstanden wissen: „Es war eine stille, jedoch
effiziente Rebellion, die sich in den Schlafzim-
mern der Volksgenossen abgespielt hat.“ — Also
doch. Es gab das andere Deutschland. Ich habe
meinen Großeltern unrecht getan. Auch sie waren
im Widerstand. Hätten die Alliierten ihnen nur
mehr Zeit für ihre „stille, jedoch effiziente Rebel-
lion“ gelassen. Dresden hätte nicht sein müssen.
PATRICK DRATZMITH
lebt in Offenbach am Main und bedankt sich bei
Max für hilfreiche Anmerkungen und die Diskussion.
30 Völkischer Beobachter vom
25./26.12.1938 zit. nach: Benz,
U.(Hg.): Frauen im Nationalsozia-
lismus. a.a.0. S. 110.
31 Weyrather, Irmgard: Muttertag
und Mutterkreuz. Der Kult um die
„deutsche Mutter“ im Nationalso-
zialismus. Frankfurt am Main
1993. S. 148.; Den folgenden Aus-
führungen über den heimlichen
Spott und über die Gefahren des
Vergabeverfahrens liegt die Dar-
stellung Weyrathers zu Grunde.
32 Weyrather, I.: Muttertag und
Mutterkreuz. a.a.0. S. 69.
33 Sigmund, Anna Maria: Das Ge-
schlechtsleben bestimmen wir.
Sexualität im Dritten Reich. Mün-
chen 2008. S. 176 £.
£/ xog ey4 oprsıng
69
NIUYIHD
Gespräch entstehen lassen
YV _
NFORDERUNGEN
N MÜTTER, VÄTER
ND ANDERE
e: In vielen Ratgebern heißt es, die Mutter erkenne an den unter-
iedlichen Intensitäten des Schreiens, welches Bedürfnis dahinter
eckt: Hunger, Müdigkeit, Bauchweh. Ich konnte das nie, auch beim zwei-
n Kind nicht. Aber dass dann auch von außen an dich herangetragen
rd: du musst doch jetzt wissen, was zu tun ist, du musst es doch zu-
ieden stellen können - das ist echt stressig.
Natalie: Und dass es überhaupt immer irgendetwas sein muss. Ich meine,
so ein Kind schreit halt einfach auch öfter, aber du als kompetente Mutter
musst immer eine Erklärung liefern können, warum das jetzt so ist.
Das ist absurd - woher soll ich das denn wissen? Gerade zu Anfang ist das
ja ein großes Rätselraten. Die Mutter muss, genau wie alle andren auch,
verschiedenes ausprobieren und liegt vielleicht auch mal falsch. Und auf
diesen Moment wird dann gelauert: es kann dir jederzeit passieren,
dass dir völlig fremde Leute in der Öffentlichkeit erklären, wie du jetzt
mit deinem Kind umzugehen hast, falls du doch mal mit deinem natürli-
chen Mutterinstinkt danebenliegen solltest. So als würde es hier um eine
für die Gesellschaft bedeutende Aufgabe gehen, sodass auch jeder das
Recht oder sogar die Pflicht hat, sich mit reinzuhängen.
h: Wobei ich sagen würde: was da von Seiten der Hebamme und der
tgeber kommt - also zu sagen: die Mutter weiß schon, was ihr
ind braucht - ist auch eine Strategie. Dir als Mutter wird Kompetenz
iterstellt, um deine Persönlichkeit aufzuwerten - damit du das
les in Angriff nimmst, damit du das auch durchziehst. (alle lachen)
Maike: Das ist genau der Diskurs, der mich damals verunsichert hat.
Die Mutter weiß natürlich am besten, was für das Kind gut ist, das heißt:
ich habe von vornherein keine Chance, Ich bin nicht die Mutter, ich hab
das Kind nicht 9 Monate in mir getragen, Ich hab es nicht geboren, das heißt:
da ist ein Riesenerfahrungsunterschied, der niemals aufgeholt werden
kann. Also natürlich ist da ein Erfahrungsunterschied - aber die Frage ist
ja, ob es dem Baby nicht völlig schnuppe ist, wer es in den Schlaf wiegt,
solange die Person sich nicht allzu bescheuert dabei anstellt. Und diese
Verunsicherung wirkt ja wahrscheinlich auch schon auf die Väter,
h: Aber das Schlimme ist ja, dass darüber nicht gesprochen wird.
'h habe bisher nirgends über diese gefühlte Minderwertigkeit,
er diese Ratlosigkeit angesichts meines schrelenden Kindes geredet.
d meine Tochter ist schon zwei Jahre alt,
Maike: Echt?
th: Ja, es gibt wirklich kaum einen Raum, außer man hat jetzt privat
einen coolen Freundeskreis, wo man das #0 offen thematisieren
nn, weil dann kommt nämlich sofort die Anzweiflung deiner Mutterliebe,
erhaupt, Mutterliebe - was heißt das denn? Du liebst dein Kind
Sdingungslos, von Anfang an? Ich muss ganz ehrlich sagen, als Mascha
£ der Welt war, hatte ich erst mal überhaupt keine Beziehung zu ihr,
s ist gewachsen wie jede andere Beziehung auch wächst.
£4 xog ey4 eprsıng
L/
INKERSBVZEEC 3)
Ein Gespräch entstehen lassen
Lotte: Nach Lolas Geburt, als sie endlich da war und mir durch die Beine
hindurch gereicht wurde, konnte ich sie erst mal 2 oder 3 Minuten lang
nicht angucken. Ich hing noch so meinen Schmerzen nach, musste nach Luft
ringen und zu mir kommen. Von diesem Moment hab ich später auch nur sel-
ten erzählt. Er passt nicht in die Erzählung: Kind auf die Brust gelegt
bekommen und selig lächeln.
Ruth: Mein Partner, der hat ja das Babyjahr gemacht und war in diesen
ganzen Frauenzirkeln, ob das jetzt Pekip! war oder Babyschwimmen,
und er hat da wohl irgendwann mal gesagt, es sei schade, dass man nach
einem Jahr nicht sagen könne: „Also das mit dem Kind, das hat sich
nicht bewährt, ist zu anstrengend, wir probieren es einfach später noch
mal.“ Das war ein unheimliches Schocking, ein Tabubruch, und an den
7 BA ERTEILEN TEE
heftigen Reaktionen der anderen wurde ihm klar, dass man so was ein-
fach nicht sagen kann. Obwohl ich mir vorstellen könnte, dass es ganz
viele Eltern gibt, die Gedanken haben, wie: da hätten wir auch noch
drei Jahre warten können, oder: eigentlich ist das doch ne Nummer
zu groß, ich kann das gerade nicht stemmen.
Natalie: Das stellt sich auch die Frage, was mit den Frauen passiert, die
wirklich mit dieser Situation nicht klarkommen. Nicht nur: ich weiß gerade
nicht so genau was das Kind will, sondern die tatsächlich von den Anfor-
derungen, die von außen an sie gestellt werden, komplett überfordert sind.
Lotte: Nach der Geburt von Ronja, meiner ersten Tochter, bin ich auch
an dieser Erwartung gescheitert, dass ich dachte, eine Zufriedenheit
aus der Beziehung mit dem Baby ziehen zu können - bzw. zu müssen. Ich
hatte dann 10 bis 12 Wochen nach der Geburt eine schwache Form post-
partaler Depression. Mehrere Tage lang war ich total traurig und habe
GEBÄREN
mich selbst die ganze Zeit fertig gemacht, weil ich keinen objektiven
‚Grund dafür gesehen habe. Ronja war da, war gesund und hat auch sonst
keine ungewöhnlichen Probleme bereitet. Aber dieser krasse Wechsel
72
von meinem Leben vorher zu meinem Leben danach, in diese enorme Abhän-
gigkeit, das hat mir mehr zugesetzt, als ich mir eingestehen wollte.
Erst als mein Freund mich nach vielen Tagen tiefster Traurigkeit und
vieler Tränen soweit hatte, Hilfe von außen zu holen, wurde es besser
Meine Hebamme hat mir dann geholfen von den Selbstvorwürfen wegzukommen
und zu sehen, dass Geburt einfach einen immensen Bruch bedeutet.
Sie hat mir immer wieder versichert, dass ich das Recht habe, über be-
stimmte Veränderungen traurig und enttäuscht zu sein, auch über die
plötzliche Abhängigkeit und den Zugriff, den das Kind auf mich hat.
Outside the Box #3
Und das ich mit dieser Traurigkeit nicht allein bin, sondern viele Müt-
ter solche Gefühle haben. Das Wichtige war wirklich, mir diese Trau-
rigkeit zuzugestehen.
Ruth: Genau das meinte ich mit so einer permanenten Konfrontation mit
Idealbildern, die Maßstäbe setzen, und die letztlich nur dazu da sind, dass
man an ihnen scheitert. Und das, was du beschreibst, hatte ich beispiels-
weise in der Schwangerschaft schon, dass ich dachte: ich muss das doch jetzt
genießen, ich muss das doch gut finden. Auch so eine Idee von: wenn ich
schwanger bin und in der letzten Zeit nicht mehr so viel machen kann, dann
gucke ich nur noch Serien, dann mache ich es mir gemütlich - herrlich!
Aber ich war die ganze Zeit so verunsichert. Und zusätzlich zu dieser Verun-
sicherung habe ich mir dann noch eingeredet, ich dürfte nicht unglücklich
und verunsichert sein, es müsse sich doch alles toll und besonders und glück-
lich anfühlen. Das hat alles noch viel schlimmer gemacht.
Natalie: Aber man muss schon sagen, dass in Beratungsstellen auch darauf
aufmerksam gemacht wird, dass es so etwas wie postpartale Depressionen
gibt und dass du Unterstützung bekommen kannst
Lotte: Ja, es gibt sogar Krankenhäuser mit einer ganzen Station für Frauen,
die unter postpartalen Depressionen leiden. Und dennoch würde ich sagen,
»>$1Lr a 2% u = A De re
1 Abkürzung für Prager El-
tern-Kind-Programm, das ein
pädagogisches Konzept für
eine Krabbelgruppe darstellt,
dessen Angebot sich in den
letzten Jahren zunehmender
Beliebtheit erfreut.
Gespräch entstehen lassen
dass dem Thema gerade im Privaten, in persönlichen Gesprächen, wenig Raum
zugestanden wird.
h: Ich habe mir, als ich schwanger war, eine Broschüre der Bundes-
trale für gesundheitliche Aufklärung geholt, und da war der erste
z: „Sie sind schwanger. Herzlichen Glückwunsch.“ Damit war klar
che Gefühle ich jetzt zu verspüren hatte: Freude und Glückseligkeit.
gibt eine befohlene Heiterkeit, und wenn deine eigentlichen Empfin-
en konträr dazu verlaufen, fühlst du dich falsch und allein damit.
auch wenn du weißt, es gibt Beratungsstellen, auch wenn du weißt,
annst dich an jemanden wenden, wenn du fit genug bist, damit umzuge-
‚, bleibt ja trotzdem der Fakt, dass dir eine Störung unterstellt
d. Über eine als traumatisch erlebte Geburt zu sprechen oder darü-
‚ dass man ab und zu einfach gerne Pause hätte vom Muttersein,
z2t die Befürchtung frei, dass mit dir irgendetwas nicht stimmt.
Maike: Apropos „etwas stimmt nicht“: Wahrscheinlich kennen das alle
Frauen vom Frauenarzt, dass man da ständig - ungefragt - auf seine Gebär-
fähigkeit abgecheckt wird. Ich komme da hin, weil ich eine Infektion habe
oder was auch immer, und jedes Mal kommt die Frage nach der Verhütung und
nach der letzten Menstruation. Immer werde ich auch als potentiell
Schwangere betrachtet, und als solche sind meine körperlichen Vorgänge
und mein Sexleben nicht mehr nur meine Privatsache, sondern unterstehen
einer medizinisch-staatlichen Kontrolle, Mich nervt es auch ungemein,
dass viele Frauenarztpraxen so mit Babyfotos und Broschüren zum Thema
Schwangerschaft überladen sind. Das suggeriert, dass es hier vor allem um
dich als (potentielle) Mutter geht * und nicht um dich als Menschen, der
eine auf bestimmte Körperteile und *vorgänge spezialisierte Ärztin aufsu-
chen möchte.
Die andere Seite ist aber, dass ich merke, dass diese Mutterschaftserwar-
tung in den letzten Jahren von meinem „hnichtmedizinischen“ Umfeld über-
haupt nicht mehr an mich herangetragen wurde - meine Oma hat mich schon
lange nicht mehr nach Enkelkindern gefragt. Sobald man aus dem heterose-
xuellen Bild rausfällt, wird das nicht mehr so selbstverständlich von
einem erwartet. Ich finde das durchaus angenehm. Aber natürlich ist das
eine ganz genau so ignorante Unterstellung wie die, dass du als heterose-
wirst. In dieser Erzählung kommt
überhaupt keinen Bock hat, Mutter
E.. oder Mann oder Transe, die
xuelle Frau früher oder später Mut
weder die heterosexuelle Frau vor, (
zu sein, noch die nicht-heterosexu@]
gern ein Kind haben will. ? %
J >}
alie: Und auf der nächsten Stufe, also wenn dann Kinder da sind,
d es auch wieder die Frauen, denen die Verantwortung zugesprochen
td - bzw. die sich auch selbst stärker in der Verantwortung sehen.
nn ich zwei, drei Wochenenden hintereinander Auf irgendeine Party
he, wird das zwar positiv aufgenommen, aber Ich muss mir trotzdem
er noch die Frage stellen: wie kommt das rüber? Ist es okay, wenn
h mal zwei Wochenenden hintereinander nicht primär für mein Kind
bin, sondern einfach mache, worauf ich Lust habe? Und dann schiebt
ch immer wieder so ein Schuldgefühl rein, egal auf welcher Party
h bin, egal wie viel Spaß ich eigentlich gerade habe. Es wird auch
z oft die Frage gestellt: „Wo ist denn Frederik gerade?“, ganz so,
(s müssten die Leute sich noch mal versichern, dans ich hier nicht ge-
de meine Mutterpflichten vernachlässige. Ich wette drauf, dass den
ter niemand fragt, wo denn sein Kind gerade lat, wihrend er Party macht.
Ruth: Tja, für Mütter ist das SOhhE ARE Fur Väter ist das Wahlpflicht.
Ich will gar nicht sagen, dass an VWter nicht auch Pflichten herangetragen
werden, nämlich Ernährer zu sein, EN her auch viele Männer in einen
inneren Zwiespalt oder in den Burnout eibt. Aber es gibt vor allem das
Narrativ: wenn der Vater sich auch noch um die Kinder kümmert, dann ist
das super.
ike: Ja, das ist witzig: wenn du feiern gehmt und das Kind ist bei
inem Vater, dann kriegt er noch Extra-Credits dafür. Anders herum
£/ xog ey4 oprsıno
£L
NaUyES9
GEBÄREN
74
Outside the Box #3
Ein Gespräch entstehen lassen
ist das gar nicht vorstellbar. Der Papa geht auf eine Party und
die Leute fragen: „Du, wo ist denn dein Kind?!“ „Naja, seine Mutter
kümmert sich.“ „Ach, Mensch, das ist ja toll!“ (alle lachen)
Lotte: Da kommt die ganze Geschichte der Reproduktionszuständigkeit in so
einem kleinen Wortwechsel zum Ausdruck
Ruth: Wobei es ja nicht immer nur Credits bedeutet für den Vater,
wenn er sich ums Kind kümmert, sondern es auch ganz viele Frauen gibt,
die einem Vater gegenüber mit sehr viel Argwohn gegenübertreten.
Mein Partner hat das oft erlebt in Gruppen, dass ihm vermittelt wurde,
dass es ganz schön komisch sei, dass die Mutter nicht hier wäre -
„Aha, die geht arbeiten“ - und dass infrage gestellt wurde, dass er
das alles auch allein hinbekomnmt.
Natalie: Den Müttern wird oft aufgrund der Erfahrung von Schwangerschaft
und Geburt ein Erfahrungsvorsprung zugeschrieben, der den Vätern angeb-
lich fehlt, weswegen sie eine längere Zeit bräuchten, um sich an das Kind
zu gewöhnen und es kennen zu lernen. „Du hast das ja schon 9 Monate im
Bauch getragen, du hast das ja geboren, du kennst es doch viel besser und
weißt wie alles läuft.“ Völliger Quatsch.
Maike: Das heißt, du würdest sagen: in dem Moment, wo das Baby da ist,
ist es für dich genauso neu wie für den Papa?
Lotte: Ja klar, ich als Mutter kenne das Baby auch nicht. Woher soll ich es
denn kennen? Ich hab es nicht gesehen, nicht gehört und so gut wie gar
nicht mit ihm interagiert, und um seine Bedürfnisbefriedigung musste ich
mich auch null kümmern. Und die Geburt als Kennlernprozess zu bezeichnen
wäre echt absurd. Also muss die Mutter das Kind kennenlernen, wie jeder
andere Mensch auch.
Maike: Klingt eigentlich logisch, aber trotzdem hat man dieses Bild
im Kopf.
Lotte: Und nicht nur kenne ich das Kind nicht bis es auf der Welt ist,
auch in seinem Entwicklungsprozess muss man sich immer wieder eine
Offenheit bewahren. Wenn man sich das Leben mit Kind vorher vorstellt,
sieht man sich selbst oft in ganz konkreten Situationen mit einem
konkreten Kind. Es gibt bestimmte Dinge, die man an Kindern mag, die
man spannend findet, und dann stellt man sich vor, was man mit einem
Kind gerne machen will. Aber ich kann mir ja gar nicht aussuchen, wel-
ches Kind mit welchen Eigenschaften, Interessen, Macken ich haben werde.
Natalie: .. Das wird irgendein Kind und liebt dann vielleicht ausgie-
bige Zoobesuche, auch wenn du darauf null Bock hast. Das ist wirklich
total die Katze im Sack kaufen.
Was übrig bleibt:
So einiges. Ein Thema, das leider zu kurz gekommen ist, ist der große Be-
reich Sexualität. Was bedeutet es für das Sexleben einer jetzt-auch-
Mutter, ein „verwundetes Lustorgan“ zu haben? Wie wirkt sich die Besetzung
des Körpers durch das abhängige Baby, eine durch die Schwangerschaft
erlebte Entfremdung vom Körper auf die Empfindung von Lust und Begehren,
auf das Selbstbild als sexuelles Subjekt aus? Auch der Komplex Partner-
schaft bzw. Paarbeziehung-oder-nicht fand im Gespräch wenig Raum, ebenso
wie der „neoliberale Powerfraudiskurs“. Das ist schade, lag aber nicht
daran, dass uns diese Themen nicht wichtig gewesen wären, sondern eher an
räumlichen und zeitlichen Begrenzungen. Für uns selbst bedeutete das
Gespräch wie auch die intensive Arbeit daran einen große Bereicherung,
intellektuell und emotional, und wir freuen uns sehr, wenn es weitere
Gespräche entstehen lässt, die sich den scheinbaren Eindeutigkeiten und
Selbstverständlichkeiten zu entziehen versuchen.
WW
m m nn mn nen an Tun nme me mn
GEBÄREN
76
Outside the Box #3
Gecko Neumcke
GEBÄREN
Dazu soll ich also aus Vätersicht etwas schreiben. Na gut, ganz abwegig ist das nun
auch wieder nicht, ich war ja damals dabei. Und hier ist wahrscheinlich auch schon
der Grund, warum dieses Thema nicht so leicht in Worte zu fassen ist. Obwohl es
doch eher um eine gesellschaftliche Dimension des Ganzen geht, fällt mir als er-
stes die ganz konkrete Geburt ein. Meine Sicht auf dieses Schauspiel, Bilder, die
so beeindruckend waren, dass sie sich erstmal nicht eingeordnet haben. Eine un-
reflektierte Direktansicht. Nun gut, das Private ist politisch, also immer voran:
Die Geburt fand im Bauwagen statt, zum Teil, weil wir damals wenig Vertrauen in
das Salzwedeler Krankenhaus hatten (zu Recht, wie andere Geschichten bewiesen).
Zum Teil, weil, warum eigentlich nicht da, wo mensch sich wohl fühlt. Das hieß
also, dass weder bei den Voruntersuchungen, noch bei der Geburt selbst ein männ-
liches Hochstatus-Kittelwesen anwesend war, sondern eine Hebamme. Nachdem
wir sie angerufen hatten, dass es losgeht, kam sie mit ihrem kleinen Auto aus dem
Wendland rübergejuckelt. Während es nur langsam voran ging, schlief sie in einer
Ecke des Bauwagens im Sessel und schnarchte. Irgendwann in der Nacht mischte
sie sich dann doch mal ein und meinte, das mit dem Buckelwalgesang wäre ja ganz
schön, aber jetzt könne es auch mal schnellere Musik geben und die Sache voran
kommen. Also tanzten wir zu funky music durch die Gegend, sie tanzte mit, ein
lustiger Anblick, der im Krankenhaus sicher eher auf Unverständnis gestoßen wäre.
Aber es half den Muttermundzentimetern... naja, wie das technisch abläuft, das
kann mensch ja woanders nachlesen. In meiner Erinnerung bin ich immer noch
beeindruckt davon, was für eine Kraft und Entschlossenheit in dieser Situation zu
spüren war. Mein Job war es, immer mal festzuhalten und angenehme Stimmung
zu verbreiten. Das war eine ganz schöne Anstrengung und ich konnte trotzdem
fast nichts dazu beitragen, das Ding mal eben zu wuppen. Technisch so etwa wie
ein Roadie bei einer Hardcoreband, vorher und hinterher viel Geschleppe, aber
beim Konzert selbst dann nur neben der Bühne stehend mit offenem Mund. Emo-
tional mit auf den Höhen und Tiefen der Wellen und hinterher auch total er-
DER ANSPRUCH schöpft glücklich.
AN EIN KIND, DIE ER-
WARTUNGEN EINES _Alsder kleine außerirdische lila Waurm mit verbeultem Kopf dann da war, war
QUEEREN LEBENS- © E mich oe das we en auf der ganzen ir be a,
“ ist hier wörtlich gemeint. Die ippenspalte war nur ein weiteres Schönheits-
MODELLS ERFÜLLEN merkmal. Wir blieben drei Tage fast komplett im Bauwagen, das Catering lief
ZU SOLLEN, BEDEU- perfekt, das war mal ein Punkt, an dem das Konzept Bauwagenkommune so
TET SO ETWAS WIE richtig Sinn machte. Die Hebamme schaute immer mal rein, und erst als es um
EINEN FREAK ZU PRO- die Anmeldung beim Amt ging, bekam das Ganze wieder eine gesellschaftli-
DUZIEREN IN EINER = er . . Si ee De mit ed
atten, aber das gehört hier nicht hin. Was daran nun queer sein kann? Keine
NIC MO Ahnung, So etwas wie eine Gebärmutter oder die Möglichkeit zu Stillen sind
doch nicht ganz unwichtige Aspekte bei diesem Thema. Um es mal dezent zu
formulieren. Und ich kann mich noch gut an meinen Neid erinnern, das nicht
zu können. Eigentlich bin ich der Meinung, dass es genügend kleine Kinder gibt,
die sich freuen, wenn sich wer mit ihrer Aufzucht beschäftigt, es müssen nun wirk-
lich nicht alle so einen Selbstverwirklichungstrip fahren, indem sie ihr Erbgut re-
produzieren. Zudem sind Geburten auch gefährlich, Kaiserschnitte eine große OP,
die Schwangerschaft eine körperliche und hormonelle Plackerei (jedenfalls viele,
was ich so von außen mitbekomme). Kleinsüßknuddelig bleiben die Wesen auch
nicht lange. Also wäre die Entscheidung für ein Nichtkinderkriegen wirklich die
eko Neumcke
'ionalere und sogar oft liebevollere. Lieber die vorhandenen Kinder mit Aufmerk-
imkeit beglücken, Modelle stricken, die jenseits von Kleinfamilie oder Alleiner-
end funktionieren, jenseits vorhandener Normen. Dem Leben Aufmerksam-
it schenken und nicht nur der eigenen DNA. Andererseits möchte ich diesen
oment der Intensität auch nicht missen. Da, wo die Natur sich kurz in ihrer Di-
theit gezeigt hat, keinerlei Diskurs im Raum, nur diese Kraft, und ich durfte
Teil davon sein. Natur, Natur, was redest du da, diese Kategorie ist doch immer
ie gesellschaftliche! Auch klar. Stimmt ja.
, wo wird jetzt das Private politisch? Die Möglichkeiten, bei der Kindererzieh-
g einen nicht geschlechternormierenden Ansatz zu fahren, sind ja eher gering,
r erste Satz im Dorf, als ich mit dem Baby spazieren ging, kam von einer älteren
fau. Beim Blick auf die Lippenspalte: Oh, ist es wenigstens ein Junge? Dann kom-
ion die Verwandten, Bekannten, die erste Frage ist die nach dem Geschlecht,
ıben wir es nicht gesagt, so ist das eben bei Mädchen, Fruchtlose Debatten
er gesellschaftliche Prägung, die ja auch nur interessant sind für Leute, die
\türlich und Opposition dagegen nur mühsam und sinnlos und im Endeffekt
os. Warum nicht das tun, was naheliegt? Siehst du, mit deinen Autos spielt sie
jen nicht so gerne. An diesem Punkt einen gesellschaftlichen Kampf aufzuneh-
ien, bedeutete auch immer, das Verhältnis zum Kind politisch aufzuladen, anstren-
nd. Ich habe mich dabei dann irgendwann aufs Texten im Hintergrund be-
/hränkt und ihr gezeigt, wie das mit dem Kämpfen geht für die Notfälle. Dieser
spruch an ein Kind, die Erwartungen eines verrückten queeren Lebensmodells
üllen zu sollen, bedeutet ja so etwas wie einen Freak zu produzieren in einer
Yelt, die damit nicht klar kommt.
nzwischen leben wir in einem Projekt, das doch irgendwie mit dem Label „queer“
yimpathisiert, also ein Umfeld, in dem ich nicht mehr für meine Haltung kämpfen
huss. Aber in der Realität sind „natürlich“ die Peorgroup an der Schule, Bravo,
‚chülerVZ und die aktuellen Kinofilme viel einflussreicher als einmal die Woche
ine langweilige Kneipe unten im Haus, wo die Erwachsenen sich in ihrer queeren
ommunity auf Kontaktsuche begeben, unlesbare Pultmagazine diskutieren und
labei rauchen wie die Blöden...
JECKO NEUMCKE
freischaffender Hausmann in Leipzig.
» Geschenke dementsprechend rosa und Prinzessin. Das Kind merkt, dass DEM LEBEN
» das toll finden und spielt gerne mit den passenden Sachen und siehe da, AUFMERKSAMKEIT
SCHENKEN UND
esellschaft verändern wollen. Wer kein Bedürfnis nach Veränderung hat oder NICHT NUR
inen Weg dahin sieht, für den ist eine gesellschaftliche Vorgabe eben quasi DER EIGENEN DNA.
Ef xog ey4 oprsıno
LL
NaUvaS9
DIE MÄNNLICHE ANGST
Irgendwann ereilt sie wohl jeden heterosexuellen Mann, der sich noch nicht vorstel-
len kann Vater eines Kindes zu werden: die begründete oder auch irrationale Befürch-
tung, es sei beim Sex aufgrund fehlender oder schiefgegangener Verhütung „etwas
passiert“. „Etwas“ meint, die Sexualpartnerin könnte schwanger und man selbst also
in absehbarer Zeit Papa werden. Trotz der enormen Tragweite für das eigene Leben
ist das Thema indes unter Männern im Grunde nicht präsent — und auch für Freund-
innen und Familie sind männliche Gefühle diesbezüglich ein Tabu: „Männer können
(und sollen) nicht über seine Gefühle sprechen.“ Dass die Gedanken und Ängste
- rund um das mögliche Vaterwerden selbst in progressiven Zusammenhängen kaum
eine Rolle spielen, mag unterschiedlichen reichlich antiquierten Vorstellungen ge-
schuldet sein: beispielsweise dass man als Mann einfüch machen und nicht reden soll
- und wenn dann lediglich über den erfolgreichen Vollzug des Aktes an sich. Unter
Freunden gibt man dann den lässigen Typen, der höchstens beiläufig desinteressiert
fragt, ob sie eigentlich die Pille nehme. Damit verknüpft ist die eigentlich längst
überwunden geglaubte Ansicht, Verhütung sei nun einmal Frauensache, ebenso wie
der bedauerliche, naive Glaube einiger Männer, sich einer Verantwortung für DENN IM
mögliche Folgen aufgrund gottgegebener, männlicher Dispositionen beizeiten
entziehen zu können. Konkret wäre hier das Selbstbild des „Lonesome Cow- GEGENSATZ ZU
boys“ oder „Easy Riders“ zu nennen, der, entbunden von banalen alltäglichen NAHEZU ALLEN
Verpflichtungen, ein wildes Leben in der großen, weiten Welt lebt. Die Vorstel- ANDEREN
lung, in den ausschweifendsten Jahren Verantwortung für ein Kind übernehmen BEREICHEN DER
zu müssen, passt da so gar nicht rein - weshalb Mann sich diesem „Konflikt“ am BESEILSCHAFT
sichersten dadurch zu entziehen weiß, den Ort zu wechseln, abzuhauen. ERREICHT DIE
Doch auch wenn sich diese männlichen Einstellungen und Verhaltensweisen
bisweilen als Indifferenz gerieren mögen („Dann zahl ich halt...“), so sind sie „KON TROLL-
doch zugleich Ausdruck und Ursache tiefsitzender und oft geleugneter Ängste FAHIGKEIT“ DES
kinderwunschloser Männer, von denen man eine wielleicht als zentral erachten MANNES BEI DER
könnte: Eng verknüpft mit der genannten „Cowbay"“Problematik ist die weitre- SEXUALITÄT IHRE
ichende Angst vor dem Kontrollverlust, also dem Verlust von Selbstbestimmtheit,
Autonomie, letztlich der eigenen Individualität, Der Gedanke an das plötzliche GRENZEN
Ende eines spontanen, wilden und exzessiven onsstils heißt dabei fast, das
Leben als solches zu verlieren. Denn im Gegensatz zu nahezu allen anderen Bere-
ichen der Gesellschaft erreicht die „Kontrollfähigkeit" des Mannes bei der Sexualität
ihre Grenzen, letztlich hat er nicht mehr wie sonst alle Fäden in der Hand, Neben
einer Sterilisation bleibt das Kondom das einzige Verltitungsmittel, dass Mann aktiv
zur Verhinderung einer Schwangerschaft benutzen kann. Doch dass dieses durch
seine beispielsweise im Vergleich zur Pille recht hohe Fehlerquote zum Unsicher-
heitsfaktor wird, bereitet vielen Männern — bewusst oder unbewusst — Angst,
Ein wesentlicher Faktor ist dabei auch das Maß des Vertrauens in Handeln und Auf-
richtigkeit der Frau: Das reicht dann von der Prage, ob sie die Pille wirklich bzw.
regelmäßig nehme bis zum redundanten frauenfeindlichen Vorwurf, sie wolle dem
Mann sowieso nur heimlich ein Kind „unterjubeln; Diese männliche Angst vor der
unterschwelligen Macht und Bindungslust der Pr, die ihre biologischen Bigen-
schaften zur Kontrollausübung ausnutzt, ähnelt der virulenten Aussage, jede Frau
hätte ihren Mann unter „der Fuchtel“ respektive „dem Pantoffel“.
Jene essentielle Vertrauensunsicherheit oder Zusehreibung typisch weiblicher hin-
tertückischer Verhaltensweisen können denn auch ursächlich für „Schwanger-
schaftsängste“ sein, die bis ins Pathologische relehen = von psychischen Problemen
wie zwanghafter Kontrolle bis hin zum Libidoverlust: Andererseits liegen diesen Än-
gsten natürlich nachvollziehbare Überlegungen zugrunde, die gerade dem aul-
£j xog oy} oprsıng
61
NaSYyaS9
Richard Menke
geklärtesten Mann schlaflose Nächte bereiten können. Denn sollte bei der Verhüt-
ung etwas schieflaufen (Kondom reißt, oh no) unterliegt alles Folgende nicht mehr
seiner direkten Kontrolle, er wird im Grunde handlungsunfähig. Weder kann er über
den Gebrauch der „Pille danach“ entscheiden, noch Informationen über körperliche
Details oder das Einsetzen bzw. Ausbleiben der Tage einfordern, ebenso wenig wie
einen Schwangerschaftstest. Und vor allem hat er kein Recht über eine mögliche Ab-
treibung zu bestimmen.
So richtig diese Überlegungen auch sein mögen, basieren sie nur bis zu einem
bestimmten Punkt auf realen Verhältnissen: Denn zum einen missachten wir damit
die faktische Macht, die Männer über Frauen ausüben (können), in dem sie beispiels-
weise jegliche Form von Gewalt anwenden, um Handlungen und Entscheidungen
zu erzwingen. Zum anderen vergessen wir die auf konstruktive Lösungen bedachten
Aushandlungsprozesse zwischen Individuen, die Teilung von Verantwortung, ge-
AUF DEREINEN SEITE _genseitige Rücksichtnahme und Achtung der Bedürfnisse der anderen. Denn die
DIE ERWARTUNG AN männliche Angst vor Vaterschaft beruht ja vor allem auf der Vorstellung des Un-
DEN MANN wahrscheinlichen: Mann und Frau versichern sich gegenseitig einvernehmlich,
kein Kind zeugen zu wollen und auch alles in ihrer Macht stehende dafür zu tun
B - und trotzdem passiert ein Missgeschick. Entschließt sich die Frau jetzt entge-
ZU UBERNEHMEN, gen der Absprache abzuwarten und das Risiko einer möglichen Schwangerschaft
AUF DER ANDEREN _ einzugehen, so hat der Mann, der sich auf sie verlassen hat, tatsächlich keinerlei
DIE BERECHTIGTE Möglichkeit mehr eine Vaterschaft zu verhindern. Es bleibt ihm nur mehr die
& ABWESENHEIT JEDES Wahl, sich entweder mit seinem „Schicksal“ und damit der Rückstellung seiner
:< individuellen Bedürfnisse und Lebensplanung abzufinden oder sich diverser
2) MITENTSCHEIDUNGS- „Arschlochverhaltensweisen“ zu bedienen (auf „Pille danach“ oder Abtreibung
RECHTS. drängen, sich der Situation durch Abhauen entziehen). Glücklicherweise herrscht
dieses Misstrauen selten und soll hier lediglich das grundsätzliche potentielle Di-
lemma veranschaulichen.
o Dieses wird paradoxerweise gerade aus männlicher pro-feministischer Sicht am
x deutlichsten: Denn natürlich möchte Mann das Recht der Frau, über ihren Körper
& ganz allein zu bestimmen, in keiner Weise infrage stellen und natürlich will man
» keiner der verachtenswerten Idiotentypen sein - es ist ein heikler und äußerst am-
e bivalenter Balanceakt, den man bewältigen muss. Da nach der Zeugung von der Be-
£ fruchtung bis zur Geburt alles ohne den Mann passiert, muss er sich einerseits hinsi-
oO
VERANTWORTUNG
8
chtlich aller eigenen Bedürfnisse zurücknehmen, gleichzeitig aber als „Erzeuger“
ein hohes Maß an Verantwortung übernehmen. Er muss also auf der moralischen
Ebene so tun als befände er sich in derselben Position wie die Frau, ohne jedoch die
letztliche Entscheidung mit zu fällen. Es ist ein oft ausgeblendeter Spagat: Auf der
einen Seite die Erwartung an den Mann, Verantwortung zu übernehmen, auf der
anderen die berechtigte Abwesenheit jedes Mitentscheidungsrechts. Aber wer
möchte verübeln, dass der Fokus nur selten auf diesen Konflikt gerichtet ist?
Schließlich tragen nicht gerade die Männer das größte Risiko oder die meisten Be-
lastungen hinsichtlich des Komplexes um Sex, Verhütung, Abtreibung und Gebären.
Zudem widerspricht bereits die bloße Angst vor Schwangerschaft dem Selbstbild
eines aufgeklärten Mannes. Denn eigentlich hat man ja nicht im Sinn, die Frau mit
Unsicherheiten und Ängsten zu belasten, die sich im weitesten Sinne aufihren Körp-
er beziehen. Und außerdem stehen Emanzipation und Selbstbestimmung ja auch für
ein hedonistisches Leben ohne andauernde existenzielle Sorgen - und Sex für Lust
und ungehemmte Freude statt gefahrvolles Risiko und Quelle mannigfaltiger Ängste.
RICHARD MENKE
Der Autor lebt in Leipzig.
finna Linkerhand
ist das Weib, von dem der Prediger 7 spricht und
‚über das jetzt die Kirche jammert wegen der ungeheu-
ten Menge der Hexen: „Ich fand das Weib bitterer
Als den Tod; sie ist eine Schlinge des Jägers; ein Netz ist
‚Ihr Herz; Fesseln sind ihre Hände; wer Gott gefällt,
wird sie fliehen; wer aber ein Sünder ist, wird von ihr ge-
‚Jüngen werden.“ Es ist bitterer als der Tod, d. h. als der
'eufel. [H. Institoris, Hexenhammer]
‚kleines Kind beobachtet seine Eltern beim lei-
schaftlichen Sex und stürzt anschließend aus
} Fenster. Der Vater, praktischerweise Psycho-
apeut, konzentriert sich ganz darauf, seiner
iernden Frau über den Verlust hinweg zu hel-
Der Versuch, die Trauer und die damit ver-
idlene Angst zu überwinden, führt das Paar in
Waldhütte, wo, wie ein sprechender Fuchs
lindet, das Chaos regiert: Die Natur und ihre
turen schließen
in und Frau in
\ ein. Das Exil
Liebesbezieh-
chen Heilerfolgen als Wahnsinnige, die ih-
Mann nach Leib und Leben trachtet. Um der
‘örung seines Körpers Einhalt zu gebieten,
led igt er sich der Frau mittels Erwürgen und
rt standesgemäßen Hexenverbrennung und
isst den Wald.
s von Triers Antichrist verstörte 2009 in Can-
lie Gemüter. Das Feuilleton stieß sich an den
ssiven Gewalt- und Sexszenen, der überbor-
len Symbolik und der schnell konstatierten
ienfeindlichkeit des Films.! Unter dem Ein-
k besonders des letzten Vorwurfs sollen im
nden einige kritische Schlaglichter auf An-
ist geworfen werden, inspiriert von Adornos
Horkheimers Analysen der Aufklärung und
Preud’schen Psychoanalyse.
Wal wird zur SCHEN TRAUERPAARS BIETET AN, IM
GEGENSPIEL DER BEIDEN PROTA- net werden muss.
GONISTEN DEN GRUNDKONFLIKTDER Pa Naturin diesem
Bitterer als der Tod
Die Tragik der Geschlechter in Lars
von Triers „Antichrist“
Aufklärung
Wer sind der namenlose Mann und die ebenso
namenlose Frau; welche Rollen spielen sie?
Die Konstellation des Trier’schen Trauerpaars bie-
tet an, im Gegenspiel der beiden Protagonisten
den Grundkonflikt der Aufklärung zu erkennen:
die vernunftgesteuerte Beherrschung von Natur,
die erfordert, auch die eigene Natürlichkeit abzu-
spalten, zu unterjochen und zu verdrängen. Als ei-
ne Folge dieses Herrschaftsverhältnisses über die
Natur und über sich selbst wird Natur - letztlich
unbesiegbar, eben weil die Menschen selbst natürli-
chen Ursprungs sind - dämonisiert. Die Angst vor
wunderlichen Naturgeschöpfen und -geistern ent-
spricht einer Wiederkehr des Verdrängten, der wie-
derum mit aufklä-
DIE KONSTELLATION DES TRIER- rerischen Maßnah-
men ä „Gespenster
gibt es nicht“ begeg-
L Zusammenhang
1 die Frau ent- AUFKLARUNG ZU ERKENNEN. stets auch als Weib-
pt sich nach an- liches gesehen wird,
hängen beide Rollen - die des Herrschenden wie
diejenige des zu Beherrschenden - eng mit den
Geschlechtscharakteren zusammen. Der Mann
repräsentiert das Prinzip der Vernunft und des
Geistes; die Frau fällt mit Natur und dem Körper
als der inneren Natur in eins; zusätzlich sind bei-
de, Mann und Frau, als aufgeklärte Subjekte noch
einmal in sich selbst gespalten in Geist und Kör-
per, Verstand und Gefühl, versehen mit dem Impe-
rativ zur Selbstbeherrschung. Das Verhältnis der
Einzelnen zu sich selber ist somit ähnlich gewalt-
förmig und ausbeuterisch wie das der Geschlech-
ter zueinander, die in der bürgerlichen Ehe öko-
nomisch wie als Fortpflanzungsgemeinschaft auf-
einander angewiesen sind und in der romantischen
. B. Wenn zwei sich
häuten im SPIEGEL vom 18.5.2009;
Ein Mann fürchtet „böse“ weib-
liche Sexualität in der WELT vom
19.5.2009; Satan ist eine Frauin
. vom selben Tag.
Ef xog oyı sprsıno
18
NaaYEE9
GEBÄREN
82
Outside the Box #3
Liebesbeziehung immerhin als Gärtner ihres klei-
nen Gefühlsutopiens.
Diese patriarchale Ordnung — patriarchal, weil
sie den Mann als Herrn über die Frau setzt — illu-
striert Antichrist aufs Eindrucksvollste. Werfen
wir einen gründlicheren Blick auf den Mann, des-
sen Rolle ein wenig verblasst vor dem flammenden
Wahnsinn, den seine Gattin im Laufe der Hand-
lung entwickelt. Auf diesen Mann, so normal, ver-
ständnisvoll und fürsorglich er sich gebärdet, ist
das männliche Prinzip wie zugeschnitten, das sich
totalitär, also vernichtend auswirkt, sobald es sei-
ne Abhängigkeit von der Natur negiert: Die Ver-
nunft ist ein eifersüchtiger Gott.
Die Rationalität des Mannes im Film erweist sich
als in höchstem Grade irrational. Es beginnt da-
mit, dass er dem psychotherapeutischen Grund-
satz zuwiderhandelt, nicht nächste Angehörige zu
behandeln, deren Wohl und Wehe mit den eige-
nen seelischen Bedürfnissen eng verknüpft ist.
Folglich passiert, was passieren muss: Er trauert
nicht selbst um den Verlust des Kindes, sondern
reguliert seine Gefühle über die Trauer der Frau.
Indem er ihr ständig mitteilt, in welcher Trauer-
phase sie sich theoretisch gerade befinde und wel-
che folgen werde, versucht er, gut aufklärerisch,
die Angst im Begriff zu bannen, ohne sich auf den
Schmerz seiner Frau emotional einzulassen. Um
die abspaltende Übertragung zum Erfolg zu zwin-
gen, grenzt er sich auch von ihrem Körper ab: Er
verweigert ihr den Beischlaf, den sie vielleicht des
Trostes wegen anstrebt, mit dem erzieherischen —
und psychologisch wohl kaum haltbaren — Hin-
weis: „Es wäre das Schlimmste, was ich dir jetzt
antun könnte.“ Dass er mit diesem scheinbar un-
eigennützigen Verzicht sowohl die Kontrolle über
die partnerschaftliche Sexualität übernimmt als
auch seine eigene Trost- und Schutzbedürftigkeit
verleugnet, kommt ihm nicht in den Sinn.
Hexentum
Im Paradigma dieses Geschlechterverhältnisses
betrachtet, nimmt es nicht wunder, dass der
Mann sich nicht recht zu freuen vermag, als seine
Bemühungen, die Frau von ihrer Trauer zu kurie-
ren, anzuschlagen scheinen und sie lächelnd ver-
kündet, es ginge ihr besser. Ihre wiedergewonne-
ne Fähigkeit, die Vormundschaft über sich und ih-
ren Körper zu übernehmen, macht sie ungeeignet
zum Übertragungsobjekt und wirft den Mann auf
sich selbst, auf seine verdrängte Emotionalität zu-
rück. Genau in diesem Moment des Zurückge-
worfenseins geschieht es, dass der Fuchs zu ihm
spricht und ihm zu verstehen gibt, dass auch seine
Korinna Linkerhand
Wahrnehmung anfängt, die gewohnten Bahnen zu
verlassen.
Es hängt wohl mit dieser Verschiebung der Kräfte
innerhalb der Paarbeziehung zusammen, dass die
Frau urplötzlich einen irren Schritt geht: Adäquat
zu den Therapieversuchen des Mannes, übernimmt
sie seine Zuschreibung und erklärt sich zur Ver-
rückten, Irrationalen, Triebgesteuerten. Da sie vor
Jahren im Rahmen ihrer - schließlich abgebroche-
nen — Dissertation über die frühneuzeitliche He-
xenverfolgung geforscht hat, geht sie noch wei-
ter und verkündet: „Alle Frauen sind böse.“ Der
Mann versucht ihr diesen Aberwitz auszureden,
doch vergebens: Am eigenen Leib erfährt er, dass
die unberechenbare, unheimliche Gefährlichkeit
der Natur - von der die sich abnorm verhaltenden.
Tiere und die Eicheln zeugen, die nachts über
Hüttendach kollern — auch von seiner Frau aus-
geht.
Manisch versucht sie, ihn zum Sex zu bewegen.
Als Verführung nicht mehr ausreicht, ihn sich zu
unterwerfen, bricht sich ihr Zerstörungswille
Bahn: Sie zerschlägt seine Hoden mit einem Ham-
mer und durchbohrt sein Bein mit einem Metall-
stab, an dem sie einen Schleifstein befestigt, so-
dass er nicht mehr weglaufen kann. Das Werkzeug
erinnert dabei auf pervertierte Weise an die äl-
testen Instrumente menschlicher Naturbeherr-
schung: die Bearbeitung natürlichen Materials mit
eigens dafür zurechtgesäbelten Steinen und Klöt-
zen. — Diese splatterartigen Einstellungen för-
dern zutage, was die Beziehung zwischen Mann
und Frau in von Triers Lesart mit sich bringt: Die
enge Verquickung von Sexualität und Gewalt im
Film offenbart sich spätestens an der Stelle, an
der das gefolterte Genital des Mannes Blut ejaku-
liert.
Paradox genug, dass historisch ausgerechnet der
Gottesglaube als Triebfeder aufklärerischer Be-
mühungen gewirkt und damit den schlimmsten
Aberglauben befördert hat. Der Hexenhammer des
Dominikanermönchs Heinrich Institoris (1486) ist
ein eindrückliches Zeugnis von der Angst der Auf-
klärer vorm Weib und dessen verderblichem Ein-
fluss auf die Integrität des sich konstituierenden
männlichen Subjekts: ein Einfluss, der sich in ers-
ter Linie in sexuellen Dingen bemerkbar macht.
Der fanatische Inquisitor Institoris behauptet, dass
die Hexe — wiewohl gleichfalls imstande, Krank-
heit und wirtschaftlichen Niedergang herbeizu-
zaubern — sich vorrangig damit vergnüge, ihr
männliches Opfer zum Beischlaf zu verführen
oder aber ihm den Penis bzw. die Potenz fortzuhe-
xen. Im Zusammenhang damit legt er ihr zur Last,
die Empfängnis zu verhindern oder die Leibes-
Inna Linkerhand
zu behelligen, sich also die Macht über
ung, Schwangerschaft und Geburt anzueig-
Im Pakt mit dem Teufel stehend, sei sie ge-
ie göttliche Ordnung verschworen.
Psychoanalytiker Bernd Nitzschke schreibt
In seinem famosen Buch Der eigene und der
le Körper: „Die Sexualität war seit jeher der
ind der Zauberei. Insofern hatten die Inqui-
n recht, wenn sie die Fleischlichkeit, die Sin-
it, das Begehren als den Bezirk bestimmten,
ın Dämonen beherrscht wird. Selbstbeherr-
ing und Abgrenzung sind dem gegenüber Mit-
den Zauber und die Magie zu bannen. |...]
lie Inquisitoren lehren und fordern, das ist —
itbeherrschung. Im Be-
hiber dem Körper der
ischheit sind Mittel der
ht, zunächst der Macht über den eigenen Kör-
später der Macht über den fremden Körper,
eit der nun — anstelle des eigenen — Erregun-
terworfen werden kann, und seien es solche
Schmerzes.“
| man diese inquisitorische Logik zugrunde,
it von Triers Protagonist mit seiner so päda-
‘isch daherkommenden Zurecht- und Zurück-
ung nichts anderes als später seine Frau mit
ı sadistischen Verstümmelungen. Sie schlägt,
'scht und durchbohrt seinen Körper, um sich
zu retten: vor der Natur, der überbordenden
fzweiflung nach dem Tod ihres Kindes. Weil die
it ebenso Subjekt ist wie der Mann, in sich ge-
Iten in beherrschten Körper und herrschenden
‚st, werden die Rollen des Antichristen wie des
fistus, also des Aufklärers, in gewisser Weise
fauschbar. Das ändert jedoch nichts daran, dass
Frau auf den Antichristen abonniert bleibt —
auch die Gestaltung des Filmtitels auf Kino-
ikat und DVD verrät: Der letzte Buchstabe des
rtes „Antichrist“ wird als Weiblichkeitssymbol
lergegeben (ein Zeichen, das interessanterwei-
las christliche Kreuz enthält). Beide, Frau wie
n, finden nicht heraus aus dem Zirkel des Be-
schen-Müssens; wobei die Frau von Anbeginn
schlechteren Karten hat.
» Identifizierung mit der malträtierten Natur
igt deutlich heraus, wenn die Frau dem Mann
ohtszuflüstert: „Ich hörte das Weinen und Schrei-
all der Dinge, die sterben müssen.“ Die Dele-
ng. der naturhaft-endlichen Körperlichkeit an
% Frau bringt die Annahme mit sich, dass die-
|be auch dem Tod näher stehen müsste (und ihn
ich herbeizuführen trachtet). In Antichrist
-Askese, Verzicht und DER ZAUBEREI.
ist die Frau nicht allein „bitterer als der Tod“, son-
dern der Tod selbst. Dass der Mann sie schließ-
lich umbringt, auf rasche, unspektakuläre Weise,
ist mithin Notwehr, nicht Mord.
Er und Sie
Bei dem Paar in Antichrist handelt es sich nicht
um die psychopathologischen Realitäten eines
spezifischen Mannes und einer spezifischen Frau
in einer spezifischen Paarbeziehung. Da die bei-
den ohne Namen bleiben, werden sie zu Repräsen-
tanten ihres Geschlechts und ihre Beziehung wird
dargestellt als die Beziehung zwischen Mann und
Frau schlechthin, sozusa-
en aber geht es um DIE SEXUALITÄT WAR gen archetypisch geprägt
\bgrenzung des Mannes SEIT JEHER DER URGRUND von geschlechtscharakteris-
tischen Eigenschaften, se-
xueller Anziehung, Macht-
kämpfen und der Definition
als Fortpflanzungsgemeinschaft. Die Überzeit-
lichkeit und eigentliche Ortlosigkeit des Gesche-
hens gipfeln in der Benennung Eden für die Hüt-
te in einem geographisch nicht näher bezeichneten
Wald; „Eden“ und die Schöpfungsgeschichte sind
folglich kein zusätzliches Deutungsangebot, das
sich über ein realistisch in Raum und Zeit veror-
tetes Geschehen legen würde, sondern anthropo-
logische Konstanten, denen nicht zu entrinnen ist.
In psychoanalytischer Interpretation steht die Ver-
treibung aus dem Garten Eden als Chiffre für die
Loslösung von der präödipalen Frau, der nähren-
den Allmutter. Das göttliche Verbot, je wieder das
Paradies zu betreten, konstituiert auf tragische
Weise die menschliche Sexualität und dasasymme-
trische Verhältnis der Geschlechter zueinander.
Gott vertreibt Adam (hebräisch „der Mensch“)
aus dem Paradies, weil er, entgegen Gottes Ge-
bot, der Verführungskraft Evas erlegen ist, und be-
straft ihn mit Arbeit: der Notwendigkeit, sich im
Dienste seines Überleben körperlicher Mühsal zu
unterwerfen, ergo seine Körperlichkeit, seine Trie-
be, seine Natur zu disziplinieren. „Im Schweiß
deines Angesichts sollst du dein Brot essen“
(Genesis 3,19). Das paradiesisch-kindliche Schla-
raffenland wird abgelöst von der Plage, der Na-
tur mittels Ackerbau und Viehzucht das Lebens-
notwendige abringen zu müssen.
Evas Fluch hingegen besteht in der Unterwerfung
unter den Mann. „Unter Schmerzen sollst du dei-
ne Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach
deinem Manne sein; und er soll dein Herr sein“
(Gen. 3,16): Die Erschaffung des Menschen liegt
ferner nicht mehr in Gottes Hand, sondern voll-
zieht sich in kreatürlicher Gebrechlichkeit -
£/} zog oy4 Sprsıno
%:]
NIYVIHD
GEBÄREN
84
Outside the Box #3
durch Sex und Geburt. Die Sexualität wird zum
Daseinsgrund der Frau und macht sie gleichzeitig
abhängig vom Mann; und der Geburtsschmerz
wird zur großen, schwächenden Last auf den
Schultern der erniedrigten Frau. Freud drückt
sich in seinen Untersuchungen der weiblichen Li-
bido sehr klar aus: Die Frau wird psychisch erst
zur solchen, wenn sie gelernt hat, ihr Sünderin-
nenschicksal anzunehmen und ihre eigenen Ge-
lüste nach Macht und Befriedigung denen des
Mannes unterzuordnen. Der jedem Mädchen ei-
gene infantile Penisneid — die ohnmächtige Wut
und Sehnsucht nach der höheren Machtstellung
der Jungs und Männer - soll dem Bedürfnis nach
passiver Hingabe und ausschließlich vaginaler
Lustfähigkeit weichen. Nicht umsonst beginnt
Antichrist mit der Darstellung eines solcherart
interpretierten Urakts des
Lebens: der Penetration
der Frau mit dem Penis.
DER HOFFNUNGSLOSE
AUSGANG VERKÜNDET UNAB-
Korinna Linkerhand
schuld und exzessiver Schuld, zwischen Täterin
und Opfer; von der verwaisten Mutter und gehor-
samen Partnerin wird sie zur Schinderin ihres
Mannes. Von Triers Dialektik der weiblichen Ge-
walt zeigt: Die Masochistin ist nur die Umkeh-
rung der Sadistin und trägt diese schon in sich.
Jener Umschlag zeigt sich im Fall des Antichrist
in der Haltung der Frau gegenüber ihrem - männ-
lichen — Kind: Aus dem Autopsiebericht erfährt
der Vater, dass die Fußknochen des Kindes leicht
verformt waren, und erinnert sich daraufhin an
die gelegentliche scheinbare Nachlässigkeit der
Mutter, dem Kleinen die Schuhe seitenverkehrt
anzuziehen; womit sie ihrem Kind — das später
die Hinterhältigkeit besitzen wird, sich umzubrin-
gen - die Bocksfüße des Teufels oder des Dionysos
antrainiert, die beide Ge-
genspieler des vernunft-
geleiteten Gottes sind. In
der Retrospektive wird
Auffällig, dass das Eden ÄNDERLICHE WAHRHEITEN somit deutlich, dass die
im Film, entgegen der bi- ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON Frau das Kind in ihre
blischen Erzählung, den
nachparadiesischen Zu-
stand der Verworfenheit
beider Menschen illustriert - möglicherweise ein
Hinweis auf die Aussichtslosigkeit, sich von der
Erbsünde und dem daraus resultierenden Krieg
der Geschlechter zu emanzipieren, der hier im-
merhin in der Tötung der Frau resultiert. Der
Mann verlässt Eden allein, als reichlich mitge-
nommener Überlebender.
Unschuld
In Antichrist nimmt Lars von Trier das Motiv der
leidenden Frau wieder auf, wie es sich bereits in
Medea (1988), Breaking the Waves (1996), Dancer
in the Dark (2000) und Dogville (2003) findet.
Wie in jenen früheren Filmen kann der Fokus
gerade auf die ursprüngliche Unschuld der Haupt-
darstellerin gelegt werden, auf ihre tragische Ver-
strickung in ein Geschehen, das sie erst zur Ge-
walt treibt — manches Mal sogar, wie die herz-
zerreißende Selma in Dancer in the Dark, zum
Selbstopfer. Die Gewalt, deren die Frauen plötz-
lich fähig werden, ist freilich krass: Die beraubte
Selma erschießt ihren Nachbarn, den diebischen
Polizisten; die vergewaltigte Grace rächt sich an
den Bewohnern Dogvilles, indem sie die Auslö-
schung des Örtchens veranlasst. Selmas und Gra-
ce’ genuine Unschuldigkeit gewinnt dadurch eine
dämonische Dimension.
Auch die Protagonistin in Antichrist entspricht
diesem Frauenbild, sie bewegt sich zwischen Un-
MANN UND FRAU.
antichristlichen Umtrie-
be einbezogen hat. Die
Reaktion des Kindes be-
zeugt dessen Unbehagen: Die Mutter beklagt, dass
der Junge während eines früheren Aufenthalts in
Eden - zu der Zeit, als sie an ihrer Hexenarbeit
schrieb — immer von ihr weggelaufen sei.
Trotzdem bildet der Tod des Kindes (das zumin-
desteinen Namen hat, Nic) die Leerstelle des Films.
Ob der Dreijährige tatsächlich Selbstmord began-
gen hat, bleibt offen. Das schreckliche Ereignis
kommt eher wie ein Unfall daher, an dem niemand
schuld sein könne; weshalb auch die Schuldzuwei-
sungen der Frau — zuerst an den Vater, dann an
sich gerichtet — ins Leere laufen. Man muss Lars
von Triers Drehbuch zugute halten, dass in der
anfänglichen, objektiven Darstellung des Fenster-
sturzes die Frau keinen Einfluss auf das Verhal-
ten des Kindes hat, was ihre späteren Schuldphan-
tasien als Phantasien einer von Trauer gequälten
Mutter bestätigt.
Gegen Ende des Films richtet sich ihre Trauer in
all ihrer Destruktivität gegen sie selbst; sie schnei-
det sich, in einem letzten und als masturbatorisch
dargestellten Akt, die Klitoris heraus - als ein ul-
timatives Schuldeingeständnis und als Akt der
Selbstbestrafung. Die Abtrennung ausgerechnet
dieses Körperteils, des Sitzes der weiblichen Or-
gasmusfähigkeit, mithin des Sündigens, kann als
Versuch gesehen werden, die Unschuld wieder-
herzustellen.
inna Linkerhand
ch diesen Umbögen bleibt die Frage: Folgt von
"rs Film den altbekannten Rechtfertigungen
‚F'rauenunterdrückung; steht er in der Traditi-
‚der Bibel und des Hexenhammers, des Ratio-
lismus der europäischen Aufklärungsbewegun-
, der stets auf Kosten der Frauen ging — oder
n man ihn als Kritik durch Darstellung im
ine der Kritischen Theorie verstehen, also eine
eption voraussetzend, die das Dargestellte in
er Kritikwürdigkeit erkennt und daraus klü-
ird?
letztere Herangehensweise stellt hohe Ansprü-
an den kritischen Sinn der ZuschauerInnen;
inläuft Gefahr, eine unsympathische Anhänger-
laft anzulocken. Vom Standpunkt der Zuschau-
ı verhielte es sich dann ähnlich wie beim Ki-
teignis Borat vor einigen Jahren, einem Film
durchaus guter, aufklärerischer Intention: Das
lisement über die dokumentarisch dargestellte
immheit vermischte sich mit dem Ärger über
Dummheit einiger anderer KinobesucherlIn-
, die unbeschwert den Antisemitismus US-ame-
nischer Provinzler auf der Leinwand be-
ten — schließlich kriegt man im Kino nicht
Judenwitze zu hören.?
© solche dysfunktionale Rezeption wäre in
chen Fällen zu verorten, in denen dem Film
Ichrist Frauenfeindlichkeit vorgeworfen wird.
Rezensent übernimmt die Sichtweise des Man-
‚oder, im Fall Bosrats, die des amerikanischen
nzlers; dieser Sicht folgend ist es die Frau
‚sind es die Juden, die nicht mehr alle Tassen
schrank haben. Ist man auf dieses Identifikati-
ngebot eingegangen, wird man genötigt, An-
nitismus und Antifeminismus am Werk zu se-
vermute, die quasi-feministischen Reaktionen
Antichrist sind gefärbt vom allzu gewohnten,
u normalen patriarchalen Blick auf das von
sche Paar. Wer die Bedrohtheit des Film-Man-
durch die dämonische Frau kritisiert, wer sich
lich auf die Frau fokussiert, vernachlässigt den
'k auf den rationalen Wahnsinn dieses Mannes,
normalen, völlig gesellschafts- und rollenkon-
hen, und betrachtet auf diese Weise nur die ei-
seite der Tragödie. Die Grausamkeit und von
herein verzweifelte Lage auch des männlichen
agonisten, der von seiner Emotionalität und
om körperlichen Erleben abgeschnitten ist,
it dabei ungesehen. Bezieht man diese Aspek-
ingegen ein, illustriert Antichrist das grandio-
©heitern der männlichen Aufklärung, im Weib
das Böse austreiben zu wollen; eine Anstrengung,
die erst das Böse heraufbeschwört.
Fehl geht meiner Meinung nach auch eine Inter-
pretation, die an Antichrist die geschlechtsspezi-
fischen Zuschreibungen kritisiert, deren prominen-
teste diejenige von Frauen als Hexen ist - als gäbe
es diese Identifikationen nicht, als wären sie haupt-
sächlich Kopfgeburten des Lars von Trier und
nicht gesellschaftliche Realität. Dabei existiert ein
weiblicher Geschlechtscharakter, der, durch männ-
liche Zuschreibung entstanden, gesellschaftlich
äußerst wirkmächtig ist. Frauen sind, bis auf den
heutigen Tag, notwendig auf Sexualität und den
Körper als Natürliches verwiesen, weil dieses Ge-
schlechterbild patriarchale Realität ist. Im Namen
irgendeiner Aufklärung diese weibliche Partiku-
larität zu verleugnen, die bis in die banalste All-
tagserfahrung der meisten Frauen hineinreicht,
wäre größter Unfug, Daher müssen sich Kunstwer-
ke, denen es um die Problematik der Geschlech-
ter zu tun ist, immer wieder mit den altbekannten
Bildern auseinandersetzen und deren zerstöreri-
sche Abgründe ausloten, um zu zeigen, wie sie
funktionieren, und vielleicht, um Auswege aufzu-
zeigen: auf individueller oder gesellschaftlicher
Ebene. Anders kann die fatale „Spaltung von Men-
schen in Männer und Frauen“ (Alice Schwarzer)
nicht überwunden werden.
Nichtsdestoweniger legt der Film eine frauenfeind-
liche Sichtweise nahe: Der hoffnungslose Ausgang
verkündet unabänderliche Wahrheiten über das
Verhältnis von Mann und Frau. Von Triers extreme
Zuspitzung und Verabsolutierung des patriarcha-
len Normalzustands erlauben keine Alternativen.
Die Geschlechter erhalten keine Chance, sich an-
ders zu verständigen als über nackte Gewalt, sie
kommen kein Stück aus ihrer Haut; auf diese Weise
driften sie ins Essenzialistische. Der Mann ver-
lässt den Schauplatz seiner Qualen mit dem Wis-
sen, dass die Frau Satan ist, bis in den Tod fest-
gelegt auf ihre zerstörerischen weiblichen Eigen-
schaften.
Mit dem Genre des Horrorfilms liebäugelnd, ver-
längert Lars von Trier das Schreckliche und Jäm-
merliche im Verhältnis der Geschlechter zueinan-
der in alle Ewigkeit. Das ist umso unerfreulicher,
als es sich immerhin um ein Verhältnis handelt,
dass den Männern das Phantasma Frau bitterer
macht als den Tod — zum größeren Schaden der
Frauen.
KORINNA LINKERHAND
lebt, studiert und schreibt in Leipzig.
2 Überhaupt bleibt fragwürdig,
inwieweit es sinnvoll ist, sich
an die Intention eines Kunst-
werks zu klammern - wenn es ei-
gentlich darum geht, sich über
rassistische und sexistische
Ausuferungen in Film und Fernse-
hen zu vergnügen, der eigenen,
tief verankerten gesellschaft-
lichen Konditionierung gehor-
chend. Ähnlich steht es um jene
als Trash ausgewiesene Rezep-
tionsweise, die sich die gesell-
schaftskritisch ambitionier-
ten Fans von Formaten wie Frau-
entausch und Germany’s Next
Top Model gern unterstellen: Die
(meines Erachtens durchaus
verzeihliche) Freude am Sexismus
wird gerechtfertigt mit der
Haltung, das Ganze lediglich in
seiner kapitalistisch-menschen-
verachtenden Scheußlichkeit
unterhaltsam zu finden; bis irgend-
wann die Schmerzgrenze erreicht
ist. Doch das nur nebenbei
bemerkt und in Absehung von
Antichrist, der den meisten Gemü-
tern wohl zu schwerverdaulich
wäre für ein vorrangig voyeuri-
stisches Konsumieren.
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rina Zimmerhackl
oves like she don‘t care
as silk, cool as air
It makes you wanna ery!
Bilder
iz, Uffizien. Ich wandere durch die ersten paar
imsräume und betrachte die mittelalterlichen
ir. Alles blinkt vor lauter Gold, statische Kör-
llen die Bilder aus, oft nur durch Details und
Önner genau einzuordnen. Auch Maria ist un-
en, mehrmals. Sie hingegen ist leicht zu er-
tdasgängige Bild. Holzschnittartige Kontu-
hreiben flache Körper, die fast geschlechts-
ten und unter den sie umhüllenden Klei-
füst verschwinden. Der Stoff bleibt starr, die
fest, ein großer, flacher Kreis umstrahlt
leiligenschein das Mutter-Kind-Paar. Alles
nt in einer Zweidi-
lonalität gefangen, ge-
Das Bild ist voller
her Insignien und
Verzierungen; es ist überlebensgroß und Ma-
ickt mich von schräg oben an. Ihr Blick ist
ichzeitig nach innen und nach außen ge-
t: In einem Moment schaut sie mich direkt
nächsten ist sie abwesend und undurch-
‚lich. Ihre Augen machen Maria inmitten der
n und starren Ausgestaltung lebendig. Sie ist
‚ Theotokos — die Gottesgebärende —, unbe-
‚undrein, aber, und das eröffnet mir ihr Blick,
auch menschlich und körperlich präsent.
Thronende Haltung, das Kind auf dem.
Maria (Theotokes)
Deutlich zeichnen sich bei ihr unter dem Gewand
die Brüste ab und verstärken diesen Eindruck. Es
ist diese sich der Überhöhung widersetzende Herb-
heit, die berührt und die ich als Individualität und
Gegenwärtigkeit erfahre. Die Geschichte des Bil-
des ist dadurch geprägt: Die Intensität der Ognis-
santi-Maria wurde im 14. Jahrhundert „reguliert“,
indem man ihr Gesicht übermalte, um die Direkt-
heit in Blick und Ausdruck zu mindern und Maria
damit in die für sie ersinnte Sphäre zu weisen.
Der Weg durch die Museumsräume bringt mich
weiter, führtmich durch die Bildergeschichte christ-
licher Kunst hin zu einem Raum voller Bilder von
Filippo Lippi. Verschiedene Frauendarstellungen
sind zu sehen, meist Maria mit Kind in verschie-
denen Posen. Während ich vor einem der Bilder
stehe, überkommt mich ein Gefühl von Erkennt-
nis: Das Gefühl, die Bildwerdung einer „mythi-
schen Weiblichkeit“ gese-
hen zu haben, denn in den
Ehinei z SIE IST MARIA, THEOTOKOS ae ah
I, hineingezwängt. r Bildern von Lippi erblicke
s Madonna aus Og- - DIE GOTTESGEBARENDE -, ich eine »vollkommene« Ma-
ti? ist eines dieser UNBERÜHRT UND REIN, ria, naturverbunden, sanft,
‚ das jedoch heraus- 2 weich und von engelhafter
I: Vor goldenem Hin- ABER, UND DAS EROFFNET Anmut. Die ae mit
d sitzt Maria mit MIR IHR BLICK, SIE IST Kind und zwei Engeln?° sitzt
ssusknaben, erhaben, AUCH MENSCHLICH UND auf einem Schemel, ihre
er Schar Engel um- KÖRPERLICH PRÄSENT. Hände zur Andacht gefal-
tet. Zwei Engel halten das
Jesuskind, das seine Hände
zu Maria reckt. Im Hintergrund ein Marmorrah-
men, der den Blick freigibt auf ein Stück Natur. Zu
sehen ist eine hügelige Landschaft, ein paar Felsen
im Vordergrund, auch diese begrünt. Doch die Na-
tur entspringt der Vorstellung des Künstlers, ist ei-
ne Mischung aus abgezeichnetem „Heiligen Land“
und italienischer Landschaft. Ins Bild eindringend
ist diese Natur keine an sich natürliche, sondern,
im Gegenteil, ein Konzept ihrer selbst, das sich in
diesem Bild vereint mit einem bestimmten Bild
1 Blondie: Maria.
2 Giotto di Bondone: Die Madonna
aus Ognissanti (auch:
Ognissanti-Madonna), Tempera auf
Holz, 325x204 cm, um 1310.
3 Filippo Lippi: Madonna col
Bambino e angeli (dt.: Die
Madonna mit Kind und zwei En-
geln), 92x63 cm, 1465.
4 Man malte das „Heilige Land“
meist nach Büchern mit Kopier-
vorlagen, denn die meisten Künst-
ler konnten damals (aus finanzi-
ellen Gründen) nicht nach Israel
reisen, um die Landschaft vor
Ort zu studieren.
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68
NaUyaS9
GEBÄREN
90
Outside the Box #3
5 Die Geburt der Venus zeigt
die Ankunft der Venus, die in ei-
ner Muschel schwebend vom
Meer ans Land getrieben wird;
Der Frühling inszeniert das
allegorische Erwachen der Natur
und zeigt einen Paradiesgarten
mit einer Reihe von verspielten,
teils tanzenden, nur leicht
umhüllten Figuren.
6 Albrecht Dürer:
der Birne, Mischtechnik auf
Holz. 43%32 em, .1526.
Maria mit
7 HLD 4,1-7 [LUT]
oder einem bestimmten Konzept von Frau und
Mutter, wie man es heute kennt. Es ist dieses ande-
re Bild, das abstrakte Bild einer Mutter und Frau,
das mich aus dem Bild Lippis heraus ansprang:
Maria sitzt anmutig, ihr Blick ist gesenkt, nach in-
nen gerichtet. Von dem Schemel, auf dem sie sitzt,
ist nur ein Detail sichtbar: eine Armlehne, orna-
mental geschwungen und mit Schnitzereien ver-
ziert, darauf liegend ein kleines Kissen, das aus
Brokat zu sein scheint und fast die Farbe der Arm-
lehne hat. Gemeinsam ergeben sie eine organisch
geschwungene Form, die an einen Schwan oder an
ein sich zusammenrollendes Schneckenhaus erin-
nert. Die ornamentale Form ist sich rein ästheti-
scher Selbstzweck und verschlüsselt den Inhalt, der
Schnörkeldes Schemels verweist jedoch (auch durch
seine Materialität) noch auf die Wucherung einer
natürlichen, organischen Form. Diesem organisch-
natürlichen Wachstumsprozess ist der Schemel
nachempfunden, erist verstecktes Zeugnis der (Re-)
Konstruktion von Natur, eine Bearbeitung von Na-
tur, einer Idee von Natur, die sich eben auch in
der Darstellung der Natur und Mariens wieder-
findet.
Die Farben sind gedeckt, Blau- und Ocker- bzw.
Rottöne bestimmen das Bild, der Hintergrund ist in
gedämpften Grüntönen gemalt; hell heraus leuch-
ten einzig die Köpfe von Maria und dem Jesuskna-
ben. Die Heiligenscheine bestehen nur noch aus ei-
ner zarten Linie und scheinen fast verschwunden
zu sein. Marias Kopftuch ist nur noch ein Hauch
von Farbe, umschwebt transparent-transzendent
ihren Kopf, der in feinen, aber klaren Konturen ge-
zeichnet ist. Die Leichtigkeit von Heiligenschein
und Kopfschmuck werden durch ihr wuchtiges Ge-
wand kontrastiert. Massiv umhüllt dieses ihren
Körper, verschluckt ihn fast gänzlich. Das latent
sexuell-körperliche, das in Giottos Madonna noch
auftaucht, ist hier vollkommen verschwunden;
Reinheit, Natürlichkeit und zärtliche Anmut be-
stimmen Maria und lassen sie zur Ikone mythi-
scher Jungfräulichkeit werden.
Wieder werde ich weiter durch die Räume gelei-
tet, vorbei an Botticellis Die Geburt der Venus
und Der Frühling’, Inbegriffe der Inszenierung
des weiblichen Idealkörpers, hin zu einem kleinen,
unscheinbaren Bild. Dürers Maria mit der Birne®
zeigt eine einfach gekleidete Frau, die auf dem
rechten Arm das (Jesus-)Kind trägt, in der ande-
ren eine Birne, der Hintergrund ist flächig, dunkel.
Marias nach unten gerichteter Blick ist uneindeu-
tig. Einerseits scheint er auf das Kind gerichtet,
das in seiner linken Hand eine einfache Blume
hält, aber er fällt auch ins Leere und lässt sie ab-
wesend und in sich gerichtet erscheinen. Heiligen-
schein, Kopfschmuck oder anderweitige, sie als Ma-
ria ausweisende Insignien scheinen auf den ersten
Katharina Zimmerhackl
Blick zu fehlen: Maria tritt mir hier schlicht als
Frau und Mutter entgegen, als sei sie dem Alltags-
leben und seiner weltlichen Einfachheit entsprun-
gen. Ihre runden, weichen Züge strahlen Mütter-
lichkeit und körperliche Nähe aus, einzig ihr
doppeldeutiger Blick zeigt eine Abwesenheit und
deutet auf Maria als Heilige hin. Denn in ihrer
überbordenden Körperlichkeit, in ihren wallenden
Locken und dem rundlichen Gesicht mit den molli-
gen, herzförmigen, rot leuchtenden Lippen scheint
ein Widerspruch auf: Gestik, Ausdruck und Sym-
bolik verweisen Maria ins Paradiesische, die sym-
bolische Frucht und die Sinnlichkeit der Erschei-
nung lassen an die Lobpreisungen im Hohelied
Salomos denken, die oft genug mit der Gottesmut-
ter in Verbindung gesetzt wurden:
„4,1 Siehe, schön bist du, meine Freundin. Siehe, du bist
schön! [...] Dein Haar ist wie eine Herde Ziegen, die
vom Gebirge Gilead hüpfen. [...] 4,3 Wie eine karmesin-
rote Schnur sind deine Lippen, und dein Mund ist
lieblich. Wie eine Granatapfelscheibe [schimmert] deine
Schläfe hinter deinem Schleier hervor. 4,4 Dein Hals
ist wie der Turm Davids, der rund gebaut ist. Tausend
Schilde hängen daran, alles Schilde von Helden. [...]
4,7 Alles an dir ist schön, meine Freundin, und kein Ma-
kel ist an dir.“
Erotische Allegorik durchzieht das Hohelied, ein
Lobgesang physisch und geistigerfahrener Liebe —
der Liebe Gottes zu den Menschen. Maria, die
Makellose (ja, die Unberührte!) wird so zum Ge-
genstück der sündigen Eva. Sie ist es, die den hoff-
nungsvollen Blick auf reine Unschuld und Wieder-
gutmachung des Sündenfalls wieder ermöglicht,
denn sie ist der „verschlossene Garten“, sie trägt
(mit und durch ihre Liebe) das Paradies in sich.
Alsich nach dem Besuch der Uffizien begann, mich
mit dem Marienbild zu beschäftigen, versuchte ich
zwanghaft, innerhalb der vielen Darstellungen ei-
ne Systematik zu finden. Um die Materialfülle zu
bändigen und ein klareres Bild zu bekommen, stu-
dierte ich die sich wiederholenden Bildtypen und
die verwendete Symbolik. Es ergab sich zwar ein
Zusammenhang, aber er schien nicht wirklich et-
was sichtbar zu machen. Mehr und mehr schienen
sich die Bilder zu widersetzen und es war klar, dass
ich darin nicht ein Allgemeines, Zusammenhän-
gendes finden konnte, sondern mich dem Besonde-
ren, dereinzelnen Maria und ihrer Darstellung zu-
wenden musste. In der Kunst ist sie viele Frauen
gewesen, viele Mütter und die Einzige zugleich, sie
war zärtlich und abweisend, anwesend und abwe-
send, sie ist heroische Gottesgebärende und sorgen-
de Mutter, sie posiert im Paradies und im Elend,
ist Königin und Mädchen zugleich. Sie wandert
durch die Jahre wie Woolfs Orlando, verschwin-
det, taucht wieder auf, doch wechselt sie nicht ihr
Geschlecht, sondern ihr Antlitz.
Arina Zimmerhackl
jÖsition Pasolini: Ein übergroßes Gesicht auf der
and, den Blick nach oben gerichtet, das eben-
ve Gesicht durch ein schwarzes Kopftuch ein-
hmt. Wir betrachten sie von leicht oben, ihre
wackeln, wirken verunsichert, weiche, kind-
Züge bestimmen das Bild der Maria, die wir
‚sehen. Sie ist deutlich angelehnt an Jahrhun-
» gemalter Tradition. Gegenschnitt auf Joseph
es, den sie anblickt), dessen zuckende Ge-
Iszüge Fassungslosigkeitundinnere Unruhe ver-
1. Er zweifelt. Erneute Großaufnahme, Maria
ihre Augen, Joseph blickt sie noch einmal
rnd an, und wendet sich ab. Ganzkörperaus-
\itt, deutlich zeichnet sich der Bauch der schwan-
Maria unter ihrem einfachen Gewand ab.
ıph verlässt sie, Marias Blick folgt ihm. Ohne
>, sprachlos also, beginnt der Film und erzählt
so viel. Die erste Einstellungsfolge von Paso-
s Verfilmung des Matthäus-Evangeliums? zeigt
Maria und Joseph inmitten einer kargen und
Inigen Landschaft mit ärmlicher Steinhütte. Es
uns auch ein neues Bild der Maria: Dem stil-
‚Bildder Malereitreten Bewegung und Montage
gegen; der Blick, mein Blick, verdoppelt sich
h die Kamera, wird durch sie gelenkt. Das
rerste Bild ist die übergroße Nahaufnahme,
ht von schräg oben zeigt sie mir eine kindlich-
zige Maria, ärmlich gekleidet aber mit einer sto-
en Ruhe und Selbstverständlichkeit - in gewis-
Weise darin der Ognissanti-Madonna Giottos
inlich. Nach der Blick-
in den Richtung Na-
sth wandernden Jo-
hen. Er kniet nieder
| legt verzweifelt seinen Kopf auf einen Felsen,
‚schließt die Augen. Stille. Joseph schreckt auf,
t Engel Gabriel erscheint: „Joseph, du Sohn Da-
Is, fürchte dich nicht, Maria dein Weib zu dir zu
ımen, denn ihr Kind ist aus dem heiligen Geis-
Josephs Zweifel sind ausgeräumt, er kehrt zu-
zu Maria und gibt ihr mit einem Lächeln zu
rstehen. Sie erwidert es.
larias Rolle im Film ist kurz, sichtbar wird sie
ir in den ersten und letzten Minuten des Films.’
ine der eindringlichsten Szenen des Films be-
SORGENDE MUTTER, SIE POSIERT
schreibt Ihre amlbivalente Rolle sehr deutlich: Zu
den Klingen von Odetta Holmes pilgern die Heili-
gen, gefolgt von einer Menschenmenge, zur jun-
gen Mutter und dem Jesuskind. Maria sitzt vor ei-
ner Höhle, dus Jesuskind in den Armen, sie trligt
jetzt ein weißen Kopftuch, Zeichen ihrer Unschuld.
„Sometimen, I fuel like a motherless child |...] so-
metimes I fool like I'm almost gone, way up in the
heavenly land. ,,", Während Odetta diese Zeilen
singt, sehen wir Maria. Verunsichert steht sie auf,
nach einem Blick zu Joseph setzt sie sich wieder.
Sie erscheint als Großaufnahme, erst mit zürtli-
chem, aufdas Kind gerichteten, dann mit Blick auf
die zur Ehrung Gekommenen. Nie ist sie kindlicher
als hier, bei der Überlegung, ob sie die Anderen an-
erkenntodernlcht, Ihr Blickist abschätzend, überle-
gen undzärtlichzugleich, ihr Mund fürden Moment
neckisch und leicht geöffnet. Im nächsten schließt
sie ihn und überreicht das Kind. Ihre Rolle ist ihr
klar, ihre Aufigabe erfüllt. Maria, vom hebräischen
mirjam oder marjam abgeleitet, hat „das Bittere
der Zeit getragen“, Sie trägt es und so wird Jesus
geboren, von dem wir wissen, bitter wird es sein,
denn er wird am Kreuz geopfert werden. Doppel-
deutiggsind die gesungenen Zeilen. Maria bringt Je-
sus auf die Welt, der wiederum zum motherless
child wird, um die im abstrakten Sinne Mutterlo-
sen, die Entfremdeten zu befreien. Maria „löst“ Je-
sus von sich, gibt ihn und ihre Liebe her und so
wird er zur autonomen Heilsfigur, zum sozialuto-
pischen Prediger, der auf die Veränderlichkeit ver-
weist, die in dem sometimes enthalten ist... Was
weibliche Liebe nicht al-
ie mit Joseph steht sie IN DER KUNST IST SIE les vollbringen kann.
' Rand der kargen Für einen Moment je-
inhütte und schaut VIELE FRADERE GEWESEN, VIELE doch blitzt Maria in die-
nach, ein Choral MUTTER UND DIE EINZIGE ser Geste, in ihrer trotzi-
ein. ZUGLEICH, SIE IST HEROISCHE gen Abschätzung als ei-
» Kamera zeigt mir GOTTESGEBÄRENDE UND genständiges Subjekt auf,
doch ihre Handlung ist
schon beschlossen, auch
)h. Kurz vor der Stadt IM PARADIES UND IM ELEND, ihr Schicksal ist bestimmt
ft er auf ein Dut- R “ — sie verschwindet hinter
ind spielender Kinder IST KONIGIN UND MÄDCHEN ihrem Sohn. Trotz allem
| bleibt überwältigt ZUGLEICH. bleibt Pasolinis Maria für
mich eine der Schönsten.
Es ist ihr eindringliches Gesicht, das einen Stolz
und eine Andersartigkeit ausstrahlt, die fasziniert.
Pasolinis Film ist detailgetreu, einzige Basis ist das
Evangelium, das für ihn ein Werk unvermittelter
Schönheit ist, Unvermittelt, das meint eine Schön-
heit, die sich nichtals rein ästhetische begreift, son-
dern auch eine zutiefst moralisch begründete ist.
Die Großaufnahmen von Marias Gesicht sind die
Momente, in denen Pasolinis Maria mir am nächs-
ten kommt. Sie ist gleichzeitig fremd und erhaben,
kindlich-unschuldig und stolz, sie erscheint als ei-
8 Pier Paolo Pasolini: Il
Vangelo secondo Matteo (dt,ı Daun
1. Evangelium - Matthäus), 1964,
9 Ich gehe hier nur auf. Ihr
Erscheinen in den ersten 10 MI
nuten ein. Marias Rolle zum
Schluss des Films ist kurs, ale
erscheint als verzweifelte
Mutter zur Kreuzigung und spi®
ter zur Kreuzabnahme. Ein paar
bewegende Einstellungen wäh
rend der Kreuzigung zeigen „ia
lautlos klagend - sie wird hier
von der Gottesmutter zur urel
genen Mutter. Kein Wunder alno,
dass Pasolini die Rolle seiner
Mutter gab.
mM 2 cf# zug ur Sprsımo
GEBÄREN
92
Outside the Box #3
10 Pasolinis Verfilmung zeigt
uns Jesus und seine Geschichte
auch als eine Art Sozialuto-
pie, die, angesiedelt im südli-
chen Italien, durchaus kämp-
ferische Momente hat und in der
Jesusfigur exemplarisch eine An-
dersartigkeit zeigt, die in
dieser durchkapitalisierten Welt
nicht existieren kann. Er prä-
sentiert uns in einer Mischung
aus cinäma v&erite und christ-
licher Ikonografie einen von einem
naiven, fast schon magisch anmu-
tenden Realismus getragenen Film,
der von einer irrationalen Hoff-
nung auf ein proletarisches
Subjekt (das sich v.a. in Jesus
verkörpert) getragen scheint.
ll Diese Verpflanzung machte
Je vous salue, Marie zu einem der
Skandalfilme der 80er
wurf der Blasphemie kam dabei vor
Der Vor-
allem aus der katholischen
Kirche - ein Aufführungsstop in
Rom und im Vatikan war u.a.
die Folge.
12 Eine der zentralen Szenen
zeigt, wie Joseph immer wieder
seine Hand auf Marias Bauch
legt, sie diese aber mit einem
„Nein“ wegstößt. Nach eini-
gen Versuchen begreift er, dass
er den Bauch wieder loslassen
muss, um ihn anfassen zu dürfen
- nur darin zeigt sich seine
Akzeptanz.
13 Das mag recht harsch klin-
gen, doch ich lese Godards Film
stark in diese Richtung. Dabei
muss ich aber zugeben, dass der
Film nie vollkommen eindeutig
wird. Durch die Art des Films,
d.h. Brüche zwischen Ton und
Bild, harte Schnitte, essayisti-
sche Aneinanderreihung der
Bilder, zeichenhafte Schauspie-
ler etc., behält er etwas Of-
fenes und sich der Interpretati-
on Entziehendes.
er nicht nur die Geschichte zwi-
schen Maria und Joseph, son-
Zudem erzählt
dern zeigt auch eine moderne Eva
und ihre Geschichte, auf die
ich hier nicht eingehe.
ne Erinnerung an ein auf eine gewisse Weise als
selbstverständlich erfahrenes Leben. Ihre sinnliche
Körperlichkeit erscheintinmanchen Momenten un-
belastet von gesellschaftlicher Ideologie oder Schuld
als archaisches Bild einer reinen Wirklichkeit des
Körpers und erinnert darin an eine andere, irrati-
onale Art des Erfahren-Könnens, die in der moder-
nen, kapitalistischen Welt unmöglich scheint, viel-
leicht immer schon unmöglich war.!®
Doch Maria existiert nicht alleine und aus sich
selbst heraus, sondern immer im Blickwechsel mit
Joseph. Darin versichert sich ihr Dasein, der männ-
liche Blick exponiert sie, prägt sie, bestimmt sie.
Ihre erhabene Wirklichkeit ist eben doch fremdbe-
stimmt, ihre Existenz benötigt die Versicherung
männlicher Zustimmung , eine Versicherung, derer
ihr entfremdeter Sohn
nicht mehr bedarf.
Der männliche Blick auf
das Mysterium der den
Gottessohn Gebärenden
setzt sich im zwanzig
Jahre später erschiene-
MARIA IST VOR ALLEM DER
INBEGRIFF EINER GEKNEBELTEN
WEIBLICHKEIT, EINE (MÄNN-
LICHE) KONZEPTION, DIE DIE
KLUFT ZWISCHEN HEILIGEM UND
Katharina Zimmerhackl
Angelegenheit) verdeutlicht die Aspekte, um die es
in der Ausformulierung der Beziehung zwischen
Maria und Joseph bei Godard geht. Nachdem En-
gel Gabriel schnoddrig ankündigt, dass Maria ein
Kind bekommen wird, ist es um Joseph geschehen
und seine Eifersucht kocht hoch. Immer wieder
nötigt er Maria, ihm zu sagen, mit wem sie schlafe,
fordert sie heraus, bedrängt sie — er ist der Inbe-
griff des penetrierenden Männlichen. Selbst der
Besuch Marias beim Gynäkologen schafft keine
Abhilfe, erst als Joseph selbst „Hand anlegt“ um
sich ihrer Jungfräulichkeit zu versichern -eine Ges-
te, die an den ungläubigen Thomas erinnert - ist er
besänftigt. Am Ende des Films hat er gelernt, dass
seine Liebenichtim Eindringen, sondernim „Loslö-
sen“ liegen muss’?, er akzeptiert, dass erein „Schat-
ten Gottes“ sein wird,
so wie eigentlich jeder
Mann. Par excellence
schildert uns Godard
hier die Mystifizierung
weiblicher Natur hin-
sichtlich ihrer Gebär-
fähigkeit gepaart mit ei-
nen Je vous salue, Ma- SEXUALITÄT ZU ÜBER- nem kräftigen Schuss
rie von Jean-Luc Go- BRÜCKEN VERSUCHT. DIE IN männlicher Angst da-
dard fort. Hier ist es ’ vor. „Ich habe mich
DER KIRCHE EXISTIERT.
dieses Verhältnis zwi-
schen Maria und Joseph,
das zum tragenden Konflikt avanciert. Im Kont-
rast zu Pasolini setzt Godard seinen Film in die
Gegenwart, Maria ist ein junges Mädchen, Toch-
ter eines Tankwarts. Das klingt erst einmal nach
Komödie, doch Godard macht einen ernsthaften
Versuch, das Sakrale und die Frage nach Schöp-
fung in die profane Alltäglichkeit eines modernen
Lebens zu verpflanzen.'
Der Film beginnt, es erscheint eine verregnete
Schweizer Landschaft, Gras wiegt im Wind. Dann
sehen wir eine Wasseroberfläche, etwas wird hi-
neingeworfen, immer wieder, mit immer mehr
Kraft. Solch allegorische Einstellungen von Natur
durchziehen den Film: Kreisrunder Mond oder
hell scheinender Sonnenball, immer wieder wird
uns der Bezug zur Natur bildlich eingehämmert,
macht außerdem durch die Rückgriffe auf runde,
leuchtende Formen diverse Verweise auf: Bauch
der Schwangeren, Heiligenschein, Kreis als Sym-
bol der Unendlichkeit u.v.m.. Aber erst einmal zur
Story. Ein anfängliches Gespräch zwischen Joseph
und seiner Geliebten Juliette (Sie Ich frag mich -
Er Was? - Sie Alle Frauen sehnen sich nach etwas,
das einmalig ist auf der Welt —- Pause — Er Merkst
du nicht, das ich dir nicht zuhöre. Weißt du, Män-
ner glauben, dass sie in eine Frauen eindringen kön-
nen — das Bild wechselt zu Maria — Sie Wie weit
bist du eigentlich mit Maria — Er Das ist meine
schon immer gefragt,
was wir eigentlich über
eine Frau wissen, und ich habe herausgefunden,
dass wir nicht mehr wissen können, als das was ein
Mann schon gewusst hat: Da liegt ein Geheimnis.“
Der Ausspruch des Gynäkologen, der Maria ihre
Jungfräulichkeit attestiert, schilder Godards Werk
ganz gut, denn der Film huldigt auf gewisse Art
weiblich-jungfräulicher Schönheit und verklärt sie
zum unerklärlichen Mysterium, verbindet die Fra-
ge jeglicher Schöpfung von Leben mit der Frau
und bedient damit den Mythos Maria sehr deut-
lich. Der weibliche Körper und die Schwanger-
schaft erscheinen als das, was sich dem filmischen,
d.h. männlichen Blick der Kamera zu entziehen
vermag, als unerklärliches Geheimnis.'”
Doch interessanterweise versucht der Film auch
den Blick ins Innere Marias, in sie und auf ihr sich
wandelndes Verhältnis zum eigenen Körper. Go-
dards Maria ist jung, geht zur Schule, spielt Bas-
ketball (runde Form!). Die Verkündigung ihres bal-
digen Gebärens nimmt sie verwundert auf, doch
die anfängliche Skepsis weicht schnell und sie
nimmt es als gegeben an. Liebevoll aber fragend
berührt sie ihren eigenen Körper, wir sehen ihre
Hand Richtung Schritt gleiten, sehen sie beim zärt-
lichen Abduschen. Maria nähert sich ihrem Kör-
per an, scheint für Momente eins mit ihm. Doch
dann sehen wir sie im Ringen mit sich selbst, im
Kampf mit ihrem Körper. Sie liegt im Bett und
harina Zimmerhackl
an ihrem Laken, windet sich, bäumt sich auf.
verflucht Gott (er ist ein Arsch, ein Vampir)
was er von ihr fordert, auch wenn sie die Ein-
igkeit der Erfahrung, die sie erlebt, aner-
it, Es ist der Verlust der Sexualität, absolute
lorwerfung: „Maria ist ein Körper, der von der
e abgefallen ist. Ich, ich bin eine Seele, die die
füngene eines Körpers ist. Meine Seele bereitet
Übelkeit, das kommt von meiner Möse.“ Ich
| eine Frau, auch wenn ich mein Kind nicht
ich die Möse empfangen hab.“ Die inneren Mo-
oge Marias, die über diesen Filmbildern lie-
sind fragmentarisch und uneindeutig, geben
klarheiten auf. Aber sie bilden gemeinsam mit
ı Bildern einen Konflikt ab, der in den stum-
1, gemalten Marien unsichtbar bleibt — den
inpf um Weiblichkeit und Sexualität, den Maria
‚Frau zu führen hat; das Scheitern und Festhal-
an der Zuschreibung „Maria“, der sie als Frau
Agesetzt ist.
ich trotz allem Kreisen um den Körper und das
eisch bleiben Godards Figuren seltsam körper-
haben vielmehr symbolische Funktion in einem
füge von Andeutungen und Textfragmenten. So
it es im Film gar nicht darum, den Körper als
chen zu repräsentieren und an ihm zu arbeiten
le es Pasolini versucht), sondern er versucht, das
thältnis zwischen Körper bzw. innerer Natur
Geist abstrakt zu reflektieren. Ist der Körper
selt oder wird die Seele verkörpert? Was bleibt,
ın die Seele vom Körper abfällt? Fragen wie
se werden immer wieder verhandelt - Maria
| das Wunder ihrer unbefleckten Empfängnis
einen darin symbolisch als Schnittstelle zwi-
en den beiden Polen auf.
ine Frau
ıimer wieder neu wird sie uns präsentiert, Maria,
heotokes — die Gott gebiert. Immer wieder wird
ıd wurde sie inszeniert. Meist von Männern, denn
inter jedem der Bilder, das ich beschrieben habe,
»ckt ein Maler oder ein Regisseur, der Anweisun-
n gab. Stell dich so hin, schau nach unten, warte,
ein Haar liegt nicht richtig, Sie sind es, die das
ntlitz verändern und durch diese immerwähren-
€ Formung einen Mythos mit generieren, ein be-
immtes Bild von Maria, von der Heiligen Mutter,
n jeder Mutter und ihrem Kind. Eine Geschich-
» weiblicher Enthaltsamkeit, unterdrückter Sexu-
ät und deren Überhöhung bis ins Utopische —
aria als Heilsversprechen für die Menschen —
itt uns in den Bildern Marias entgegen, denn die
arienverehrung zeigt ein ambivalentes Verhält-
s von Verneinung des weiblichen Körpers einer-
its und Sakralisierung einer bestimmten Weib-
chkeitandererseits. Mariaisteinegesellschaftliche
Projektionsflüche, die mit der Zeit vieles in sich
aufgenommen hat, Eigentlich taucht Maria in der
Bibel fast nicht auf, erst im Nachhinein entsteht in
den P lien ihre Lebens- und Leidensge-
schichte, wird sie durch diverse kirchliche Konzi-
le offiziell zur jungfräulich Gottesgebärenden er-
nannt, In Ihrer Ausformulierung ist das Symbol
Maria doppeldeutig, man könnte sagen, sie schwebt
zwischen dem demütigen Fiat" und dem revoluti-
onären Magnifioat‘‘, Auf der einen Seite erscheint
Maria als unterwürfige, dienende Magd als hy-
phen-being, das sich „nur“ in der Relation mit dem
Männlichen definiert - Braut des Heiligen Geis-
tes, Tochter des Allmächtigen, Mutter Jesu Christi;
auf der anderen Seite aber taucht sie als utopische
Figur auf, die, durchdrungen von Gottes Geist,
auf die Verlinderbarkeit der Welt verweist.
Maria ist vor allem der Inbegriff einer geknebel-
ten Weiblichkeit, eine (männliche) Konzeption, die
die Kluft zwischen Heiligem und Sexualität zu
überbrücken versucht, die in der Kirche existiert.
Natürlich ist jedes Bild von ihr ein auf eine gewis-
se Art gemachtes, eine Inszenierung als etwas Be-
stimmtes, Doch in manchen Gesten oder Blicken
scheint sich die Frau hinter „Maria“ zu regen und
wird sichtbar - wie bspw. der Blick der Ognissanti-
Madonna Ihr eine Eigenständigkeit verschafft, die
den Frauen im Mittelalter auch als Vorbild galt
und ihnen damit eine Identifikationsfigur bot!” Es
ist eines der Anliegen der feministischen Theolo-
gie, Maria auch als Frau zu lesen, die durch ih-
re körperliche Präsenz die Inszenierung in ihre
Schranken verweist, durch einen Blick manchmal,
eine Geste, ein Detail. Erst in diesen Brüchen, in
denen die Frau hinter Maria sich zeigt, wird die In-
szenierung als solche sichtbar, zeigt sich der Kampf,
der auf dem Körper der Frau ausgetragen wird,
und verdeutlicht sich das Making-of eines abstrak-
ten (Mutter-)Bildes, von dem das Marienbild ein
sichtbarer Teil ist, Godards Maria ist es, die mir
dabei zeigt, wie gewaltvoll diese Zurichtung auch
ist. Ihr Aufbliumen und Ringen ist Zeugnis eines
körperlichen Aufbegehrens, Kampf mit ihrer Se-
xualität, mit ihrer inneren Natur. Pasolinis Maria
hingegen scheint diesen Kampf nicht zu kennen,
denn sie verweist in ihrer körperlichen Präsenz, in
ihrer Wirklichkeit auch auf einen irrealen Zustand
der Versöhnung,
KATHARINA ZIMMERHACKL
Grafikerin & Künstlerin, ist Redaktionsmitglied
und lebt in Leipzig.
14 Im französischen Original
heißt es „Mon äme me fait mal nu
in der
wörtlichen dt. Übersetzung unge
fähr „Meine Seele tut meinem
Herzen weh und das ist meine
Möse“ bzw., so steht es im dt. Un
tertitel,
mein Herz leiden und es ist mel»
ne Scham.“ Die Synchronisierung
ceoeur et c’est mon con“,
„Meine Seele lässt
entstellt das hier also etwas
15 Fiat (lat. es werde) bezieht
sich auf Lk 1,38:
sprach: Siehe ich bin des Herrn
Magd: Mir geschehe, wie du
gesagt hast.“
„Maria aber
16 Magnificat (von lat. lobprei-
sen) hingegen verweist auf
Marias Lobgesang (Lk 1,46-56), in
dem sie Gott preist: „Er stößt
die Gewaltigen vom Thron und er-
hebt die Niedrigen. Die Hung-
rigen füllt er mit Gütern und
lässt die Reichen leer aus-
gehen.“
17 Auch heute noch gibt es Ver-
suche, Maria als utopisches
Vorbild zu verstehen, indem man
sowohl ihre Jungfräulichkeit
als Unabhängigkeit, als Fähigkeit
des >In-sich-Wurzelns< liest, als
auch Enthaltsamkeit nicht se-
xuell,
haltung versteht, die sich Gott
unterzuordnen versteht ohne sich
selbst zu verlieren,
vorbehält (gleichzeitige Demut
und Erhabenheit).
sondern als eine Geistes-
sich ihm
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Katharina Zimmerhackl
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Outside the Box #3 97 GEBÄREN
Iharina Zimmerhackl
GEBÄREN
98
Outside the Box #f3
Barbara Schnalzger
Erst rette ich Polen,
dann mach’ ich die Wäsche
Ein zäher Mythos:
die Figur der Matka Polka
Matka Polka ist eine seltsame Zusammenstel-
lung: Aus dem Polnischen übersetzt bedeutet die
Wendung so viel wie »Mutter Polin«. Diese For-
mulierung geht auf den polnischen Nationaldich-
ter Adam Mickiewiez zurück. In seinem Gedicht
Do Matki Polki („An die Mutter Polin“) wendet er
sich 1830/31, kurz vor dem sogenannten Novem-
beraufstand, in dem das geteilte Polen um seine
nationale Unabhängigkeit kämpft, an die Mutter
Polin: „O Mutter Polin, warne deinen Knaben!“
Sie soll ihre Söhne zu Kriegern erziehen, die dazu
bereit sind, für die Nation Polen zu leiden und
zu sterben. Es geht um
mehr als eine Polin, die
Mutter ist. Mickiewiez
kreiert mit dem Bild
der Matka Polka den
PARADOX AN DER
ETABLIERUNG DER SOG.
»GESCHLECHTSCHARAKTERE«
einem konkreten Beispiel zu zeigen, was Mütter
im Fall Polens mit der Herausbildung einer mo-
dernen Nation zu tun haben.
Geschlechterverhältnis und Nation:
ein kurzer Überblick
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts veränderte
sich die Gesellschaftsstruktur in Europa grundle-
gend: Die Auflösung von Feudalismus und Stän-
degesellschaft fanden einen Kulminationspunkt
in der Französischen Revolution, aus der unter
Betonung der Gesamt-
heit und Souveränität
des Staatsvolkes ge-
genüber ständischen
und partikularen An-
äußerst langlebigen IST, DASS FRAUEN GERADE sprüchen auf staatliche
nationalen Mythos DURCH IHREN AUSSCHLUSS AUS Hoheit — verkürzt ge-
einer symbiotischen
sagt — ehemals Leibei-
Verbindung von Mut- DER ÖFFENTLICHKEIT BZW. gene als frei und gleich
terschaft und polni- IHREN EINSCHLUSS vorgestellte BürgerIn-
scher Nation. Die Mat- IN DIE FAMILIE IN DIE nen hervor. Gleichzei-
ka Polka übernimmt
offenbar eine wichti-
ge Funktion im polni-
schen Nationalgefüge.
Nicht nur in Polen geht
die historische gesellschaftliche Genese einher
mit einer tiefgreifenden Verknüpfung der essen-
tialisierten Kategorien Geschlecht und Nation.
„In der modernen Nation kann, sollte und wird
jeder eine Nation haben, so wie jeder ein Ge-
schlecht hat“, schreibt Benedict Anderson in Die
Erfindung der Nation. Was macht »Nation« und
»Gender: zur Pflicht und warum und wie bedin-
gen sich die beiden unterschiedlichen Konstruk-
tionen? Ich hole etwas aus, um diesen Zusam-
menhang zu beschreiben. Anschließend komme
ich auf die Figur der Mutter Polin zurück, um an
BÜRGERLICHE GESELLSCHAFT
INTEGRIERT WURDEN.
tig verdichteten sich
vor- und frühkapitalis-
tische Produktionswei-
sen zum Industriekapi-
talismus: Die feudale
‚Ökonomie des ganzen Hauses< wich zunehmend
der Produktion für den Markt. Mit der Entwick-
lung des Bürgertums und der Verbreitung kapita-
listischer Produktionsverhältnisse entstand etwas
grundsätzlich Neuartiges: eine strikte Grenzzie-
hung zwischen privater Reproduktionssphäre
(Familie) und Produktionssphäre (Gesellschaft,
Markt). Entlang der Trennungslinie privat/öffent-
lich wurden, und zwar rationalistischer als zuvor
im Feudalismus, wo die Abtrennung des »Weibli-
chen« vielmehr über soziale Zuordnung geschah,
die Geschlechterrollen neu ausgehandelt. Es ent-
rbara Schnalzger
nd die Annahme von sich ergänzenden »Ge-
hlechtscharakteren«, die von biologischen und
turhaften »Gegebenheiten« abgeleitet wurden.
tauen schienen für die Aufgaben als Hausfrau,
ttin und Mutter, Männer für diejenigen im au-
häuslichen Beruf quasi prädestiniert: „So wird
mittels der an der natürlichen Weltordnung ab-
esenen Definition der Geschlechtscharaktere
glich, die Dissoziation von Erwerbs- und Fa-
ilienleben als gleichsam natürlich zu deklarie-
und damit deren Gegensätzlichkeit nicht nur
notwendig, sondern für ideal zu erachten und
harmonisieren“ (Karin Hausen in Polarisie-
ing der Geschlechtercharaktere, 1977). Paradox
‚der Etablierung der sog. Geschlechtscharakte-
ist, dass Frauen gerade durch ihren Ausschluss
; der Öffentlichkeit, bzw. ihren Einschluss in
e Familie, in die bürgerliche Gesellschaft in-
sriert wurden — eben dadurch, dass sie sich er-
inzend zum anderen Geschlecht verhalten. So
st sich auch erklären, wie der Widerspruch
Yischen dem durch die Sphärentrennung legi-
nierten Absprechen von Rechten (markantes
ispiel Frauenwahlrecht: in den meisten Staaten
st nach dem Ersten Weltkrieg, in der Schweiz
gar erst 1971 eingeführt) und dem Egalitäts-
spruch der bürgerlichen Gesellschaft aufgelöst
irde: Frauen und Männer hatten scheinbar not-
d unveränderbare
Familie. Sie als
lütter sorgte dafür,
iss es kein vor- und nachnational gab. Ihre Auf-
\be war die Reproduktion der Gesellschaft und
? Weitergabe des Bewusstseins einer vermeint-
überhistorischen Gemeinschaft.
er Prozess des »nation building« stellt die
ndlage der gesellschaftlichen Neuorganisati-
in Staatsform dar. Die Vorstellung einer abs-
ten, nationalen Gemeinschaft überlappte an-
re Identitätsentwürfe, z.B. Zugehörigkeit zur
orfgemeinschaft, zur Christengemeinschaft
. Die Konstruktion eines nationalen Gebildes
!huf - durch Ein- bzw. Ausschluss der/des als
ders Wahrgenommenen - ein Zusammengehö-
xkeitsgefühl und den Willen, am Projekt eines
putschen, französischen, englischen etc.) Na-
pnalstaates mitzumachen. Diese unfreiwillige
eiwillige Integration in die Staatsnation bedeu-
je zum einen zwar, dass mit der Formulierung
ALS WESTLICHE
EMANZIPATIONSANHÄNGERINNEN
der Menschenrechte und der Etablierung eines
Rechtssystems zumindest ein Ausgangspunkt ge-
schaffen war, an den die Frauenbewegung(en)
bzw. andere marginalisierte gesellschaftliche
Gruppen mit ihren Forderungen anknüpfen
konnten und können. Andererseits wurde damit
keineswegs das Patriarchat oder die hierarchi-
sche Organisation von Gesellschaft abgeschafft,
wie etwa das asymmetrische Verhältnis von Frau-
en und Männern zeigt. Geschlecht im Sinne der
Neukonstitution als »Geschlechtscharakterd wie
auch Nation wurden in der kollektiven Wahrneh-
mung ab dem 18. Jahrhundert wichtige, wenn
nicht die wichtigsten Ordnungsprinzipien über-
haupt und sind es immer noch: Ein Leben ohne
Geschlecht oder Nation scheint unvorstellbar, il-
legal, pervers oder zumindest nicht normal«.
In Polen stellt sich die historische Entwicklung
diesbezüglich etwas anders dar, doch das mindert
nicht die Bedeutung von Nation und Geschlecht,
im Gegenteil: sie wird eher verstärkt.
Die national-politische Aufladung von
Mutterschaft in Polen
„Als westliche Emanzipationsanhängerinnen um
Gleichberechtigung kämpften, kämpften Polin-
nen um ihre Nation“, schreibt die Philosophin
Monika Piotrows-
ka (dies: Die Tochter
der Mutter Polin, in:
inktionen im Na- UM GLEICHBERECHTIGUNG taz vom 08.03:2004).
jnalstaat. Die Frau 2 Die Ausprägung von
tte ihre wichtigste KAMPFTEN, Geschlechterrollen
Ile in der Mikro- KÄMPFTEN POLINNEN UM hat in Polen einen
Ile des ’Volkes«: in IHRE NATION. speziellen Weg ein-
geschlagen. Ich fo-
kussiere bei dessen
Skizzierung die (sich verändernde) politische
Aufladung von Mutterschaft, die in der Figur der
Matka Polka evident wird.
Im Bewusstsein um die Gefahr einer Reproduk-
tion kulturalistischer Zuschreibungen durch de-
ren Beschreibung sei darauf verwiesen, dass Ka-
tegorisierungen tendenzielle Positionen anhand
unterschiedlicher Erfahrungshorizonte und histo-
rischer Prozesse verdeutlichen sollen. Anders als
in den westlichen Industriestaaten vollzieht sich
das polnische »nation building« nicht mit der Ent-
stehung eines starken Bürgertums, sondern ent-
lang eines fast 200-jährigen Kampfes um nationa-
le Unabhängigkeit bzw. im Widerstand gegen das
sozialistische Regime. Im historischen Zeitraf-
fer sind das folgende Eckdaten: Am Ende des 18.
Jahrhunderts wird das Königreich Polen-Litauen
zwischen Preußen, Russland und dem Habsbur-
1 Geschlecht wurde zwar auch
vor dieser Entwicklung bipolar
imaginiert, die jeweiligen Zu-
schreibungen fußten allerdings
erst ab dem 18. Jahrhundert auf
wissenschaftlichen’, biologisier-
ten Erklärungen.
£4 xog oyı oprsıng
66
NYUYIHD
GEBÄREN
100
Outside the Box #3
ger Reich aufgeteilt. Nach einer kurzen Phase der
staatlichen Souveränität Anfang des 20. Jahrhun-
derts folgt die deutsche Besatzung und, im Zuge
des Hitler-Stalin-Pakts, eine erneute Teilung Po-
lens. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht mit
nach Westen verschobenen Grenzen die Volksre-
publik Polen als souveräner Staat, der jedoch in
Polen als verlängerter Arm der Sowjetunion emp-
funden wurde. In diesem geschichtlichen Verlauf
ist die starke und persistente Bindung von Frau-
en als Mütter an Familie und Nation zu veror-
ten, mit der Matka Polka als ihren manifesten
Ursprung. Worin begründet sich die Wirkungs-
macht des Mythos und warum konnte er bis heu-
te überleben?
Die Erfindung der Matka Polka
Der polnische Nationaldichter Adam Mickewicz
erschuf 1830 mit seinem Gedicht An die Mutter
Polin die tragische, aufopferungsbreite Gestalt
der Matka Polka und verpflichtete Frauen
damit, in ihrer Rolle als Mutter und Ehefrau
qua Erziehung und
Barbara Schnalzger
Staat über sich hatte, der ihren Zusammenhalt
garantieren konnte, wurde die Aufgabe der
Formierung eines nationalen Bewusstseins in die
Familie verlegt. Als »Volksmutter« erhält die Frau
eine zweifelhafte politische Funktion.
Es stimmt allerdings nicht ganz, diese Funktion
allein im privaten, familiären Raum zu verorten.
Der Kampf um die Nation Polen war zu dring-
lich und vordergründig und musste gemeinsam
geführt werden, Diskussionen um Geschlechter-
differenzen hatten vergleichsweise wenig Raum.
Die Matka Polka hatte in diesem Sinne eine Stel-
lung zwischen der privaten und der öffentlichen
Sphäre: etwa, wenn sie »organische Arbeit« leiste-
te, d.h. im halböffentlichen Raum durch Sprach-
und Geschichtsunterricht zur »Polonisierung«
der Gesellschaft beitrug oder konspirative Auf-
gaben übernahm. Dies führte zum einen dazu,
dass Frauen an allen nationalen Aufständen be-
teiligt waren. Die kobieta-rycere, die »kämpfende
Frau«, wurde während der Teilungszeit sogar als
neue Frauenrolle interpretiert. Die Widerstands-
kämpferin Emilia Plater bspw. führte als Kapitä-
nin eine ganze Truppe
in Abwesenheit eines ZUGEHÖRIGKEIT im polnischen Novem-
Staates die nationale beraufstand 1830/31 an.
Identität und den ZUR NATION Das Bild der kobieta-
Patriotismus aufrecht ODER PERSÖNLICHE rycerc gefährdete den
zu erhalten. Warum, EMANZIPATION? Diskurs um die Mat-
so lässt sich fragen,
etablierte sich das
stereotype Frauenbild der Matka Polka, das
auch noch, wie ich später zeigen werde, bis .
heute wirksam ist? Natürlich überschnitt sich die
Matka Polka in ihrer ideologischen Ausrichtung
mit der christlichen Auffassung von Frau-
Sein, was zu ihrer Affirmation beitrug. In der
Idealisierung der katholischen Kirche (Polen ist
auch heute noch stark katholisch geprägt) wird
die Frau ein Abbild der demütigen Mutter Gottes.
Doch das ist noch nicht alles. Während es der
Frauenbewegung in Westeuropa und den USA in
ihrer unterschiedlichen (nationalen) Ausprägung
und inhaltlichen Schwerpunktsetzung um die
Erreichung gleicher und eigener Rechte ging,
konnten sich Frauen in Polen auch deswegen
lange nicht von der Rolle der Matka Polka
trennen, da die Politisierung des Privaten als
Credo der westlichen Frauenbewegung hier
kaum nachvollziehbar war. Gerade die Trennung
dieser Sphären eröffnete einen Schutzraum:
Die Familie und die katholische Kirche waren
Rückzugsräume und wichtigster Schauplatz
des nationalen Widerstands. Da die fingierte
polnische Nation während der Teilungen keinen
ka Polka nicht, sondern
ließ sich mit ihm verein-
baren - beide Frauenrollen verkörpern eine abso-
lute nationale Aufopferungsbereitschaft.
Zum anderen resultierte gerade aus dem »gemein-
samen Kampf für die nationale Sache die Un-
möglichkeit, geschlechterspezifische Hierarchien
zu benennen. Die Enthusiastinnen, ein informel-
ler Verbund polnischer Romantikerinnen in den
1830ern, oder Eliza Orzeszkowa in ihrem 1873
erschienene Roman Martha, sprechen das Hand-
lungs- und Argumentationsdilemma an, in dem
Frauen tendenziell gefangen waren: Entweder
die patriotische Gemeinschaft von Frauen und
Männern oder das Umstürzen dieser Gemein-
schaft zugunsten eigener Autonomie? Zugehörig-
keit zur Nation oder persönliche Emanzipation?
20. Jahrhundert:
Matka Polka revisited
Im Polen der Zwischenkriegszeit 1918-1939, der
sog. Zweiten Republik, etablierten sich kurzzeitig
bürgerliche Verhältnisse und damit eine Basis, auf
der sich in westeuropäischen Ländern und den
USA die Frauenbewegung herausgebildet hatte.
Barbara Schnalzger
In dieser vergleichsweise liberalen gesellschaft-
lichen Situation erlangten polnische Frauen das
Wahlrecht, sie drängten in die Universitäten und
starteten eigene berufliche Karrieren. Themen
wie Sexualität, Mutterschaft, Geburtenkontrol-
le (Verhütung und Abtreibung wurde beispiels-
eise verhandelt in der Kampagne für bewusste
utterschaft, angestoßen u.a. von Tadeusz Boy-
ele ski und Irena Krzywicka Ende der 1920er)
und neue Familienmuster wurden in der Öffent-
lichkeit diskutiert und der katholische Werteka-
on in Frage gestellt. Dieses Frauenbild entsprach
nicht der Matka Polka: In der Zwischenkriegszeit
war der Mythos anscheinend weniger wirkungs-
ächtig, da der Kampf ums nationale »Wir« im
Zuge der polnischen Staatsbildung 1918 auch we-
niger notwendig geworden war. Gleichwohl war
er nicht verschwunden: Die wirtschaftliche und
soziale Not in der Zweiten Republik war groß und
lie Einbeziehung von Frauen in den Erwerbsbe-
reich unerlässlich. Soziale Aktivitäten von Frauen
önnen demnach wohl eher als mütterliche Ver-
pflichtung zum Allgemeinwohl und weniger als
feministisches Eingreifen gelesen werden.
Es folgten deutsche Be-
ven und schließlich eine
nd Stalin. Frauen wur-
den abermals in die na-
ionale Pflicht genommen, diesmal vor allem als
Sanitäterinnen oder Melderinnen im polnischen
ntergrund und in Partisanenverbänden. Es gab
ntergrundschulen und -universitäten, die Frau-
ın ebenso besuchten wie Männer. Dokumente,
ie Aufschluss über die Rolle von Frauen wäh-
end des Zweiten Weltkriegs geben könnten, sind
ar. Erinnert wird vor allem die Matka Polka, die
ich selbstlos für ihr Volk opfert. Eine Revitalisie-
ung des Mythos fand schließlich auch nach dem
eiten Weltkrieg statt, als die Ermordung ei-
es Großteils der polnischen Intelligenz, insbe-
ondere der Massenmord an polnischen Jüdinnen
nd Juden, zu einer drastischen Bevölkerungsde-
imierung geführt hatte, die durch einen Gebur-
enanstieg ausgeglichen werden sollte. Das zeigt
ch u. a. an gesetzlichen Regelungen wie frühe
/ensionierung von Frauen oder verlängerter Mut-
rschaftsurlaub in der direkten Nachkriegszeit.
er Realsozialismus rief Frauen in der
olksrepublik Polen auf die Traktoren
nd versprach die Gleichberechtigung der
eschlechter. Zumindest stellenweise bewirkte
as neue politische System ein Recht auf
satzung und Plünderun- FRAUEN!
erneute Aufteilung des STÖRT UNS NICHT,
Landes zwischen Hitler WIR KÄMPFEN UM POLEN!“ Jahrhundert entlang
U N . En
Selbstbestimmung auch für Frauen. Sie hatten
Zugang zu Bildung und Arbeit, durch den
Aufbau von Kinderbetreuungsstätten wurden
sie entlastet, Abtreibung wurde legalisiert. Doch
die sozialistische Ideologie beschränkte die
Emanzipation der Frauen auf ihre ökonomische
Funktion, ihre Rolle als Mutter und Hausfrau
wurde nicht angetastet. Das Leitbild der »Heldin
durch Mutterschaft: wurde um ihre Werktätigkeit
erweitert. Die opferbereite Haltung, mit der
Frauen diese Doppelbelastung hinnehmen
mussten, revitalisierte den Mythos der leidenden
Mutter Polin. Bezeichnenderweise fällt genau
in die sozialistische Zeit die Errichtung des
Matka-Polka-Krankenhauses (Instytut Centrum
Zdrowia Matki Polki, 1983) im polnischen Eod .
Folgt man der Historikerin Gertrud Pickhan, so
sollte der befremdlichen Hemdsärmeligkeit der
Arbeiterinnen staatlicherseits durch Erinnerung
an den Opfermythos entgegengewirkt werden
(dies., Frauenrollen, Geschlechterdifferenz
und nation-building in der Geschichte Polens,
in: Deutsches Polen-Institut Darmstadt (Hg.),
Jahrbuch Polen, Wiesbaden, 2006). Doch nicht
nur staatliche Instanzen
belebten den Mythos
neu. Ähnlich wie im
19. und frühen 20.
des Konzepts der
‚organischen Arbeits,
wurde der gesellschaftliche Widerstand gegen
das sozialistische Regime in horizontalen,
staatsunabhängigen Netzwerken organisiert. In
der Oppositionsbewegung Solidarnosc wirkten
Frauen maßgeblich mit, wie etwa Shana Penn in
Podziemie Kobiet (Der Untergrund der Frauen)
zeigt. Nach dem Verbot der Solidarnose 1981
waren es vor allem Frauen, die die Weiterführung
der Solidarnose im Untergrund initiierten. In
die Redaktion der Untergrundwochenzeitschrift
Tygodnik Mazowsze, die ein wichtiges Element
für den Zusammenhalt der Bewegung darstellte,
traten bspw. erst 1985 Männer ein. Auch war
es eine Frau, die den Beginn der Arbeiter_
innenbewegung mitinitiierte: die Werftarbeiterin
und Kranführerin Anna Walentynowicz, deren
Kündigung die erste Streikwelle bewirkte.
Doch was stand auf den Mauern der berühmten
Gda sker Leninwerft, wo die Solidarnose ihren
Ausgang genommen hatte: „Frauen! Stört uns
nicht, wir kämpfen um Polen!“(„Kobiety, nie
przeszkadzajcie nam, my walezymy o Polsk !“).
Ihre Verbündeten verwiesen sie im gemeinsamen
Widerstand gegen das sozialistische Regime in
geschlechtlich definierte Schranken. Das ist nicht
£/ xog oy} oprsıng
LOL
NYUYIHD
GEBÄREN
102
Outside the Box #3
2 Durch eine Gesetzesänderung
soll das ohnehin äußerst
restriktive Abtreibungsgesetz
weiter eingeschränkt werden.
Abtreibungen sind dann auch im
Falle einer gesundheitlichen
Gefährdung von Mutter und/oder
Kind und bei einer Vergewal-
tigung gesetzlich verboten.
Während der Bearbeitung dieses
Artikels war noch nicht klar,
ob der Gesetzesentwurf angenom-
men werden würde. Weiter Informa-
tionen bietet beispielsweise
die polnisch/englischsprachige
Homepage von The Network of East
West Women: http://www.neww.eu/
verwunderlich, lässt
Barbara Schnalzger
des Sozialismus, wo Ab-
sich doch die Grün- Bee Er treibungen noch legal
dung der Solidarnose HASSLICH UND FAUL? durchgeführt werden
als Akt der Wieder- WERDE FEMINISTIN konnten, und schränkt
herstellung der patriar- ODER GEHE ZUM Frauen erheblich in ih-
chalen Ordnung lesen. rer Selbstbestimmung
In der Opposition, PSYCHOTHERAPEUTEN« ein. Vor allem die ka-
so schien es, konnte
man(n) wieder mündig werden und sich aus der
sowjetischen Bevormundung befreien. In diesem
Sinne ist auch die regimekritische polnische
Science-Fiction Kultkomödie Seksmisja des
polnischen Regissuers Juliusz Machulski von
1983 zu verstehen: Zwei Männer werden ins 22.
Jahrhundert transferiert. Sie finden eine Welt
voller Frauen vor, Männer existieren nicht mehr.
Die Frauenherrschaft (verrückte Feministinnen«)
wird dabei unterschwellig verglichen mit der
Sowjetherrschaft, die es zu bekämpfen gilt.
Zusammen mit zwei Frauen (durch Beischlaf
»bekehrt«) gelingt den Männern die Flucht. Ihre
Begleiterinnen werden ihre Ehefrauen. Die
beiden Paare vermehren sich und retten durch
die Rekonstitution der Familie die gesamte
Menschheit. Der platte Plot veranschaulicht,
wie nahezu ungebrochen der Mythos der Matka
Polka in die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse
integriert wurde. So ist es nicht verwunderlich,
dass von der vielfältigen Beteiligung von Frauen
am Widerstand so wenig bekannt ist: tradiert
wurden vor allem jene Aktivitäten, die ins Bild
der Matka Polka passten.
Von der Volksmutter zur Supermami
Nach dem Zusammenbruch der bipolaren Welt-
ordnung seit 1989 mussten Frauen in Polen wie
auch in den meisten anderen postsowjetischen
Staaten erkennen, dass die Demokratisierung
und die bürgerliche Mündigwerdung erst mal nur
Männer betrafen. Im Zuge der Rekonstituierung
des polnischen Staates war die staatliche Elite da-
ran interessiert, zu alten Ordnungsstrukturen zu-
rückzukehren, indem an katholische Vorkriegst-
raditionen angeknüpft wurde. Dies mündete in
einer alarmierenden Verschlechterung der Posi-
tion von Frauen: Steigende Arbeitslosigkeit und
ein sinkendes Lohnniveau im Zuge des rigoros
durchgeführten Übergangs von Plan- zu Markt-
wirtschaft betraf vor allem Frauen. In der poli-
tischen Repräsentation fehlten sie fast vollstän-
dig. Eines der ersten Gesetze in Polen nach 1989
war die Einführung eines rigiden Abtreibungs-
verbotes im Jahr 1993. Dieses Gesetz hat sym-
bolischen Charakter: Es schafft Distanz zur Zeit
tholische Kirche repro-
duziert das Bild der Matka Polka, aber auch poli-
tisch und gesellschaftlich steht dieses Idealbild
der Frau nach wie vor hoch im Kurs. Die polni-
sche Geschlechterpolitik ist äußerst familienori-
entiert, Frauen werden hauptsächlich als Mütter
und Schwangere in den Blick genommen. Dem
entgegen sind Frauen in Polen besser ausgebildet
als Männer und müssen den neoliberalen Spagat
zwischen Haushalt und Lohnarbeit bewerkstelli-
gen - eine in Polen vergleichsweise unhinterfrag-
te Situation. Der EU-Beitritt Polens 2004 wird
vor allem im konservativen und rechten politi-
schen Lager und von der Kirche im Sinne einer
westlichen Vorherrschaft als äußere Bedrohung
der polnischen Nation und - als deren Grundla-
ge - der traditionellen Geschlechterverhältnisse
wahrgenommen. Sexismus, Homophobie und An-
tifeminismus werden erstaunlich offen geäußert.
So klebten 2005 in Krakau und Warschau Plaka-
te an den Wänden mit der Aufschrift: »Bist Du
dumm hässlich und faul? Werde Feministin oder
gehe zum Psychotherapeuten« (Urheber_in mei-
nes Wissens unbekannt). Oder das jüngste Bei-
spiel: Der polnische Premier Donald Tusk wurde
angesichts der EU-Ratspräsidentschaft Polens von
einer Journalistin gefragt, ob bereits „alle Knöp-
fe bis auf den letzten“ zugemacht worden seien.
Diese Redewendung meint schlicht die Frage
danach, ob alle Entscheidungen schon getroffen
wurden. Der Premier reagierte mit plattem Sexis-
mus: „Wenn ich mir ihr Sommerkleid anschaue,
dann erinnert mich das so gar nicht ans Zuknöp-
fen, so bin ich, ich mag den Sommer eben.“ Sol-
che Sätze lösen zwar öffentliche Empörung aus.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass
sogar auf höchster politischer Ebene derlei Aus-
sagen oft gesagt und noch öfter gedacht werden.
Zusammenfassend lassen sich verschiedene
Gründe für die polnische Besonderheit in der Ge-
schlechterfrage feststellen: Zum einen war Frau-
Sein über einen langen Zeitraum mit dem Kampf
um die Nation verknüpft. Seit 1989 gibt es keinen
Anlass für nationale Unabhängigkeitsbestrebun-
gen mehr. Der Matka Polka-Mythos wurde leicht
modifiziert übernommen: Der patriotische As-
pekt ist in den Hintergrund getreten, doch die
Aufgaben der Frau liegen nach wie vor in der
N
Barbara Schnalzger
U
Familie. Sie soll als VIELEN WURDE KLAR, der 1990er in Polen
Pe der fami- DASS GERADE IN DEM MOMENT, eine Vielzahl ver-
liären Wärme und schiedener Frau-
Garantin der intak- DER MEHR FREIHEIT UND enorganisationen
ten polnischen Fa-
milie fungieren. Die
Geschlechterrollen
und der traditionel-
le Wert der Familie
‚stellen nach wie vor eine offenbar unabdingba-
re stabile Größe dar (2010 ergab eine Umfrage
von CBOS, Polens größtem Zentrum für Mei-
nungsumfragen, dass 92 % aller Polinnen und
Polen sich nicht vorstellen können, ohne Familie
glücklich zu sein). Zum anderen wird die Frau-
enbewegung und Feminismus spätestens seit der
staatlich diktierten Scheinemanzipation im Re-
alsozialismus mit einem grotesken Totalitarismus
assoziiert und ist auch heute noch oft als grund-
sätzlich ideologisch verschrien.
Ausblick
Seit Anfang der 1990er regt sich aber auch Wi-
derstand. Auslöser war das bereit genannte,
1993 verabschiedete Abtreibungsgesetz. Es be-
sagt, dass ein Schwangerschaftsabbruch nur
durch eine eugenische, medizinische und kri-
minologische Indikation erfolgen darf. Eine so-
ziale Indikation wurde gestrichen. Des Wei-
teren ist es dem behandelnden Arzt bzw. der
Ärztin vorbehalten, einen Schwangerschaftsab-
bruch aus moralischen Gründen abzulehnen.2
Auch der Transformationsprozess, der zunächst
eine Verschlechterung der Lebensverhältnis-
se allgemein und vor allem für Frauen hervor-
brachte, wie auch ein erneuter Ausschluss von
weiblichen Personen aus der politischen Sphäre
bewirkte eine Aktivierung von Frauen. Vielen
wurde klar, dass gerade in dem Moment, der
mehr Freiheit und Demokratie bringen sollte,
ihre Selbstbestimmungsrechte beschnitten wur-
den. Deswegen entwickelten sich seit Anfang
DEMOKRATIE BRINGEN SOLLTE,
IHRE SELBSTBESTIMMUNGSRECHTE
BESCHNITTEN WURDEN.
mit unterschiedli-
chen Schwerpunk-
ten wie Arbeit,
Recht, Bildung,
Gewalt, Gesund-
heit, Sexualaufklärung und Wohlfahrt, also
allen wahrgenommenen sozialen und poli-
tischen Problemlagen. Sie tragen dazu bei, An-
liegen von Frauen zu politisieren und versu-
chen, Entscheidungsprozesse zu beeinflussen.
Nichts desto trotz bleibt die Mutter Polin per-
sistent. Der Mythos war immer wandelbar und
wurde dazu benutzt, Werte der jeweils aktuellen
politischen Richtung auszuhandeln und weiter-
zugeben. Die wechselseitige Hervorbringung von
nationalen Selbstverständnissen und Geschlech-
ter- bzw. Sexualitätskonzepten durch Diskurse,
Handlungen und Redeweisen ist dabei immer
noch geprägt von einem Bild der Frau, die gera-
de durch ihre Aufgaben in der Familie Stärke zei-
gen kann. Entwicklungen, die diesem Bild entge-
gen stehen, sind umkämpft — man erinnere sich
an die Angriffe auf die in Polen jährlich stattfin-
denden Gleichheitsmärsche oder die nicht enden
wollende Diskussion um die Gesetzgebung zur
Abtreibung - veranschaulichen aber eine nicht
mehr aufzuhaltende Pluralisierungen der Mei-
nungen, bspw. auch durch queere Positionen, die
mehr und mehr Aufmerksamkeit ein- und die von
Politik und Gesellschaft propagierte Idee einer
homogenen polnischen Nation herausfordern.
BARBARA SCHNALZGER
ist Redaktionsmitglied der outside the box
und lebt in Leipzig.
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3: //institutfuerzukunft.blogspot.com Queer-Feministische Mittwochskneipe
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OUTSIDE THE BOX #3